Alles nur eine Illusion?

Mittlerweile gehe ich immer weniger davon aus, dass es mich in dem Körper gibt, den ich gemeinhin als meinen ansehe. Aber es ist verdammt schwierig, diese Überzeugung von einem „Ich“ aus „meinen“ Gedanken herauszubekommen.

Die Tücke mit der Sprache

Es geht dabei nicht nur um die Aussage von Ludwig Wittgenstein in seiner Logisch-Philosophischen Abhandlung „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“. Nein, es geht um viel mehr. Niels Bohr, seines Zeichens philosophierender Quantenphysiker, hat da noch eins drauf gelegt, als er sagte, dass man die Unzulänglichkeit der Sprache überwinden könne, so wie man mit nicht mehr sauberem Wasser und angeschmutzten Handtüchern sauberes Geschirr hinbekomme.

Ludwig Wittgenstein beschreibt den Umstand, jedenfalls verstehe ich ihn so, dass ich eben nicht sehen und auch nicht darüber sprechen kann, was ich nicht zu denken in der Lage bin. Niels Bohr hingegen bezog sich wohl eher auf die Sprache an sich, die eben eine Sprache ist, über die Newton sich sehr gefreut hätte, denn es ist eine Sprache, die ganz klar den Grundsätzen der klassischen Physik folgt. Nur kann diese Sprache die Phänomene der Quantenphysik nicht fassen, jedenfalls solange nicht, solange man allzu sehr an den Begriffen und den tradierten Bedeutungen festhängt und -klebt.

So wie die Quantenphysiker über die vermeintlichen Grenzen der Physik hinausgingen, müssen wir auch lernen, über die Grenzen unserer Sprache hinauszugehen. Darum sage immer, es sei nur ein sprachliches „Ich“, wenn ich ich sage. Aber das bedeutet nicht, dass ich da nicht auch immer wieder in die Ich-Vorstellung hinein rutschen würde. Es braucht eine Menge Disziplin, nicht immer wieder in alten Denkmuster zu verfallen.

Ich, nur eine Illusion?

Doch was bin ich dann? Es beginnt mit der Frage, wie die Welt in meinen Kopf kommt. Zuerst erzeugt mein Geist (wie jeder andere übrigens auch) eine perfekte Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass ich sie erst einmal nicht als ein Bild der Welt in meinem eigenen Geist erkenne. Dann generiert es ein inneres Bild von mir selbst als einer Ganzheit. Es ist das, was Philosophen oft die „Erste-Person-Perspektive“ nennen. Ich sage einfach „Ego“ dazu.

Gehirn und Geist sind hier nicht synonym zu verwenden, denn der Geist steckt nicht nur in meinem Hirn, sondern im ganzen Kerl. Also in der gesamten Materie. Dass Materie nicht geistlos ist, das wissen wir ja schon länger. Nur ist die Frage, ob wir das auch wahrhaben wollen. Wir sind dann nämlich nicht mehr so einzigartig. Und wenn ich darüber nachdenke, dann endet mein Lungensystem nicht an meinen Körpergrenzen, sondern im Regenwald des Amazonas. Oder in den Blättern der Bäume im Kellerwald. Und Kartoffeln gehören irgendwie auch zu meinem System, denn ohne Nahrung gäbe es mich ganz schnell nicht mehr. Also bin ich auch im Wasser. Es ist also nicht sehr logisch, mich auf meinen Körper zu reduzieren. Und auch nicht sehr clever. Warum zerstört der Mensch die Natur, die er auch ist? Weil er sich eben nicht als eins damit sieht.

Wenn ich das konsequent weiter denke, dann ist mein PC auch nur eine Art externes Gehirn, das mein Geist zu nutzen gelernt hat. Und der Raum, in dem ich lebe, hat vielleicht weniger mit mir zu tun, als ich eben dieser Raum bin. Was dann zu der Schlussfolgerung führt, dass ich alles bin, was ich wahrnehme und was mir bewusst ist. Mindestens und erst einmal. Wie das funktioniert, dass meine Frau darin auch Platz hat? Ganz einfach, sie gibt es letztlich so wenig wie es mich gibt. Ihr Geist hat sich nur einen anderen Standpunkt darin gesucht.

Es ist ein und derselbe Raum, soweit er sich in unserer Wahrnehmung und unserem Bewusstsein überlappt, der sich selbst in die Augen schaut. Die Hoffnung, dass mein Geist meiner ist, die habe ich irgendwie schon lange aufgegeben. Ist zwar eine tolle Vorstellung, das ganz für mich alleine in Anspruch zu nehmen, wenn ich mal schlau daherrede, aber es ist nicht mehr als eine Ich-Illusion.