Anders zu leben heißt genau das: Anders zu leben!

Aber wie anders? Wie geht das überhaupt?

Eine wirklich gute Frage, nicht wahr? Wir Menschen haben ja unbestreitbar ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit, nach Miteinander. In Zweierbeziehungen nennen wir es manchmal auch Liebe. Aber im Grunde geht es um ein und dasselbe: ‚Der Mensch wird erst am (oder mit dem) Du zum Ich.‘ Der Satz stammt von Martin Buber aus seiner Schrift ‚Du und Ich‘. Gemeint ist damit, dass der Mensch seine Identität in Relation zu seiner Umwelt bildet.

Es geht also um Balance zwischen ‚sozialer Identität‘ einerseits und ‚persönlicher Identität‘ andererseits. Was nicht immer so einfach ist. Dass so wenige Beziehungen dauerhaft sind und oft auseinander brechen, kaum ist die soziale Klammer ‚Kinder‘ oder auch ‚Hausbau‘ weg, spricht Bände. Genauso wie die Tatsache, dass sich viele Beziehungen, vor allem auch bei Paaren, paradoxerweise über Abgrenzung und Ausgrenzung von anderen definieren.

In jeder Gruppe geht es, mal mehr, mal weniger, um die Möglichkeit zur Entwicklung des eigenen Selbstbildes. Man wird in jeder Gruppe unweigerlich mit dem eigenen Verhalten im Rahmen interaktiver Prozesse konfrontiert und bildet sich so sein eigenes Selbstverständnis aus. Demnach bedeute die Aussage ‚Der Mensch wird am Du zum Ich‘, dass der Mensch seine Ich–Identität als Resultat seiner (!) sozialen Erfahrungen mit seiner Umwelt, dem ‚Du‘, bildet. Die Frage dabei ist nur, nach welchen Mustern er seine ‚sozialen Erfahrungen‘ ausbildet! 

Zwei Menschen können in ein und derselben Situation vollkommen unterschiedliche bis hin zu völlig entgegengesetzten Erfahrungen machen. Jede ‚Erfahrung‘ beginnt nämlich immer mit einer subjektiven Bewertung. Wie auch sonst? Wahrnehmung ist nun einmal subjektiv. Selten, dass diese Bewertung ‚Mag ich, mag ich nicht, ist mir egal‘ einmal reflektiert wird. Und genauso selten ist erst einmal eine Denkpause zwischen Reiz und Reaktion vorgesehen und noch seltener wird sie überhaupt praktiziert. Wir leben ja tatsächlich nicht in ‚der‘ Wirklichkeit, sondern in unseren Vorstellungen, Annahmen, Wünschen, Interessen – und so weiter und so fort.

Zuerst müsste der Satz, folgt man diesen Überlegungen, wohl lauten, dass wir uns im ‚Du‘ selbst erkennen können, denn was wir als ‚Du‘ ansehen, ist nichts anderes als das Spiegelbild unserer eigenen Gedanken. Wenn wir uns über andere echauffieren und aufregen, reden wir letztlich doch immer nur über uns selbst. Autsch! Das ist interessant zu wissen, wichtig aber wäre zu klären, wie man aus diesem Plot herauskommen kann. Wie komme ich aus dem Automatismus meiner Bewertungen, die mir zu allem Übel nicht einmal bewusst sind? Und denke ich über sie nach, woher will ich wissen, ob das auch der Wahrheit entspricht? Wir dürfen nicht vergessen, dass alles, was in unserem Gehirn passiert, sich unserem direkten Einfluss und auch einer objektiven, neutralen Wahrnehmung vollkommen entzieht. Ist schwer zu akzeptieren, aber so ist es nun einmal.

Das bedeutet nichts anderes als die Notwendigkeit, reflektiv zu leben. Aber wie? Da hilft es, sich einmal genau anzuschauen, wie andere das machen. Mönche und Nonnen etwa. Die leben das. Das heißt nicht, wie ein Mönch oder eine Nonne zu leben, sondern sich die inneren Strukturen einmal ganz genau anzuschauen. Alles eine Frage der Selbstorganisation. Dabei geht es erst einmal darum, worauf man sich überhaupt beziehen will, was die Grundlage des eigenen Lebens eigentlich sein soll. Ich habe das für mich in einem Satz definiert.

Hat man diesen Satz, dann kann man (oder muss man?) diesen auf Herz und Nieren prüfen, ihn also grundlegend verifizieren. Hat er wirklich Bestand, geht er den Dingen also wirklich auf den Grund, oder entspringt er doch nur wieder der Konvention? Oder steckt dahinter ein wie auch immer gearteter Mystizismus? Welches Weltbild steht wirklich hinter ‚meinem‘ Satz? Das sind die Fragen, die wir uns nicht stellen, sondern denen wir uns stellen müssen, haben wir den Anspruch an uns selbst, wesentlich und wahrhaftig leben zu wollen. Übrigens eine gute Gelegenheit, Ockhams Rasiermesser anzuwenden.

Hat man das, dann muss man sich nur noch überlegen, welche Rahmenbedingungen man exakt braucht, um das zu realisieren, obwohl sich das letztlich  von selbst ergibt. Hat man auch das, genügt es, sich diszipliniert daran zu halten. Wobei das die eigentliche Herausforderung ist, denn es bedeutet letztlich, dass man am Anfang gegen sich selbst, genau gegen die eingefahrenen (denk-) Muster ‚arbeitet‘. Geht einfacher, als man denkt, vorausgesetzt, man will es wirklich und macht nicht nur eine Show daraus.

Dann wird man anders leben. Definitiv.