Anmerkungen zu einem Kommentar

Gibt es das Gute im Menschen?

Ganz einfach: Ja, das gibt es! Woher ich das weiß? Keine Ahnung, das kann ich nicht beweisen, es ist eine Annahme. Aber eine ziemlich gut belegte. Also für mich.

Ich war ja in meinem früheren Leben Anwalt. Und da kam ich auch mit den Schattenseiten der Menschen in Kontakt. Es hat eine ganze Weile gedauert, aber irgendwann fing ich an mich zu fragen, was ein Mensch erlebt haben muss, dass er so geworden ist, wie er eben ist. Je öfter ich mir diese Frage stellte und je besser ich hinter die Kulissen der menschlichen Psyche zu schauen vermochte, desto klarer wurde mir, dass kein Mensch etwas tut, was er nicht für notwendig hält. Niemand handelt ohne Sinn. Und wirklich jeder hat gute Gründe für das was er oder was sie tut.

Das ist angesichts der begangenen Taten manchmal sehr, sehr schwer zu verstehen. Aber es ist so. Und wir beginnen es zu begreifen, wenn wir das Leben nicht mehr in die einfach zu handhabenden Schubladen von richtig und falsch aufdröseln. Dafür ist es einfach viel zu komplex. Aber nicht zu kompliziert. Man kann sich auch einmal selbst fragen, ob man vorher wusste, dass man gerade dabei ist, Mist zu bauen. Die Erkenntnis kommt immer erst hinterher. Wie oft erlebte ich mich in einem scheinbaren Dilemma, tat etwas offensichtlich Falsches, aber nur, weil ich etwas Wichtigeres im Blick hatte – oder zu haben glaubte. Und hätte man nicht anders gehandelt, wenn man – also ich – einen Ausweg gewusst hätte?

Man muss nur bereit sein, seine Schubladen einmal nicht zu benutzen und die Menschen wirklich verstehen zu wollen. Und das heißt zuerst die Evolution der Menschheit zu verstehen. Dann versteht man mit der Zeit auch den Einzelnen immer besser. In der Regel, vielleicht auch immer, ist es Unwissenheit, gepaart mit Angst, schiere Existenzangst, die die Menschen Dinge tun lässt, die sie eigentlich besser lassen sollten. Und wohl auch würden, wenn sie nur eine Alternative wüssten.

Die Frage ist natürlich, wie man das nutzen kann. Einmal geht es darum, sich dieser Zusammenhänge überhaupt bewusst zu sein. Zum anderen muss man sein Gerechtigkeitsgefühl erst einmal zur zu Seite stellen und miteinander reden. Also ernsthaft reden und vor allem zuhören und eben nicht die eigene Meinung darlegen wollen. Wenn man dann mehr weiß – aber erst dann – darf man wieder darauf zurückgreifen – wenn man es dann überhaupt noch will. Meine Erfahrung ist nämlich, dass man es nicht mehr tut. Meist kommt man aus dem Grübeln schwer raus, einfach deshalb, weil man das Dilemma sieht. Aber das muss ja der Betreffende selber lösen, für ihn kann man das nicht.

Und damit komme ich zu der grundsätzlichen, eigentlichen Frage, die mich schon seit geraumer Zeit beschäftigt, auf die ich aber auch noch keine wirkliche Antwort habe: Man muss miteinander ins Gespräch kommen. Aber wie? Sich rauszuziehen oder -zunehmen ist sicherlich die schlechtere Alternative. Und wie bewegt man dann einen Menschen, hinter die eigenen Muster zu schauen?

Spannende Frage, nicht? Aber können wir es uns leisten, diese Frage unbeantwortet zu lassen? Aber erlauben Sie mir noch eine Bemerkung. Ich sprach zu Beginn von dem Dilemma, in dem wir Menschen uns immer wieder befinden, wenn wir abwägen, was wir tun. Und dann eben oft auch das Falsche wählen. Da fällt mir immer der Film Terror – Ihr Urteil ein, ein Film nach einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Für Juristen ist die Sache (meist) klar: Zwischen Menschenleben gibt es keine Abwägung. Man darf niemanden töten um einen anderen zu retten.

Klare Ansage. Doch für die meisten Menschen unverständlich. Nicht, wenn es eins zu eins steht. Aber einen töten um zwei zu retten? Da würden viele noch nein sagen. Doch bei einem gegen hundert? Ist die Frage nach dem Schutz eines Menschenlebens eine Sache der Abwägung? Kann sie das überhaupt sein? Und genau das ist das eigentliche Dilemma. Wonach richte ich mich aus? (Und nicht andere!) Habe ich eine klare Orientierung bei all dem, was ich tue, oder hänge ich mein Fähnchen mehr oder weniger in den Wind und schaue, welche Meinung gerade angesagt ist? Oder mir ins Konzept passt? Dabei geht es wirklich nicht darum, anderen seine Regeln aufzuoktroyieren, sondern darum, gemeinsam Regeln zu definieren.

Da steckt übrigens ein interessantes organisatorisches Problem drin. In meiner Zeit als Student und später bei den frühen Grünen war Basisdemokratie angesagt. Doch die funktionierte irgendwie nicht. Ignatius von Loyola hatte da die bessere Idee. Das Grundlegende wird gemeinsam im Konvent geklärt, aber dann, in der täglichen Arbeit, ist jeder eigenverantwortlich. Und das funktioniert.

Ja, es gibt das Gute im Menschen. Aber man muss es freischaufeln. Und es lässt sich nur gemeinsam erkennen. Aber bitte sachlich.