Augenhöhe – ein komplexer Begriff

Betrachtet man ihn auf der emotionalen Ebene, wird etwas ganz anderes daraus, wie wenn man ihn aus der sachlichen Perspektive heraus betrachtet.

Der Unterschied ist schnell klar. Betrachte ich ihn auf einer Ebene, wird leicht etwas Statisches und Starres daraus. Betrachte ich ihn aus einer Perspektive heraus wird es prozesshafter, dann ist es weniger eine Feststellung, sondern mehr eine Beschreibung, verbunden mit einem Arbeitsauftrag.

Verstehe ich also Augenhöhe auf der emotionalen Ebene, dann wird es regelmäßig zu einem selten gesehenen Vorwurf an den Anderen. Emotionen wie Gefühle kann ich als autopietisches Wesen ja nur selbst konstruieren, der andere kann sie mir nun mal nicht vermitteln. Geht einfach nicht, weil niemand anderer Zugang zu meinem Gehirn hat. Wäre ja noch schöner. Also sagt es nur etwas über den aus, der sich eben über, auf oder unter Augenhöhe fühlt, also zu groß, richtig oder zu klein wahrgenommen. Aber steckt nicht schon in dem Satz ‚Ich fühle mich so oder so wahrgenommen‘ nicht schon das Thema Wahrnehmung? Da ja nur ich selbst wahrnehmen kann, ist die Aussage, sich entsprechend zu fühlen, was man ja auch nur selbst kann, irgendwie ziemlich verquer. Um nicht zu sagen unlogisch. Ein weißer Schimmel eben.

Und, mal angenommen, wenn das unlogisch ist, dann ist es doch die direkte Aufforderung, auf die Beziehungsebene zu wechseln und das Thema Augenhöhe aus dieser Perspektive zu betrachten. Also geht es erst einmal darum zu klären, ob ich es wie ein Gefühl oder eine Prozessbeschreibung behandeln will. Ist es ein Gefühl, dann kann man das nicht klären, Gefühle hat man oder eben nicht. Ist es eine Prozessbeschreibung, dann kann ich regelnd auf den Prozess einwirken. Was übrigens nicht bedeutet, keine diesbezüglichen Gefühle zu haben, es bedeutet nur, darüber nicht zu reden, sondern über das, was man regeln kann.

Gefühle sind nur ein eigener (!) Indikator über den Grad der eigenen (!) Zustimmung zu dem gerade laufenden Prozess. Habe ich ein komisches, ungutes oder gar negatives Gefühl, dann weiß ich, dass ich den Prozess regeln sollte. Ist wie ein Thermostatventil, das die Temperatur feststellt und ein Zuviel oder Zuwenig davon in eine entsprechende mechanische Bewegung umsetzt. Fühle ich mich wohl, ist alles ok, fühle ich mich unwohl, muss ich etwas unternehmen. So einfach sehe ich das. Und wenn zwei oder mehr beteiligt sind, dann muss ich eben das klärende Gespräch suchen. Und je tiefer es geht, desto dialogischer muss das Gespräch sein. Solange ich in der Konvention bleibe, muss ich mir klar darüber sein, dass ich die Oberfläche und damit die Symptombehandlungsebene nicht verlassen werde. Ursachen sind eben einen Stock tiefer.

Das Interessante an einem Dialog ist übrigens, dass die obige Aussage, dass ein Anderer keinen Zugang zu meinem Gehirn hat, dann nicht mehr ganz richtig ist. Sie ist dann nämlich offensichtlich unvollständig. Durch die mit dem Dialog verbundene Offenheit und Ehrlichkeit, das Stadium der Verletzlichkeit habe ich ja dann schon überwunden, kommt zwar immer noch niemand in mein Gehirn, aber es ereignet sich dann eine Begegnung von Geist zu Geist. Man muss also die Tür aufmachen und hinausgehen, will man dem Anderen wirklich begegnen.

Nur spricht dann niemand mehr über Augenhöhe. Die ist dann uninteressant geworden. Was auch wieder sehr, sehr interessant ist. Habe ich das Bedürfnis über Augenhöhe zu sprechen, dann ist das ein Hinweis darauf, dass etwas ganz Grundlegendes in der Beziehung nicht stimmt. Und das hat überhaupt nichts mit Augenhöhe zu tun, sondern mit der Beziehung an sich, die, so meine Vermutung, dann schlicht und einfach nicht ausreichend geklärt ist.