Bin ich ein „Wer“ oder ein „Was“?

Alles nur eine Frage der Perspektive?

Das Problem kannten ja schon die Chan-Menschen. Und seit etwa einem Jahrhundert kennen es auch die Physiker. Physiker frag(t)en ganz unschuldig danach, was denn Materie sei. Und kamen auf eine faszinierende und vor allem sehr verwirrende Antwort. Das Ergebnis, das sie fanden, war nämlich nicht eindeutig. Es kommt nämlich darauf an; Materie ist mal dies und mal das. Also ein echtes Tetralemma, wenn man so will. Also kein Entweder-oder, sondern eine Frage der Blickrichtung und der Perspektive.

Die entscheidende Frage ist demnach, was genau ich wissen will. Dann bin ich entweder ein „Was“ oder ein „Wer“, Welle oder Teilchen. Aber beides zusammen ist nicht herauszubekommen. Will ich das Eine wissen, erfahre ich das Andere nicht. Oder umgekehrt. Und da wir Menschen ja nicht nur auch Materie sind, sondern definitiv Materie sind, sollten wir dieses Phänomen auch bei uns selbst berücksichtigen, wollen wir uns selbst erkennen.

Klingt logisch, nicht? Was aber passiert, wenn wir das nicht tun? Dann haben wir ein ernstes Problem, nur das uns das dann meist überhaupt nicht bewusst ist. Denn dann fixieren wir uns auf beziehungsweise – noch gravierender in der Auswirkungen – identifizieren wir uns mit einem Aspekt. Also entweder sehen wir uns als Teilchen, so wie das derzeit wohl die meisten tun, oder wir sehen uns eben als Welle, so wie das viele von denen tun, die irgendwo spirituell unterwegs sind.

Doch leider liegt die Wahrheit mal wieder scheinbar in der Mitte. Es ist die Frage, die ich an mich selbst richte, die darüber entscheidet, ob ich ein „Wer“ oder ein „Was“ bin. Wie soll man das aber verstehen? Ganz einfach: „Es gibt keinen Handelnden, bloß die Handlung. Keine Erfahrung, bloß den Erfahrenden, nur sich zusammenfügende Teile, in Wandlung begriffen.“ So steht es in der „Visuddhi-Magga“ („Weg der Reinheit“) der Abhandlung des Gelehrtenmönchs Buddhaghosa. Das Dumme ist nur, dass die dafür immer so hochtrabende Namen haben. War damals wohl schick. Wie auch immer.

Und die Physiker? Thomas Young hatte schon 1802 nachgewiesen, dass Licht Wellennatur hat. Hundert Jahre später haben andere Physiker mit dem selben Experiment nachgewiesen, dass Licht Teilchen-Eigenschaften hat. Was die Damen und Herren Physiker ordentlich zum Grübeln brachte, denn ihr bisher so stabiles Weltbild löste sich in ein Sowohl-als-auch auf. Ein Tetralemma eben. Fakt ist, dass es nicht möglich ist, den Ort und den Impuls eines Quantenobjektes gleichzeitig exakt zu messen. Die Messung der Position eines Quantenobjektes ist zwangsläufig mit einer Störung seines Impulses verbunden, und umgekehrt. Und was hat das mit uns Menschen zu tun? Mehr als wir denken. 

Ich kann mich etwa fragen, was genau ich tue. Dann bekomme ich aber keine klare Antwort darauf, warum ich es tue. Frage ich mich hingegen, warum ich etwas tue, dann verschwimmt das, was ich tue. Betrachte ich exakt das, was jemand gesagt hat, dann bekomme ich seine oder ihre Stimmung nicht mit. Spreche ich aber über die Stimmung, bekomme ich nicht mit, was sie oder er genau gesagt hat. Ein echtes Dilemma, wenn ich mich nicht darauf verständigen kann, worüber man denn sprechen möchte. Wissen tun wir das eigentlich schon lange, etwa aus der Transaktionsanalyse. Entweder man spricht über Sachliches oder eben über Emotionales. Beides zusammen geht nicht. Also muss man sich vorher einigen, unter welchem Gesichtspunkt man das sehen möchte. Ist das nämlich nicht der selbe, dann hat man ein Problem. Ein wirkliches Problem, unlösbar. 

Denn was so oft sachlich zu sein scheint, ist tatsächlich emotional. Das merkt man sehr schnell, wenn man in einem Gespräch über ein politisch kontrovers diskutiertes Thema dies sachlich aufdröseln möchte. Politik möchte nämlich eines, überzeugen. Ich kenne mich da aus, ich war auch einmal in der Politik. Nicht anders ist es bei Rechtsanwälten oder Beratern. Da kenne ich mich auch aus. Sobald man „Partei“ ergreift oder gar seine Position erklären und begründen oder, noch schlimmer, rechtfertigen will, ist Schluss mit der Sachlichkeit. Ist übrigens auch unter Partnern ganz oft so. Da kenne ich mich auch aus. 

Was also tun? Wie entkommt man der Falle des „Entweder-oder“ und wie wechselt man zum „Sowohl-als-auch“? Ganz einfach. Indem man sich möglichst immer klar darüber ist, wo man unterwegs ist. Wobei  „man“ nicht eins, sondern zwei bedeutet. Denn ohne Beziehung gibt es mich nicht. Und ist keiner da, mit dem man reden könnte, dann reden wir eben mit uns selbst. Was ganz, ganz schwierig um nicht zu sagen problematisch ist, das dann auf die Reihe zu bekommen, also zu merken, wo genau man überhaupt unterwegs ist. Baue ich gerade Mauern, weil ich mich als Teilchen verstehe, oder fließe ich gerade wie eine Welle? Oder ich hüpfe zwischen der einen und der anderen Perspektive hin und her, dabei immer wissend, auf welcher Seite ich gerade bin. Scheint mir das Klügste zu sein. Was aber auch wieder schwierig ist, denn das könnte einem einige unerwünschte Zuschreibungen einbringen.

Also doch nicht hin und her hüpfen? Nun, wenn man alleine ist, dann kann man da schon sehr schnell zwischen den Positionen hin und her springen. Ist man zu zweit, sollte man eindeutig wissen, wo der andere gerade unterwegs ist, was man aber selten explizit weiß. Also eine Bemerkung und dann Schluss! Wird man weiter gefragt, wie man das denn jetzt meine, greift der andere also den Faden auf und signalisiert damit sein Interesse, dann kann man mit dem nächsten Satz weitermachen. Tut der das aber nicht, dann sollte man tunlichst die Klappe halten. Es geht in einem Gespräch tatsächlich überhaupt nicht darum, wer oder was ich bin, sondern alleine um die Beziehung. Da hat das natürlich auch eine Bedeutung, also ob ich mich so oder so empfinde, aber die Beziehung mache ich nicht aus. Was aus mir und dem Gegenüber zusammen wird, das ist mehr als zwei und auch nicht drei oder vier, sondern völlig offen.