Bohrs Ziel war immer der Dialog

Auch da kommt wieder die Philosophie ins Spiel: In der abendländischen Welt tun wir so, als ob das Ich einer Welt gegenübersteht, die wir als Objekt betrachten könnten.

In der meditativen Welt hingegen versucht das Ich, sich aufzulösen und in die Welt einzugehen. Bohr war sicher, dass beide Lebensentwürfe möglich sind, aber im praktischen Leben nicht in aller Konsequenz durchgehalten werden können. Bohrs Wunsch war, dass solch komplementäre Positionen in einen ständigen Dialog miteinander treten. Dann lässt sich aus der Spannung, die sie erzeugen, das eigentlich Sinnvolle des Lebens generieren.

Was bedeutet das konkret? Ging es Bohr gar nicht so sehr um Konsens?

Manche Menschen suchen nach einer Lösung. Sie meinen, wenn man eine Ideologie hat, dann kennt man die Lösung. Bohr aber sagt: Ich kenne die Lösung nie. Ich kenne immer nur die Spannung zwischen zwei Positionen, die sich gegenüber stehen, und diese Spannung muss ich aushalten. An ihr muss ich mich erfreuen, um mich weiterzuentwickeln. Eine Synthese aus These und Gegenthese zu schaffen, das braucht man, meinte Bohr, gar nicht erst zu versuchen. Die Spannung ist es, die einen voranbringt. Bohrs Bereitschaft, scheinbar Unvereinbares zusammen zu denken, half ihm auch bei seinen physikalischen Entdeckungen.

Das klingt nach einer noch immer hochmodernen und sehr versöhnlichen Lebenshaltung. Was für ein Mensch war Bohr?

Er legte eine faszinierende Mischung aus Humanität, Humor und natürlich großartiger Physik an den Tag. Bohr hatte diese geniale Gabe, ganz einfache Wege zu sehen, die andere nicht sehen. Und er hatte dabei den Mut, auch verrückte Ideen hervorzubringen. Bohrs Grundsatz war: Eine Idee kann nur dann richtig sein, wenn sie verrückt genug ist. Manche Ideen hat er deshalb abgelehnt; sie erschienen ihm nicht verrückt genug. Das ist ein so wunderbar spielerisches Element in dieser doch so ernsten Wissenschaft.

Heute sehe ich niemanden mehr weit und breit, der so einen Humor und Witz hat wie Bohr. Das ist das, was der aktuellen Wissenschaft dringend fehlt. Bohr ist da für mich das ganz große Vorbild.