Der Ärger mit der Fragmentierung

Warum das Paradies endete. Und das Dilemma anfing.

Gestern Abend saßen wir in einer gemütlichen Runde mit Nachbarn zusammen. In irgendeinem Kontext ging es um die Wahrnehmung von „Rot“. Ich musste mich sehr beherrschen, nicht einzuwerfen, dass es „Rot“ überhaupt nicht gibt. Sondern nur unterschiedliche Lichtfrequenzen, die wir eben als „Rot“ bezeichnen und dementsprechend wahrnehmen.

Wie gesagt bezeichnen, und nicht etwa direkt wahrnehmen. Erst wenn wir rot definiert haben, können wir es auch bewusst wahrnehmen. Diese Verwechslung von Bezeichnung mit Wahrnehmung ist das ganze Dilemma. Wir verwenden Begriffe so, als würden sie real existieren. Aber den Gefallen tun sie uns nicht. Sie existieren nur in unserem Denken – und nicht „da draußen“. Wir merken nicht, dass wir unser Denkinhalte nur „nach außen“ denken. Eigentlich wollte ich gerade „projizieren“ schreiben, aber das stimmt auch nicht. Und „außen“ stimmt letztlich genau so wenig, auch wenn wir es so erlebe. Ich, Sie und alles andere ist ja nichts anderes als eine einzige Quantenpampe, wie ich es immer nenne. Differenziert sind wir letztlich nur in unserem Denken und unserer damit einhergehenden Wahrnehmung. Nur da steckt leider ein Fehler drin.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden jemandem begegnen, der aber würde einen Spiegel vor sich hertragen, Sie schauten also nur in den Spiegel. Und Sie würden es nicht einmal merken! Das muss man sich einmal ausmalen! Eine Situation, die sehr an Erwin Pelzig erinnert, der hält uns ja auch nur den Spiegel vor. Und wir lachen auch noch herzlich darüber! Ist überhaupt nicht witzig, und auch nicht traurig, sondern fatal. Dass es „Rot“ nicht gibt, mag unbedeutend klingen, aber genau damit sollte man einmal anfangen, sich das bewusst zu machen. Klein anfangen, nicht gleich die ganz großen Probleme in Angriff nehmen; da übernehmen wir uns meist doch nur und geben irgendwann frustriert auf.

Und genau das versuchen uns die Zen-Menschen seit 2500 Jahren beizubringen. Und seit nunmehr 100 Jahren haben es die Quantenphysiker auch noch nachgewiesen! Also wenn das kein Grund ist, das endlich ernst zu nehmen und darüber nachzudenken, dann weiß ich auch nicht. Einstein sagte einmal, er sei nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen würde, aber im vierten Weltkrieg würde wir mit Stöcken und Steinen kämpfen. Und vielleicht ist der dritte Weltkrieg realistischer, als wir glauben. Nur verdammt gut verdrängt. 

Und das alles nur, weil wir unsere Wahrnehmung, Pardon, wir unser Denken mit der Wirklichkeit gleichsetzen! Ein verdammt guter Grund, nicht nach „den Anderen“ zu schauen, sondern wirklich – und bewusst – in den Spiegel. Obwohl, eigentlich könnten wir schon auch auf „die Anderen“ schauen, vorausgesetzt uns wäre dabei klar, dass wir nur unser eigenes Denken sehen. Da würden wir nämlich so richtig erleben, wie die Post bei uns abgeht, wesentlich besser, als wenn wir uns im stillen Kämmerlein mit uns selbst beschäftigen.

Die wirkliche Introspektion ist die Extrospektion! Also aufhören, über sich selbst nachzugrübeln, sondern sehen, was man über die Anderen denkt. Besser kann man sich selbst nicht sehen. Und erkennen. Aber das ist bedauerlicherweise nur die halbe Miete. Wenn wir das alles erkannt haben, ist dann auch alles gut? Ich denke, das ist es nicht. Es fehlt nämlich noch etwas. Und ich glaube mittlerweile, dass das sehr, sehr notwendig ist, wollen wir die Kurve kriegen: Wir brauchen die richtige Kurventechnik. Und noch etwas anderes. Erlauben Sie mir bitte einen Ausflug in die Welt der Motorradfahrer, ich denke, das erklärt es vielleicht.

Da gibt es die, die intuitiv durch die Welt düsen, allein nach dem Motto „learning bei doing“ und das fast ohne theoretischen Unterbau. Und dann gibt es die, wie mich, die immer dann, wenn etwas nicht so richtig klappt, erst einmal ihre Physik-Kenntnisse aktivieren, sich das Ganze auf einem Plan genau anschauen, so lange, bis sie das Spiel der dabei wirkenden Kräfte kapiert haben und das dann in der Praxis üben. Manche meiner Biker-Kollegen sind erstaunt, dass ich, obwohl ich noch nicht lange fahre, schon recht gut um die Ecken komme.

Das liegt nicht darin, dass ich besonders begabt oder talentiert wäre, sondern einfach daran, dass ich beide Aspekte miteinander verknüpfe: Theorie und Praxis, aber jedes zu seiner Zeit, versteht sich. Das Interessante ist, dass sich dabei zwar nicht meine Wahrnehmung direkt, sondern meine Art der Wahrnehmung und damit letztlich auch meine Wahrnehmung an sich verändert hat. Es ist, als wäre eine weitere Dimension hinzugekommen und ich sehe die Straße nicht mehr nur punktuell, sondern als Ganzes.

Ich brauche also einen Satz von Prinzipien, die ich befolgen muss. Beim Motorradfahren wie im Leben. Doch das ist erst die dreiviertel Miete. Was nützt mir alles Wissen um die richtige Kurventechnik, also die richtigen Prinzipien, wenn ich nur langsam durch die Gegend tuckern möchte? Wenig, würde ich sagen. Das ist so, als hätte ich eine perfekt eingerichtete Küche und einen vollen Kühlschrank, würde aber immer nur Suppe aus der Tüte kochen. Will ich meine Küche wirklich nutzen, brauche ich den entsprechenden Anspruch an mich selbst. Und eine optimal eingerichtete Küche. Erst beides zusammen eröffnet mir den Raum, gutes Essen zuzubereiten.

Das mit dem Anspruch an sich selbst ist ja so eine Sache. Ich habe eine recht ordentliche Stimme. Ich kann also sprechen, heißt, ich kann meine Stimmbänder so modulieren, dass es passt. Aber ich kann nur sehr, sehr lausig singen. In einem Konzert höre ich falsche Töne sofort. Aber selber? Keine Chance! Ich kann nicht einmal Noten lesen. Was mir fehlt, ist weder die (körperliche) Technik noch das Gehör, sondern einfach nur der Anspruch an mich selbst. Und das ist das „Tüpfelchen auf dem i“. Der Anspruch an mich selbst. Ich habe gerade spaßeshalber einmal „Anspruch an sich selbst“ bei Google eingegeben. Erst auf der dritten Seite kam ein Text, in dem es nicht um zu hohe Ansprüche an sich selbst und Perfektionismus ging. Sondern darum, erst den Anspruch an sich selbst zu definieren. Und das auf einer Apotheker-Seite! Perfektionismus ist ja keine Untergliederung der Perfektion. Aber kann es Perfektion ohne einen entsprechenden Anspruch an sich selbst geben? Und was hat das mit der Fragmentierung zu tun?

Ich denke, dass wir Menschen geistig aus der Harmonie des Seins „gefallen“ sind und uns sozusagen der Dichotomie verschrieben haben. Vor sehr, sehr langer Zeit. Und da gibt es auch keinen Weg zurück, so sehr wir auch davon träumen, jedenfalls wüsste ich nicht, wie das gehen soll. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als den Verstand und die Vernunft dazu zu schalten. So wie ich beim Motorradfahren. Erst die Theorie, also mit Verstand und Vernunft, und dann das Ganze praktizieren, also mit Verstand und Vernunft fahren, aber ohne (idealerweise) darüber nachzudenken. Klingt vielleicht ein bisschen verquer, ist es aber nicht, denn was ich in der Theorie erkannt habe, ist ja in meinem Hirn gespeichert. Ich muss es nur in meiner Fahrtechnik anzuwenden lernen, um es intuitiv abrufen zu können. 

Aber eben nicht, indem ich darüber nachdenke, sondern indem ich unmittelbar, nicht diskursiv und ohne Reflexion die Situation erfasse und erkenne, was zu tun ist. Und das ist bei allem so, wie ich das beim Motorradfahren bewerkstellige, das habe ich einigermaßen begriffen, auch wenn ich es noch nicht völlig beherrsche. Die Frage ist nur, wie ich meine Intuition auch im Alltag aktivieren kann, ausgehend davon, dass ich die Prinzipien begriffen und den Anspruch an mich selbst definiert habe. Wie kann ich das einüben, denn das muss ich tun, bevor ich es auch intuitiv anwenden kann. Ohne Üben geht es leider nicht.

Und genau das ist die Praxis, mit und in der sich Paradies und Dilemma zwar nicht auflösen, sondern in eine ausgeglichene Position gebracht werden, wo sie sich wie zwei Gewichte gegenseitig aufheben und etwas Neues entsteht. Ich denke, es ist eine Art von Wabi-Sabi, ein ästhetisches Konzept, das drei einfache Wahrheiten anerkennt: Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt. Man beschränkt alles auf das Wesentliche, aber man entfernt nicht die Poesie; man hält die Dinge sauber und ordentlich, doch man lässt sie nicht steril werden. Ästhetik ist für uns sehr wohl realisierbar. Völliges Einssein in der ursprünglichen Harmonie des Seins jedoch nicht.

In diesem Verständnisses von Ästhetik überwinden wir die Kluft zwischen Paradies und Dilemma, ohne dabei eines oder beides zu negieren.