Der Ärger mit „richtig“ und „falsch“

Was uns manchmal völlig „richtig“ zu sein scheint, kann unter Umständen nur vordergründig „richtig“ sein. Und damit letztlich kontraproduktiv. Also falsch.

Es ist nicht immer leicht, das offensichtliche Symptom von der zugrundeliegenden Ursache zu unterscheiden. Und „Heilung“ gibt es erst dann, wenn ich in der Lage bin, die eigentliche Ursache zu erkennen und ich mich damit beschäftige. Symptome sind das, was ich unmittelbar erlebe, doch lasse ich mich nur darauf ein und untersuche nicht die Ursachen, also die Wirkzusammenhänge, dann habe ich ein ernsthaftes Problem.

Früher hatte ich zu bestimmten Zeiten wie auf Knopfdruck eine Erkältung. Und nicht nur einen Männerschnupfen, nein, sondern eine Fetzen Erkältung. So wie meine Bekannte S., die zu bestimmten Zeiten immer wieder einen schrecklichen und leider sehr anhänglichen Husten bekommt. Doch seit ich wirklich begriffen habe, und das geht über das „ich weiß schon“ oder „es ist mir schon bewusst“ weit hinaus, dass jede Krankheit in meiner Psyche, also in meinem Geist beginnt, seither habe ich mich damit auseinander gesetzt und habe irgend etwas in mir „in Ordnung“ gebracht. Keine Ahnung wie, aber ich bin diese langwierigen Erkältungen los. Nur selten knicke ich noch ein.

Es gibt leider auch eine Entsprechung auf der materiellen Seite. Ich konnte einfach nicht mit Geld umgehen. Und weil ich sehr lange nur auf das Symptom schaute und nicht auf die Ursache, wurde es schlimmer statt besser.  Also habe ich eine ordentliche Pleite hingelegt. War ja konsequent. Mittlerweile kann ich ganz gut mit eigenem Geld umgehen. Aber ich habe die dem zugrunde liegende Ursache noch nicht so ganz geklärt, denn ich habe immer noch eine gewisse Scheu davor, mich mit dem Thema „Geld“ zu beschäftigen. Oder das Thema „Ordnung“. Ich war schon immer ein perfekter Organisator. Doch nicht für mich selbst, da herrschte das blanke Chaos. Mittlerweile habe ich das im Griff. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht, denn „im Griff“ habe ich es nicht, sondern ich mache es einfach, ohne darüber nachzudenken.

Was mich zu dem Thema „Kontrolle“ bringt. Begonnen hat der persönliche „Turnaround“ mit dem stimmigen Verständnis von Kontrolle. Nur weil ich etwas sage, dass ich etwas machen will, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch wirklich tun würde. Tun werde ich es nur dann, wenn mein nicht bewusstes System es auch tun will. „Bewusste Kontrolle“ – eine Illusion. Begriffen habe ich das beim Motorradfahren. Da funktioniert nichts mit „Kontrolle“. Nur mit Intuition, die man allein durch Einübung bestimmter Prozesse bekommt. „Ich will Motorradfahren lernen“ – dieses „ich will“ funktioniert – wenn ich es einübe. Und genau so ist es mit Allem. Das Gute am Motorradfahren ist, dass man hier sehr schnell merkt, ob man es kann oder eben nicht. Ein perfektes Zendo, es gibt kaum ein besseres.

Motorradfahren ist, wie ich finde, eine sehr gute Metapher. Ob ich gut oder schlecht, also letztlich „richtig“ oder doch „falsch“ um die Kurve fahre, richtet sich ausschließlich danach, ob mein Handeln im Einklang mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten ist. Das ist die absolute Basis, alles andere kommt dann erst dazu. Die Frage ist nur, ob ich im Einklang damit fahre oder eben nicht. Diese Prinzipien sind einfach da, auch wenn ich nicht fahre und egal, wie ich fahre. Sie sind wirklich absolut unumstößlich. Aber leider selten offensichtlich, manchmal dauert es eine Weile, bis man die richtige Kurventechnik, etwa den Kammschen Kreis, endlich begriffen hat. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass man es dann auch könnte! 

Das kann man auch auf das ganz normale Leben übertragen. Es gibt ein paar Prinzipien, Gesetzmäßigkeiten, über die wir beim besten Willen nicht hinwegkommen und die wir tunlichst auch nicht ignorieren sollten. Doch das Problem ist, ob ich diese Prinzipien überhaupt erkannt habe. Und wenn ich sie (vermeintlich) erkannt habe, ob ich mich auch daran halte. Da kommt dann wieder die Kontrolle ins Spiel. Die habe ich nämlich nicht. Also muss ich die Gesetzmäßigkeiten zum einen ergründen und zum anderen einüben. Es ist wirklich wie Motorradfahren. 

Als ich meinen Führerschein für größere Maschinen machte, fuhr ich schon ganz passabel. Aber eben nicht wirklich im Bereich des Möglichen. Das begriff ich erst nach einer Sardinientour, in der ich mir die Hörner regelrecht abstieß. Wie heißt es doch? „Wer sich die Hörner abgestoßen hat, der führt ein ausgeglichenes Leben und hat seine wilden Zeiten hinter sich. Die Erfahrungen des Lebens schenken Gelassenheit.“ Stimmt! Aber ohne das hätte ich nicht erkannt, dass die Grenzen des mir Möglichen nicht da sind, wo ich sie bisher immer annahm, sondern die sind da, wo die Gesetzmäßigkeiten sie setzen. Die Frage ist allein, ob ich sie erreiche oder nicht, also ob ich die Entscheidung dafür getroffen habe und das dann auch einübe. Viel zu schnell sind wir bereit zurückzustecken und es gut sein zu lassen – warum auch immer. Obwohl, das stimmt nicht. 

Die Frage ist also, warum nutze ich das mir Mögliche nicht einfach aus? Warum stecke ich schon vorher zurück? Doch nur aus einer meist diffusen und selten konkreten Angst heraus, die regelmäßig auch noch ganz andere, nicht damit zusammenhängende und letztlich nie wirklich rationale Gründe hat. Denn Angst ist immer irrational, anders als Furcht. Und will ich wirklich leben, muss ich mich meiner Angst stellen. Sonst geht es mir wie es in dem Text der 15ten Nacht in dem Gedicht von 1001 Nacht: „Die Menschen schlafen solange sie leben. Erst in ihrer Todesstunde erwachen sie.“ Und ich will definitiv nicht sterben, ohne wach geworden zu sein.

Und das heißt nichts anderes, als dass es alleine an mir selbst liegt, wie ich lebe, ob „richtig“ oder „falsch“, was nichts anderes bedeutet als mich fragen zu müssen, wenn ich wirklich leben will, ob ich mein Leben im Einklang mit den Prinzipien gestalte. Oder eben nicht. Die entscheidende Frage ist, ob ich mich wirklich auf das Leben einlasse, wie es ist. Mein Motorradfahren, mein Zendo, ist ja nur ein Ort des Übens, der Ort der Erleuchtung, wie man im Zen sagt. „Erleuchtung“ ist einfach nur die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten, nichts Magisches und nichts Mystisches. Die Nagelprobe aber findet im ganz alltäglichen Leben statt. Leben ich „richtig“ oder doch „falsch“? Lebe ich im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten oder nicht? „Im Einklang zu leben“ – tue ich das wirklich? Lebe ich überhaupt im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten, den Prinzipien, wie sie in der Philosophia perennis beschrieben sind? Das ist die Frage, der mich zu stellen ich nicht vermeiden sollte. Oder auch nicht darf.

Wie also der Angst begegnen, die ein Leben im Einklang verhindert? Ganz einfach. Ich darf ihr nur nicht aus dem Weg gehen. Leichter gesagt als getan. Also ich habe ja mein Motorrad, auf dem ich meiner Angst begegnen kann. Aber es ist leider nicht die einzige, die mich plagt. Wie aber werde ich meine Ängste grundsätzlich los? Das Motorradfahren ist ja nur das Zendo, nicht mein ganzes Leben. Heißt, dass ich die darin oder damit gewonnenen Erkenntnisse auf das ganz normale Leben übertragen muss. Muss, und nicht sollte, wenn ich wirklich leben und nicht weiter schlafen will.

Nur warum spreche ich überhaupt von Angst? Ist das wirklich „nur“ Angst? Dante Alighieri hat in der Göttlichen Komödie die Situation des Menschen so beschrieben: Er schildert in diesem Gleichnis eine Erfahrung mit dem, was vielen Menschen im Leben begegnet:

»Es war in unseres Lebensweges Mitte als ich mich fand in einem dunklen Walde; denn abgeirrt war ich vom rechten Wege, wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald, der wildverwachsen war und voller Grauen und in Erinnrung schon die Furcht erneut: So schwer, dass Tod zu leiden wenig schlimmer.«

Dante verirrt sich in einen tiefen Wald, weil er den rechten Weg verloren hat. Nun strebt er dem Berg der Tugend entgegen, als er von einem Panther (dem Sinnbild der Wollust), einem Löwen (dem Sinnbild des Hochmutes) und einer Wölfin (dem Sinnbild der Habgier) in ein finsteres Tal abgedrängt wird. Dort begegnet er dem Dichter Vergil, den er auch sogleich um Hilfe bittet. Vergil entgegnet ihm: »Du musst auf einem andern Wege gehen, wenn du aus dieser Wildnis willst entfliehen.« Dante wird daraufhin von Vergil durch die Hölle und auf den Läuterungsberg begleitet. 

Wollust, Hochmut und Habgier – was sind das anderes als Ausdrucksformen der Angst, sich selbst nicht zu genügen; nicht genug vom Leben zu bekommen, um selbst leben zu können? Gier, Neid, Haß, Wut und so weiter und so fort – alles nur Symptome der Angst. Es ist die Angst, die aufkommt, wenn ich, wie Dante es beschreibt, den rechten Weg nicht mehr zu sehen in der Lage bin und ihn dann eben auch nicht mehr zu gehen weiß. Doch eine Angst ist eben irrational, und ich brauche nur stehen zu bleiben und die Augen zu öffnen und schon kann ich die Gesetzmäßigkeiten erkennen. Was mache ich, wenn ich Angst vor Spinnen habe? Genau. Ich mache eine Konfrontationstherapie. Das ist das Einzige, das wirklich gegen Angst hilft. Konfrontation. Dann löst sie sich nämlich auf. Alleine das zu wissen genügt für sich gesehen nicht, ich muss auch bereit zur Konfrontation sein.

Nur wie soll das im ganz normalen Leben gelingen? Auch das ist einfach. Beim Motorradfahren schaue ich mich nach Leuten um, die mir das erklären können, etwa, was der Kammsche Kreis ist. Und warum ich bei langsamer Kurvenfahrt tunlichst nicht mit der Vorderradbremse bremsen sollte. Dann mache ich die praktischen Übungen dazu. Und wenn ich es zunehmend richtig mache, wenn ich also immer mehr und immer besser im Einklang mit den Prinzipien des Motorradfahrens bin, dann fahre ich nicht nur besser, sondern es stellt sich auch ein Gefühl ein, das weit über Freude hinausgeht. Ich würde es Erfüllung nennen. 

Es gibt eine unabänderliche Ordnung im Leben und im Kosmos. Wie beim Motorradfahren. Doch die ist alles andere als offensichtlich. Daher darf ich diese Ordnung eben nicht in den Erscheinungen, also im eigenen Erleben zu erkennen suchen, das wäre viel zu vordergründig, also nicht in den Symptomen, sondern ich muss der wirklichen Ursache nachgehen. Es sind die Prinzipien, die so schwer zu fassen sind, eben weil ich sie nicht unmittelbar erleben kann, allenfalls kann ich ihnen gedanklich-philosophisch näher kommen. Dafür muss ich mich des verfügbaren Wissens der Welt bedienen, aber nicht einfach so, sondern ich muss das selbst und sozusagen eigenhändig, also im eigenen Leben, immer wieder verifizieren. Und wenn ich etwas begriffen habe, dann muss ich immer wieder und wieder validieren, ob ich mich auch daran halte.

Doch dazu brauche ich einen geschützten Raum. Und den muss ich mit einer klaren Entscheidung und Absicht betreten. Nur dadurch bin ich geschützt vor mir selbst, also vor meinem Ego. Mich auf ein Motorrad zu setzen alleine genügt nicht. Ich muss auch eine ganz klare Absicht haben. Und ist die lau, werde ich auch lau fahren. Und im Leben ist es nicht anders. Der beste Raum taugt nicht, wenn nicht auch die Absicht und Entscheidung dazu kommt, die Gesetzmäßigkeiten nicht nur ergründen, sondern auch leben zu wollen. Das fällt manchmal richtig schwer, denn es verlangt von einem, sein altes Leben aufzugeben. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern komplett.