Der Feind in uns

Manchmal ist man bereit zur Einsicht. Aber eben nur manchmal.

Was macht einen Menschen bereit zu sehen, was wirklich ist; vor allem, wie er selbst wirklich ist? Ist es die schiere Verzweiflung, das subjektive Empfinden, gescheitert zu sein und nicht mehr weiter zu kommen im Leben, an die Wand gefahren zu sein? Keine Ahnung. Aber so etwas in der Art ist es wohl. Jedenfalls ist das der erste Schritt, wenn man an dem Punkt angekommen ist, an dem man sich eingesteht ‚So geht es nicht mehr weiter! Ich muss etwas anders machen.‘

Doch man kommt nur voran und aus dem psychischen Loch heraus, wenn man nicht aufhört, sich zu fragen, wie es weitergeht und sich auf die Suche nach der Wirklichkeit jenseits subjektiven Empfindens macht. Wobei es sich wie eine Suche anfühlt, doch letztlich geht es nur darum zu erkennen, was ist, was man aber die ganze Zeit nicht zu sehen bereit oder in der Lage war.

Unter Umständen kommen auch Wissenschaftler ganz unverhofft in diese Situation. Die (späteren Quanten-) Physiker zu Beginn des 19ten Jahrhunderts etwa. Die wollten etwas herausbekommen, erkannten dann aber etwas ganz anderes als das, was sie eigentlich zu erkennen hofften. Sie suchten die Teilchen, aus denen die Materie besteht, und mussten erkennen, dass es die irgendwie nicht gibt. Man sortiert diese Wissenschaftler schnell in die Quadratisch-Praktisch-Gut-Kiste ein und übersieht dabei allzu leicht, dass auch sie gewaltige Probleme damit hatten, dass ihnen ihr tradiertes Weltbild abhanden kam. Nur sie konnten besser damit umgehen, eben sachlicher, weniger emotional.

Aus der Rückschau aber lässt sich sagen, dass die eigentliche Lösung dieses Problems ganz woanders liegt. Es ist nämlich weder ein emotionales noch ein sachliches, sondern ein ganz banales biologisches Problem, das uns da Knüppel zwischen die Beine wirft. Es ist das Problem mit der Amygdala, einem winzig kleiner Teil unseres limbischen Systems. Die Amygdala ist an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren. Dummerweise ist ihr vollkommen egal, ob man etwas intellektuell verstanden hat. Man kann sein Problem noch so gut verstehen und absolut klug wie fundiert darüber reden – und ich schreibe das ohne jegliche Häme! – nur ändert das gar nichts daran, dass man doch immer wieder genau das macht, was man eigentlich nicht mehr tun wollte.

Die Aufgabe der Amygdala ist es, das Überleben eines Lebewesens zu sichern. Und das funktioniert auch perfekt. Aber nicht mehr für uns Menschen. Und genau deswegen handeln wir auch oft so vollkommen irrational, obwohl wir es eigentlich besser wissen könnten und sollten. Doch man ist dem nicht wirklich ausgeliefert. Ich bin gerade über das Buch ‚Meine Freundin, die Nonne‘ von Ilka Piepgras gestolpert. Die Frage ist: Wie hat es die Protagonisten des Buches, Diodora, geschafft, sich ihrem inneren Feind (also ganz banal den nicht mehr sinnvollen und situationsgerechten Reaktionen ihrer Amygdala) zu stellen? Genau! Sie hat den Raum des vermeintlich Normalen verlassen. Es geht nämlich darum zu erkennen, dass (entschuldigen Sie die folgende Pauschalierung!) das vermeintlich Normale das eigentlich Problematische ist.

Also ist die wichtige Frage, was haben manche Nonnen wie Mönche, Quantenphysiker, Psychologen oder Universalgenies gemeinsam, ich nenne mal willkürlich Archimandrite Dionysios, Werner Heisenberg, Erich Fromm und Johann Wolfgang von Goethe, was also haben die getan, damit sie zu grundlegenden Erkenntnissen wie Einsichten und zu letztlich übereinstimmenden Interpretationen wie Annahmen über die Wirklichkeit kamen? Ganz einfach: Sie alle haben einen Weg gefunden, die angeborenen Reaktionen ihrer Amygdala durch Willensstärke in den Griff zu bekommen.

Sie haben den Zugang zu einer Kultur gefunden, die es ihnen ermöglicht hat, exakt die neuronalen Strukturen auszubilden, sich also mental neu zu strukturieren, die ein Gegengewicht zu den ‚normalen‘ Reaktionen der Amygdala bildeten. Und das gelang ihnen durch eine klare Philosophie, Lebenskunst und entsprechende Kultur. Dabei hatten sie alle die gleiche Haltung. Subjektiv ganz unterschiedlich, aber im Kern identisch.

Es waren – ohne Ausnahme – Aussteiger aus dem konditionierten Leben. Sie wurden und werden oft bewundert, doch leider sind sie viel zu selten auch Vorbilder.