Der grundlegende Fehler

Das ‚Problem‘ sind selten die anderen, meist ist man es selbst.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich einmal einen Familientherapeuten aufsuchte, weil mich meine Mutter einfach nicht anerkennen wollte. Und da fragt er mich unvermittelt, ob ich es ihr denn auch glauben würde, wenn sie es täte. ‚Nein!‘ war meine spontane Antwort. Und ich fiel bald vom Stuhl, denn eines war damit klar geworden:

Ich erwartete, dass meine Mutter so ist, wie ich es wollte!  Sie anerkannte mich zwar immer noch nicht, aber ich lernte sie zu respektierten. Was nicht heißt, dass ich das in Ordnung fand, das war es natürlich nicht. Aber niemand ist ‚verpflichtet‘, mich zu akzeptieren. Könnte ja sein, das der andere Recht damit hat – und nicht ich. Was natürlich nicht heißt, dass ich keine Konsequenzen daraus gezogen hätte, doch das fiel wesentlich ruhiger und gelassener aus als bisher. Und diese Reaktionen waren definitiv besser als all die Anklagen, die ich bisher gegen meine Mutter gerichtet hatte.

Es hörte auf, ein ‚Problem‘ für mich zu sein, wie meine Mutter war. Auch bei meinem Vater lernte ich das hinzubekommen, war ein bisschen schwieriger, da er schon tot war. Aber es ging. Und das ist nicht nur bei Eltern so. Gestern Abend unterhielten wir uns über einen früheren Mandanten von mir, dem viele aus tiefster Seele Übles wünschen. Für mich war er ein guter Lehrer, sogar ein sehr guter, denn ich begriff durch ihn, was ich definitiv nicht wollte, wofür ich nicht (mehr) stehen wollte und wie man es anders machen kann.

Es war die Herausforderung, mit der er mich konfrontierte, die mir weiterhalf, er war mein persönlicher Stein des Anstoßes. Um meinen eigenen Horizont zu erweitern, musste ich an die Grenze meines Horizonts gehen und diese zu überwinden suchen. Gesagt, getan. Was aber genau war passiert? Ich gewann durch ihn meine Souveränität zurück. Er war mein Mandant, also musste ich tun, was er wollte, wollte ich ihn nicht verlieren. Bis mir der Preis dafür endlich (!) zu hoch wurde. 

Normalerweise definieren wir Menschen uns über die Reaktionen der Menschen, zu denen wir uns in einem Abhängigkeitsverhältnis zu befinden glauben. Und genau das war die Falle, in der ich steckte: Das Gefühl der Abhängigkeit. Von meiner Mutter und meinem Vater fühlte ich mich abhängig, weil ich letztlich glaubte, so zu sein wie meine Eltern. Und von meinem Mandanten glaubte ich wirtschaftlich abhängig zu sein. Es ging mir letztlich nur um mich. Und statt sie, also meine Mutter, meinen Vater, meinen Mandanten und so weiter einfach zu respektieren, suchte ich sie mir passend zu machen. Was natürlich nicht ging. Als ich das endlich begriff, hörte ich damit auf. Und genau so fand ich letztlich zu mir selbst.

Denn ich war ich. Und das suchte ich auch immer zu sein, aber in Abhängigkeit zu anderen. Und das funktionierte nicht. Wir Menschen leben weder in Abhängigkeit voneinander, noch dass wir selbstständig sein könnten. Interdependenz ist das richtige Wort. Und eigenständig statt selbstständig. Und wieder einmal zeigte sich, dass das, was extrem kompliziert zu sein schien, einfach nur komplex war. Ein anderes Denken war notwendig. Ein Umdenken fand statt und damit ein Perspektivwechsel. 

Und das Problem war weg.