Die Banalität des Bösen

„Falsche“ Ansichten sind wie eine Kinderrutsche. 

Steht man oben, sozusagen noch auf sicherem Gebiet, kann man jederzeit wieder gehen, die Rutsche kann einem nichts anhaben. Doch lässt man sich einmal auf sie ein, gibt es nur schwer ein Halten und ein Zurück ist verdammt schwierig und anstrengend. Erst wenn man ganz unten ist, fühlt man sich wieder sicher und stabil.

In den letzten Tagen gehen mir das Buch von Hanna Arendt über die „Banalität des Bösen“ genauso wie der Film „Das radikal Böse“ oder das Buch von Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“ immer wieder durch den Kopf. Das Ungewöhnliche an diesen Werken ist, dass sie das Grauen frei von Empörung und Entsetzen beschreiben.

Und das macht mich fassungslos, wütend und auch hilflos, denn es macht deutlich, dass jeder, wirklich jeder Mensch, auch ich selbst, nicht davor gefeit ist, auf die „falsche“ Bahn zu geraten, einfach, wenn die Umstände „passen“. Wenn ich das schreibe bekomme ich einen dicken Hals, denn es ist grausam banal. Und es lässt Wut in mir entstehen.

Doch solange ich diesen Aspekt ausklammere, also das Menschliche ignoriere, solange wird das Böse allgegenwärtig bleiben. Und das macht mir wirklich Angst. Also muss man darüber reden.

Aber das ist leicht gesagt. Als Anwalt hatte ich einmal eine Ehestreitigkeit zwischen einem ausländischen Ehepaar zu bearbeiten. Also holte ich mir das entsprechende Gesetzbuch und machte mich schlau, was in deren Rechtskreis „gültiges“ Recht ist. Juristen können ja mit so etwas gelassen umgehen, Recht ist eben Recht. 

Hinterher schwor ich mir, nie wieder jemanden aus diesem Kulturkreis zu vertreten, wenn dieses Recht dabei ein Rolle spielt. Denn es basiert auf einem Wertesystem, das ich weder zu akzeptieren noch zu tolerieren bereit war und bin. Aber wenn man sich darüber Gedanken macht, dann fragt man sich, welches Wertesystem ist richtig? Und welches falsch? Und wer entscheidet das?

Alles Fragen, die angesichts der zunehmenden Globalisierung eine immer größere Bedeutung bekommen, die wir einfach nicht mehr ignoriert werden dürfen. Woher aber nehme ich das Recht zu behaupten, dass ich recht habe und der andere falsch liegt?

Soll ich also sagen „Lebe du deine und ich lebe meine Werte“? Das kann es nicht sein, denn wir sind alle Menschen und ich glaube nicht, dass für uns unterschiedliche Werte gültig sein können. Aber da steckt wieder ein anderes „Problem“ drin.

Aufgewachsen in einer bestimmten Kultur, kann ich erst einmal nur die darin gelebten und selten auch kommunizierten Werte „sehen“, weil ich eben nur die denken kann. Was ich nicht denken kann, existiert für mich eben nicht. Lasse ich mich hingegen darauf ein, kann ich auch die Werte des Anderen sehen lernen.

Und dann, aber wirklich erst dann, kann ich mich darüber austauschen, vorausgesetzt natürlich, beide Seiten nehmen sich gegenseitig ernst. Als Anwalt hatte ich viel mit Menschen zu tun, die Unverständliches bis Unsägliches getan haben. Ich habe gelernt, dass ihre Taten abzulehnen nicht gleichermaßen bedeutet, sie nicht ernst zu nehmen. Verstehen und tolerieren sind nun einmal zwei unterschiedliche Vorgänge.

Und damit bin ich mit dem eigentlichen Problem konfrontiert. Einhalt gebieten, ja. Draufhauen, nein. Miteinander reden, keine Frage. Aber wie? Ganz einfach: Respektvoll, den anderen achtend, trotz aller Differenzen. Vielleicht ist genau das die Brücke, die uns verbindet und die es leichter macht, die Rutsche wieder hochzuklettern. 

„Richtig“ und „falsch“ gibt es ja nur in Bezug zu einem spezifischen Wertesystem. Und Werte sind nun einmal etwas Urmenschliches. Aber sie sind weder in Stein gehauen noch sind sie beliebig.

Aber vielleicht löst sich dieses scheinbare Dilemma ja auf, wenn einem von oben die Hand des Mitgefühls gereicht wird. Aber wer oben und wer unten ist, das wird sich erst später herausstellen. Aber das ist definitiv kein Problem, denn Mitgefühl zieht uns immer nach oben, auf die sichere Seite.