Die falsche Sichtweise

Das Problem hinter dem Problem.

Warum sagte Sokrates, dass er wisse, dass er nichts wisse? Ganz einfach, weil er neugierig und regelrecht gierig nach Erkenntnis war.

Und genau das öffnet das Tor zur Wirklichkeit, wobei Wirklichkeit nichts ist, das man nehmen und dann in den Schrank stellen könnte, denn Wirklichkeit lässt sich nur beschreiben, nicht aber definieren.

Ich frage mich immer wieder, warum ich diese Neugier so mit 22, 23 Jahren verloren und erst mit 50 wieder gefunden habe, wenn auch auf Umwegen. Einfach deshalb, weil mein Leben nicht mehr wie gewohnt funktionierte.

Es war letztlich mein ganz großes Glück, dass ich aus meinem Alltag rausflog und nichts mehr wie gewohnt funktionierte. Sagt nicht auch Nagarjuna, dass nur der beginnen würde Zen zu praktizieren, der gescheitert ist?

Heute sage ich, dass das so ist. Doch warum brauchte ich das Scheitern, um endlich damit anzufangen zu untersuchen, was wirklich ist?

Ich denke, es ist einfach die blanke Angst gewesen, eine schwer zu definierende Existenzangst. Und wenn mir damals, also mit 50, jemand gesagt hätte ‚Glückwunsch, endlich bist du aus der Kurve geflogen!‘, ich weiß nicht, was ich ihm auf den Kopf gehauen hätte.

Ich kann heute nicht einmal sagen, was diese Existenzangst war. Aber einer Sache bin ich mir sicher: Diese Angst war komplett irreal, auch wenn sie mir vollkommen real erschien.

Auch heute noch meldet sich manchmal diese Angst zurück, aber ich merke es meistens. Jedenfalls hoffe ich das. Sie ist immer dann da, wenn ich etwas kontrollieren will, was ich aber nicht kontrollieren kann.

Und da hilft dann auch kein wie auch immer geartetes Vertrauen, denn auf etwas zu vertrauen heißt ja nur, dass es so werden soll, wie ich es mir vorstelle. Bescheuert. Den Gefallen wird mir das Leben garantiert nicht tun.

Und es ist genau diese Existenzangst, die mich glauben oder hoffen ließ (und manchmal leider noch hoffen lässt), ich könnte irgend etwas kontrollieren. Angst ruft wie auf Knopfdruck das Bedürfnis nach Kontrolle hervor.

Ich merke das immer wieder beim Motorradfahren. Kommt auch nur die Spur von Angst auf, versuche ich mich (!) und mein Motorrad zu kontrollieren – und es passiert genau das, was ich definitiv und absolut nicht will. Angst ist absolut kontraproduktiv.

Wenn ich beispielsweise eine Kurve falsch anfahre und sich urplötzlich die Angst einschleicht, dann reagiere ich panisch und versuche mein Verhalten zu kontrollieren, was dagegen aber absolut resistent ist. Ich mache dann nur noch das Falsche.

Angst ist das wirkliche Problem hinter dem Problem. Auch wenn ich mich bei irgendetwas unbelehrbar zeige und mir Argumente nicht anhören will, dann ist das wirkliche Problem dahinter immer nur Angst und nichts anderes.

Wir suchen immer nach irgendwelchen Lösungen für unsere Probleme, statt dass wir das eigentliche Problem sehen würden, das dem zugrunde liegt: Angst. Und diese Angst schlummerte immer in mir, sie zeigte sich in meinem Bedürfnis zu kontrollieren und wie ich mich verhielt. Ich wurde mit der Zeit nicht etwa mein Kontrollbedürfnis los, sondern die Angst.

Genau wie beim Motorradfahren. Je mehr ich die Angst loswerden, desto besser fahre ich. Einfach, weil ich nicht mehr kontrollieren will. Und zwar mich.