Die Gratwanderung zwischen absoluter und relativer Wirklichkeit

Ein Tanz auf des Messers Schneide.

Man kann sich so richtig gut vorstellen, wie schmerzhaft das ist, wenn man mal stolpern sollte. Und manchmal habe ich das Gefühl, gar nicht mehr zu tanzen, sondern nur noch zu stolpern. Garnicht vorstellen mag ich mir, wenn ich mal so richtig ausrutschte.

Aber kneifen gilt nicht, jedenfalls sage ich mir das immer.

Über das Absolute soll man ja nicht reden. Das sagen jedenfalls die Alten Meister. Man solle stattdessen dem Rauschen der Blätter oder dem Zirpen eine Zikade zuhören. Musik hören ist auch gut, wenn es keine Lieder sind, denn in denen wird schon eine intellektuell zu fassende Botschaft vermittelt.

Aber das „Problem“ dabei ist, was ich denn überhaupt zu hören in der Lage bin, denn das ist ja nur das, was ich überhaupt intellektuell und emotional interpretieren kann! natürlich höre ich die Töne, aber ob die für mich einen Sinn ergeben, das ist doch eine ganz andere Frage! Kann ich das, was ich da höre, überhaupt geistig und emotional erfassen? Etwa das, was Bach in und mit seiner Toccata und Fuge in D-Moll ausdrücken wollte? Obwohl, wollte er das überhaupt oder hat es ihn nur benutzt, um sich auszudrücken?

Doch man tanzt ja sehr selten nur auf einem Bein, sondern benutzt dafür beide Beine, nie wirklich synchron oder gleichzeitig, sondern immer so, dass sich das eine Bein eine gewisse Weile durch einen instabilen Zustand hindurch bewegt, mal schnell, mal langsam, bis dann das anderen Bein diesen Zustand beendet, für den Bruchteil eines Augenblicks für Stabilität sorgt, um gleich wieder in einen neuen, gleichermaßen instabilen Zustand überzugehen, dabei den vorherigen aufgreifend und weiterführend, immer wieder und weiter, bis der Eindruck eines stabilen und doch leichtfüßigen Tanzes entsteht. Also idealerweise.

Und genau so ist es auch mit der relativen und der absoluten Wirklichkeit. Bevorzugt man immer nur die eine Perspektive und vernachlässigt oder ignoriert gar die andere, dann sieht das so aus, als hüpfe man immer nur auf einem Bein herum. Doch wie bei der Musik versteht leider nicht jeder, was man da spielt oder tanzt, denn das ist und bleibt es: Ein Spiel, ein Tanz. Und so, wie ich in der Musik viel über Tonfolgen und deren Wirkung wissen kann, was jedoch keineswegs bedeutet, dass ich auch eine gute Musik machen könnte, ich andererseits ohne dieses Verständnis und das Wissen um Tonfolgen leider noch keine wirklich brillante Musik hinbekommen werde.

Man muss eben mit beiden Wirklichkeiten tanzen. Der relativen Wirklichkeit gebührt die Ernsthaftigkeit, das Präzise, der Intellekt und auch die Emotionen (was leider viele verkennen); der absoluten Wirklichkeit gebührt die Intuition, das Spielerische, die Vieldeutigkeit. Aber keine kann ohne die andere wirklich gut sein, es braucht beide, dass es ein Tanz wird. Und wie jeder andere Tanz auch braucht es viel Übung, bis man darin Meister geworden ist.

Aber warum sollen oder wollen wir diesen Tanz überhaupt tanzen? Was macht das für einen Sinn? Ich für mich kann nur sagen, dass ich mich in meinem Leben vom Leben irgendwie entfremdet habe. Und wenn ich meine Enkel so anschaue, ging das sehr, sehr früh schon los, lange bevor sie überhaupt reden können. Wenn sie dann aber reden können, wird es richtig schwierig, denn sie lernen eine Sprache, die das Leben nicht korrekt widerzuspiegeln vermag. Es ist eine letztlich unzulängliche Sprache, eine Sprache, die uns nicht nur ein reduziertes und eben kein vollständiges Bild von der Welt, sondern auch von uns selbst vermittelt.

Und genau deswegen sollten wir tanzen. Also ich tue es!