Die Sache mit den Werten

Soll man sich und kann man sich über Werte verständigen?

Schwierige Frage, wirklich schwierig. Die Frage ist nämlich, seit wann wir überhaupt Werte „haben“. Hatten die auch schon unsere halb tierischen und halb menschlichen Urahnen schon, wenn man mir diese zeitliche Differenzierung einmal erlaubt? Oder sind „Werte“ einfach nur ein sprachlicher Ausdruck für etwas völlig Anderes?

Tiere haben ja ein Problem nicht, das wir leider Menschen haben. Tiere habe ganz klare soziale Ordnungen und leben nicht mit einem zusammen, der ein anderes Wertesystem hat. Der fliegt nämlich hochkant aus der Gruppe oder Herde. Oder wenn er sich mit den Falschen anlegt statt demütig Reißaus zu nehmen oder sich tot zu stellen, der lebt dann nicht lange. Also klare Ordnung! Obwohl, ich glaube nicht, dass die sich über „Werte“ verständigen. Die haben einfach eine festgelegte, aber nicht festzementierte Ordnung.

Wie aber ist das bei uns Menschen? Tatsächlich finden sich solche klaren Regeln da nicht mehr, außer vielleicht bei irgendwelchen indigenen Stämmen, sondern, wenn überhaupt, eben einen Wertekanon. Wir organisieren unsere Gesellschaften nicht aus uns selbst heraus wie das ein Tier tut, sondern mehr oder weniger überlegt aus unserem Werteverständnis heraus. So weit so gut.

Seit ich aber einen Film über die Zusammenhänge zwischen den Ordnungen in den diversen Affenpopulationen gesehen habe, fange ich an zu glauben, dass nicht das Geld die Welt bewegt, wie Lisa Minelli in „The Cabaret“ singt, sondern ökologische Systeme. Aber bei uns Menschen ist in unserem Verständnis mittlerweile leider die Ökonomie anstelle der Ökologie getreten, und damit leitet sich unsere Lebenssituation aktuell mehr aus dem Wirtschaftssystem ab, in dem der Einzelne lebt und eben nicht mehr aus der Ökologie. Also hat Lisa Minelli irgendwie wohl doch Recht. 

Doch das heißt absolut nicht, dass alle Menschen, die in der BRD leben, auch im gleichen oder gar selben Wirtschaftssystem leben würden. Ganz zu schweigen von Europa. Oder der Welt. Erklären Sie einmal einem Beduinen den Aktienmarkt und seiner Frau erläutern Sie einmal unser Verständnis von Frauenrechte. Genau, Sie werden große Fragezeichen in deren Gesichter erleben. Und das macht es so verdammt schwierig, denn wir leben tatsächlich nicht mehr getrennt von einander, sondern sind hochgradig vernetzt. Einmal über die globale Wirtschaft, zum anderen über die Kommunikation und das Internet. Das kulturell Trennende aber ist geblieben, nur wir leben sozusagen dichter zusammen. Und genau das funktioniert ebennicht. Noch nicht.

Doch das bedeutet nicht, aus Europa raus zu wollen und die EU aufzukündigen, denn das hieße das Kind mit dem Bad auszuschütten, schließlich hat uns das eine sehr lange Zeit ohne Kriege verschafft, eine Zeitspanne, die es bei uns noch nie gab. Und wovon andere nur träumen können. Aber darum machen wir ja lieber Krieg woanders. Diese Zeit des Friedens möchte ich wahrlich nicht missen und noch ein Stück weit bewahrt sehen. Übrigens nicht nur für Europa. Dass Europa auch Nachteile wir sich bringt, das sehe ich selbstredend auch und das gehört geregelt. Nur das eigentliche Problem „steckt“ nicht in Europa und lässt sich folglich dort auch da nicht lösen, sondern es steckt in unserem Denken. Wir organisieren die Weltgesellschaft, denn die ist durch die weltumspannende Wirtschaft tatsächlich schon längst entstanden, immer noch nach den alten gesellschaftlichen Spielregeln. Das heißt, es gibt ein Konglomerat der unterschiedlichsten Welt- und Selbstbilder und damit letztlich auch ein Potpourri der Werte als deren sprachliche „Ausarbeitung“.

Also sollten wir darüber – oder noch besser – über Tugenden sprechen. Und exakt da wird es schwierig. Sehr, sehr schwierig. Nur noch wenige Menschen folgen ernsthaft einer religiösen Tradition und sind nicht nur für die Feiertage Mitglied und folgen daher dem klar definierten Weltverständnis nur auf dem Papier, das ja in den Tugenden seinen sprachlichen und kommunizierbaren Ausdruck findet. Ich weiß nicht, welche Werte oder Tugenden etwa in Yoga-, Meditations-Kursen oder spirituellen Gruppen vermittelt werde. Ich befürchte jedoch sehr wenige bis garkeine, sondern eher Wohlfühlen-Werte. Egoismus tarnt sich ja heute vielfach unter dem Mantel der Achtsamkeit, spirituellem Getue und angeblicher Mystik. Die Menschen in die Religion zurückzubringen wird nicht funktionieren. Und sie spirituell a“auf den Topf zu setzen“ auch nicht. Also muss man nach anderen Wegen suchen. Sollten wir vielleicht versuchen, alle Menschen in dem Denken des Chan zu schulen? Auch nicht, da tippen sich nur fast alle an den Kopf.

Wie aber wäre es mit etwas Physik und Naturwissenschaft? Warum unterhalten wir uns nicht einmal ganz ernsthaft über das Wissen, das wir von der Welt haben – statt von unserem Weltbild? Und fangen erst dann an darüber nachzudenken, was das für uns bedeutet? Bevor ich mich über mein Weltbild unterhalte, also über meine Werte, sollte ich erst einmal genau untersuchen, ob das überhaupt stimmig sein kann. Das ist es nämlich dann nicht, kann es auch nicht sein, wenn ich nicht über dieses Wissen verfüge. Und das dann bitte auch konsequent zu Ende denke. Die Wirtschaft und auch die Kommunikationsmöglichkeiten sind uns auf den Schultern der Wissenschaft vorausgeeilt. Da sollten wir entweder die Wirtschaft eintüten und unsere Kommunikation überdenken oder schauen, dass wir auf der gleichen oder gar selben Denkstufe leben. 

Das zeigt uns nämlich die Wertediskussion, dass wir da einen gewaltigen Nachholbedarf haben. Und sagen Sie bitte nicht, man soll doch wenigstens mal anfangen. Ich denke da wohl ähnlich wie Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Damit muss man anfangen, mit dem richtigen Leben. Man darf nicht übersehen, dass der Weg vom scheinbar Unmöglichen zum Möglichen führt. Und nicht umgekehrt. Also wenn man mit dem Nachdenken über das richtige Leben nicht nachlässt, dann machen Aktivitäten Sinn. Aber nur dann.

Also reden wir nicht über Werte, sondern über das richtige Leben und handeln dementsprechend.