Die Schwierigkeiten vieler mit der Wissenschaft

Wissenschaft kann ohne Philosophie nicht. Und Philosophie nicht ohne Wissenschaft. 

Wobei ich den Begriff Philosophie hier differenziert sehe. Mit und in der Philosophie, der „Liebe zur Weisheit“ wird üblicherweise versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen.  Doch das besagt nicht, worauf sie eigentlich aufbaut.

Ich habe, wie jeder Mensch auch, ein ganz spezifisches Welt- und Selbstbild in meinem Gehirn gespeichert. Und exakt dementsprechend organisiere ich mich auch, innen wie außen. Genauer, mein Gehirn tut das. „Ich“ kann ja immer nur ein sprachliches Ich sein, keines, das wirklich existieren könnte, auch wenn ich mich ganz anders erlebe. 

Was ich erlebe ist nun einmal nicht die letzte und einzige Wirklichkeit, sondern eben nur relative Wirklichkeit, nicht die absolute Wirklichkeit. So ist auch jedes „richtig“ oder „falsch“ nur relative Wirklichkeit, nicht absolut „richtig oder falsch“. Leben aber tue ich natürlich in beiden gleichermaßen, was leider manche sehr schnell durcheinander bringen. Oder lieber gar nicht erst darüber nachdenken. Aber man läuft eben nur auf zwei Beinen gut, ansonsten hüpft man nur langsam vorwärts und fällt auch ziemlich oft auf die Nase. Oder man versucht „schwierige“ Wege gar nicht erst zu gehen. Menschen, die wirklich nur ein Bein haben werden mir da zustimmen, denke ich.

Also, hüpfen Sie geistig noch einbeinig herum oder laufen Sie schon auf zwei Beinen? Oder üben Sie noch laufen, wie mein nicht ganz zweijähriger Enkel Paul? Geistig meine ich natürlich! Denken Sie darüber mal nach. Lohn sich.

Wie aber bringe ich die absolute und die relative Wirklichkeit miteinander in eine organisatorische Einheit, so dass ich auch mal durch die Gegend rennen kann, ohne gleich hinzufallen? Geistig meine ich natürlich! Dabei gelingt das relativ einfach, wie ich finde, man muss sich nur in beiden Wirklichkeiten gleichzeitig aufhalten. wie beim Laufen. Ich will versuchen, dies an einem Beispiel zu verdeutlichen. Nehmen Sie einmal Kaizen. Kaizen hat ganz praktische „Anweisungen“, was zu tun ist. Und doch hat es in sehr vielen „westlichen“ Unternehmen nicht funktioniert, zumindest nicht zu Beginn. Ganz einfach, weil die Philosophie nicht in den Köpfen der Anwender war, nicht nur denen der Manager, sondern in den Köpfen aller, und sie auch nicht dementsprechend denken konnten. Und genau darum hüpften sie nur auf dem „Regel-Bein“ durch die Welt, statt dass sie zusammen mit dem „Philosophie-Bein“ gelernt hätten, Kaizen „zu laufen“, also anzuwenden.

Oder nehmen Sie einmal an, Sie würden gerne Sushi essen. Aber Sie werden kein Sushi zubereiten können, wenn sie nicht auch die dahinterstehende Philosophie leben würden. Eine meine Schwägerinnen beschwert sich immer, dass es nie so schmeckt wie bei mir, wenn sie meine Rezepte nachkocht. Ist ja auch logisch, denn sie hat nicht meine Kochphilosophie. Und genau so ist es auch bei wissenschaftlichen Themen. Ohne die entsprechende Philosophie wird nur ein Hüpfen daraus, nicht mehr. Doch mit einer Philosophie ohne das entsprechende Wissen auch nicht. 

Und das ist bei wirklich allem so. Sie können ins Krankenhaus gehen und werden trotzdem nicht gesund, wenn sie nicht gesund werden wollen. Und kein Übergewichtiger wird abnehmen, selbst wenn er eine ganz ausgeklügelte Strategie verfolgt, wenn er nicht abnehmen will, wenn er also nicht „abnehmen“ denkt. Und auch Methadon macht Heroinabhängige nicht gesund, wenn sie nicht daran glauben, gesund werden zu können; genauso wenig wie Omega-3-Fettsäuren Ihnen zu einem langen Leben verhelfen werden, wenn Sie nicht auch die entsprechende Philosophie leben – und zwar wirklich leben.

Wenn man „Wissenschaften“ einmal als das konkret Erfahrbare und Erkennbare ansieht, das, was man explizit tut, und „Philosophie“ als die internale und implizite, nicht bewusste geistige Einstellung, dann wird einem sehr schnell klar, dass das Eine nicht ohne das Andere sein kann. Will ich also Ordnung in meinem Oberstübchen haben, brauche ich auch Ordnung im Außen. Will ich einen meditativen Geist, dann brauche ich das entsprechende Umfeld. Ein paar Räucherstäbchen und eine Kerze allein tun es nicht. Alles, wirklich alles muss dementsprechend organisiert sein.

Und manchmal hilft einem ein Schock, dass man aufwacht aus der so normalen Trance und endlich das, was wir schon lange wissen auch philosophisch in das eigene Leben integrieren und unser Leben dementsprechend gestalten. Aber es soll auch Fälle geben, die auch einfach so zu dieser Einsicht gelangen. Die Schwierigkeit mit der Wissenschaft ist nämlich schon seit einiger Zeit, dass wir deren Ergebnisse nicht philosophisch auch umgesetzt hätten. Wobei man natürlich sehr achtsam sein muss, denn vieles, was unter dem Deckmäntelchen „wissenschaftliche Erkenntnis“ daherkommt, ist es bei genauer Betrachtung gar nicht.

Will man Wissenschaft und Philosophie, relative und absolute Wirklichkeit miteinander verbinden und das Ganze wirklich zum Laufen bringen, dann braucht man vor allem eines: Die Bereitschaft, selbst zu denken. Das Themenpaar „Wissenschaft und Philosophie“ hat viele Entsprechungen. So klagte schon im vierten Jahrhundert vor Christus der griechische Philosoph Plato „Der größte Irrtum der Ärzte besteht darin, den Körper heilen zu wollen, ohne an den Geist zu denken. Doch Körper und Geist sind eins und sollen nicht getrennt behandelt werden“.

Alles was mich umgibt, was ich benutze, womit ich umgehe, wie ich mich einrichte, all das zähle ich zu meinem Körper, ist mein Körper. Meinen „Körper“ sehe ich nicht nur auf den organischen Körper reduziert, sondern all die materiellen Dinge, die letztlich durch meinen Geist benutzt werden, gehören dazu. Und dass ich Körper und Geist nicht als voneinander getrennt ansehe, ändert daran nichts. Das einzige „Problem“ dabei ist, dass wir uns das überhaupt nicht mehr vorstellen können.

Durch die gedankliche Réunion von Wissenschaft und Philosophie, von Körperlichem und Geistigem bringe ich mich in meinem Verständnis, meinem Welt- und Selbstbild der Wirklichkeit meiner Existenz ein Stück weit näher im Verständnis der Einheit von Körper und Geist.