Einen anderen zu verstehen ist nicht immer einfach.

Und braucht manchmal viel Übung und auch Toleranz.

Die einzige Antwort auf ausgrenzendes (und in seiner extremen Version rassistisches) Denken ist für mich humanistisches Denken. Das sind die beiden Pole, zwischen denen ich mich bewege und nicht etwa human und inhuman. Denn „menschlich“ ist absolut jedes Verhalten eines Menschen.

Es ist wie bei jeder Entscheidung. Nicht zwei Seelen kämpfen in meiner Brust, da irrte Goethe, sondern zwei Gehirnareale feuern ihre Neuronen durch die Gegend und fighten miteinander. Was ja irgendwie auf das Gleiche hinausläuft. Es ist eine Illusion wenn ich glaube, ich könnte bei irgendetwas absolut reinen Geistes sein. In einem Video über Neuroökonomie, in dem der Frage nachgegangen wurde, warum wir was kaufen, zeigte sich dieses Phänomen sehr deutlich, das aber eigentlich kein unbekanntes mehr ist.

Wir kaufen das eine und das andere nicht, nicht etwa, weil wir uns dazu rational entschieden hätten, sondern weil wir mit dem, was wir kaufen, etwas assoziieren, letztlich ein bestimmtes Lebensgefühl einkaufen. Selbst unser Geschmack ist nicht unabhängig von solchen inneren Überzeugungen. Dabei ist immer das Belohnungszentrum im Gehirn beteiligt; gut und richtig ist für mich wie für jeden anderen auch, was mir ein „gutes“ Gefühl gibt. Da ist dann ganz schnell Schluss mit rationalen und wohl durchdachten und überlegten Entscheidungen. Im Kernspintomographen hat man „sichtbar“ machen können, was bei solchen Entscheidungen alles beteiligt ist.

Langer Rede kurzer Sinn: Was sich „richtig“ anfühlt muss noch lange nicht auch „objektiv“ richtig sein. Selten wissen wir wirklich, warum wir uns so und nicht anders entscheiden. Eigentlich wissen wir es nie. Aber genau da kann ich ansetzen. Daher suche ich mich selbst immer wieder zu hinterfragen. Wie sonst soll ich mir auch sicher sein können, was ich wirklich denke? Und wenn ich mich dann einmal dabei ertappe, dass ich etwas denke, was sich eigentlich nicht gehört, wie ich „offiziell“ finde (was leider oft passiert), dann mache ich kein Drama daraus, sondern sage erst einmal nichts und reflektiere es unter möglichst vielen Gesichtspunkten.

Damit das aber keine Open-end-Geschichte wird, habe ich ein Bündel an Kriterien und Prinzipien in einem persönlichen Stylesheet zusammengefasst. Und damit kann ich nicht nur verifizieren, sondern vor allen Dingen auch validieren, was ich so denke. Und weil ich ein durchaus pragmatischer Mensch bin, fange ich mit einfachen Dingen an, etwa dem, was ich heute Abend gerne essen würde. Und arbeite mich kontinuierlich weiter hoch an schwieriger zu fassende, weil komplexere Themen.

Aber je weiter ich hinaufsteige, desto klarer wird es und desto mehr Überblick bekomme ich. Wie auf einem Berg im Gebirge. Und damit bin ich für das gewappnet, was mir unten im Tal so begegnet. Man braucht eben beide Perspektiven. Und das heißt, dass ich die immer wieder auch wechseln muss. Vom Gipfel aus besehen ist jedes Verhalten eines Menschen eben menschlich. Unten im Tal ist das ganz anders. Da stellt sich schon leicht und oft auch schnell Unverständnis ein. Aber mit der Erinnerung an den Blick von oben wird aus dem Unverständnis Irritation. Und aus der Irritation resultieren Fragen, einfache Verständnisfragen. 

Und erst dann, wenn ich den anderen verstehe, was ja nun wirklich nicht bedeutet, damit auch einverstanden zu sein, erst dann kann ich wieder meine eigene Meinung einschalten und die beiden unterschiedlichen Ansichten gegeneinander antreten lassen. „Toleranz“ ist ja so ein Ding mit Pfiff. Das zugrundeliegende Verb tolerieren wurde im 16. Jahrhundert aus dem lateinischen tolerare („erdulden“, „ertragen“) entlehnt. Also ertrage ich erst einmal die Ansicht des Anderen, auch wenn sie mir missfällt. Bis ich weiß, warum er so denkt, wie er eben denkt, ich ihn also verstehe. Was immer noch nicht bedeutet, damit einverstanden zu sein.

Aber dann weiß ich vielleicht, wo ich ansetzen kann. Was natürlich sofort die Frage aufwirft, warum ich das überhaupt will. Es gibt zwei Gründe, warum man das vielleicht will. Der eine Grund ist, weil man den anderen überzeugen oder überreden will, weil man sich mit der eigenen Meinung durchsetzen will. Der andere Grund ist der, weil man nach der besten Variante sucht.

Und da kommt dann die Selbstorganisation ins Spiel. Eine Gesellschaft ist ja auch „nur“ ein System, das sich nach ebensolchen Regeln organisiert. Also bedeutet gegen eine andere Meinung zu sein und dagegen zu halten letztlich Stillstand und Blockade. Da bin ich dann doch lieber für geistiges Aikido. Aikido ist eine Kunst, in der sich zwei miteinander messen und der Bessere gewinnt. Aber nicht, weil er die Macht dazu hat, sondern weil er einfach die besseren Argumente hat.

Mancher mag denken, dass das vielleicht ein sehr idealistischer Weg ist. Mag sein. Aber einen besseren kenne ich nicht. Und genau deswegen bin ich für einen Humanismus, der sich am Ende selbst abschafft. Der »radikale Humanismus« sieht in der vollkommenen Unabhängigkeit des Menschen sein höchstes Ziel, das heißt, dass der Mensch durch seine Fiktionen und Illusionen hindurch zum vollen Gewahr-Werden der Wirklichkeit vordringt.

Das, finde ich, hat definitiv etwas.