Einsteins Erkenntnis und die Folgen

Weit mehr als nur eine Randnotiz der Physikgeschichte.

Aktuell dürfen wir uns nicht davon ablenken lassen, dass Auseinandersetzungen in der Welt schon immer an der Tagesordnung waren. Nur hat das Ganze gegenwärtig eine neue Dynamik bekommen. Und zwar eine, die wirklich bedrohlich ist – und nicht nur sein kann.

Der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány hat im Jahre 2006 anlässlich einer Innoffiziellen Fraktionssitzung eine erstaunliche Rede gehalten. Ich gestehe ein, dass ich das auch nicht wusste, sondern erst die Tage in dem Buch von Natalie Knapp ‚Der Quantensprung des Denkens‘ gelesen habe. Ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen möchte. In seiner Rede hat er ausgesprochen, was wir schon längst wissen könnten, nämlich dass Bildungs-, Arbeits-, Gesundheits- und Finanzwesen auf einer Reihe von Lügen aufgebaut sind. Als die Rede im September an die Öffentlichkeit kam, war die Bevölkerung jedoch nicht sonderlich dankbar ob dieser Information, sondern forderte seinen Rücktritt. So nach dem Motto ‚Bitte nicht stören, mir geht es doch gerade so gut!‘

Dabei fällt mir ein, als ich Jura studierte, erfuhr ich schon so um 1973 in einem VWL-Kurs, dass die Rentenpyramide schon damals ordentlich angefressen war und es absehbar war, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis das System zu knirschen anfängt. Interessant ist, Asche auf mein Haupt, dass ich das zwar immer wieder mal erwähnt habe, doch wirklich getan habe ich nichts – außer darüber zu reden. So um 1988 herum habe ich einen brillanten Vortrag über die Destruktivität und aus wirtschaftlichem Blickwinkel den vollkommenen Irrsinn des Aktienmarktes gehört. So wirklich interessiert hat das damals niemand. Und ich? Nun, erwähnt habe ich es öfters, aber das war es dann auch schon.

Und es gibt noch eine Menge solcher Beispiele. Dank des technischen Fortschritts sind wir in der Lage, immer mehr mit immer weniger Menschen zu produzieren. Das heißt auf Deutsch: Uns geht die Arbeit aus. Also wird an der Konsumschraube gedreht, damit ‚neue‘ Dinge produziert und auf diese Weise Arbeit generiert wird. Doch Hand aufs Herz: Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was man in der Schweiz mit einem Auto mit ordentlich PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h (natürlich abgeregelt) überhaupt soll? Außer natürlich in die BRD fahren und dort im Stau stehen.

Ich stand kürzlich vor meinem Kleiderschrank und habe überlegt, was ich mit all den Klamotten aus meiner beruflichen Zeit machen soll. Ich brauche sie nicht mehr. Und je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, dass ich sie auch nie so wirklich gebraucht hatte. Außer natürlich, um meine Ego damit auszustaffieren und aufzupeppen. Und ich merke immer mehr, wie all das, was ich so besitze, mich weit mehr reduziert, als dass es einen wirklichen Wert für mich hätte.

Aber was hat das um Himmels Willen mit Einstein zu tun? Nun, mehr als man denken möchte. Einstein und seine Kollegen haben uns eine Technik beschert, deren Folgen und Auswirkungen wir heute im 21. Jahrhundert nicht mit den Konzepten des 20. Jahrhunderts in den Griff bekommen werden. Ich kann zwar nur vermuten, warum diese neuen technischen Möglichkeiten, die uns die Erkenntnisse der Quantenphysiker beschert haben, nur aus der Weltsicht und mit dem Denken der Quantenphysik in den Griff zu bekommen sind. Dieses Denken ist zwar nicht absolut neu, es gab auch schon früher Menschen, die die Welt so zu sehen in der Lage waren, aber die menschliche Gesellschaft und Ordnung konnte mit dem eingeschränkten Weltbild im Sinne von Isaac Newton bis Anfang des 20. Jahrhunderts einigermaßen gut umgehen, also den Alltag managen.

Doch das ist mittlerweile spürbar vorbei. Und es ist definitiv fünf vor zwölf. Also ist es an der Zeit sich einmal zu fragen, was man denn tun könne und vielleicht auch tun müsse, um das Ganze irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Und da bietet es sich an, Einstein anzuhören, schließlich war der ja daran beteiligt und hat den – damals zu Beginn nur gedanklichen – Systemwechsel von der rein mechanischen zur quantenmechanischen Denkweise selbst unmittelbar miterlebt. Und er hat auch gewaltig damit zu kämpfen gehabt. Nicht mit der Physik, sondern mit seinem abhanden gekommenen Weltbild. Was er – und eigentlich alle seiner Kollegen – daraus als Konsequenz zieht, klingt dabei ganz einfach: ‚Anders denken!‘ Doch das ist wesentlich schwieriger, als man glauben und denken mag. Denn zuerst muss man, will man wirklich anders denken, herausbekommen, wie man überhaupt denkt. Sonst kann man es ja auch nicht ändern.

Doch was bedeutet es, anders zu denken? Erst wenn wir begreifen, auf welche Weise sich die Bedingungen in so ziemlich allen Lebensbereichen geändert haben, erst dann können wir verstehen, dass in exakt dieser Veränderung sowohl die Notwendigkeit liegt, anders zu denken, wie auch der Schlüssel für dieses Anders-Denken darin zu finden ist. Das Erste – und vielleicht auch das Wichtigste, das wir aufgeben müssen ist, ist immer gleich nach einer Lösung zu suchen. Die wird es nämlich erst einmal nicht geben. Sondern wir werden einen Gehversuch nach dem anderen machen müssen und dürfen uns nicht davon abhalten lassen, wenn es zum x-ten Mal wieder einmal nicht funktioniert. Wir werden uns erleben wie Kleinkinder, die gerade eben das Laufen lernen.

Und wie ein Kind nicht auf die Idee käme, das mit dem Laufen sein zu lassen, wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt, so brauchen auch wir eine gehörige Frustrationstoleranz. Es muss uns absolut klar sein, dass wir erst einmal ganz von vorne lernen müssen, richtig zu denken. Und sagen Sie bitte nicht ‚wieder‘ richtig zu denken. Sondern vollkommen anders. Schwierige Vorstellung. Aber absolut notwendig. Stellen Sie sich vor wie es wäre, wenn Sie im zweidimensionalen Flachland leben würden und noch eine Dimension dazu bekämen. Alles neu, alles anders, nichts ist, wie es vorher war.

Das ist die wirklich gewaltige Hürde, die wir zu nehmen haben. Dazu müssen wir, müssen Sie bereit sein. Sonst fangen wir garnicht erst an anders und neu zu denken. Das wirklich Paradoxe dabei ist, dass, angenommen, jemand erzählt ihnen, was das bedeutet, so zu denken wie ein Quantenphysiker (natürlich ohne Physik, versteht sich!), dann werden sie vielleicht denken, sie hätten es verstanden, aber sie werden es wohl tatsächlich nicht verstanden haben. Weil wir eben nur sehen können, was wir denken können – und nicht etwa umgekehrt. (Das bitte dreimal lesen, mindestens.) Wie wollen Sie also etwas wirklich sehen können, wenn Sie es noch gar nicht denken können? Das ist für viele eine wirklich große Herausforderung, für manche auch ein Ding der Unmöglichkeit, sich nämlich vorbehaltlos einzulassen und die eigenen Ansichten und Meinungen einfach einmal so draußen abzustellen.

Wir haben ein ganz klare Vorstellung von Materie und den Teilchen, aus denen sie zusammengesetzt ist. Unsere ganze Sprache ist darauf abgestellt, diese Wirklichkeit auch dementsprechend abzubilden. Doch wenn wir uns auf das Denken von Einstein & Co einlassen, dann haben wir erst einmal nicht nur keine Sprache mehr dafür, wir können es uns einfach nicht vorstellen. Und genau hier steigen wohl die meisten Menschen aus, einfach weil sie nicht bereit sind, ihr eigenes und heiß geliebtes Weltbild in Frage zu stellen. Das bedingt nämlich leider zwangsläufig, auch sich selbst in Frage zu stellen, hängen doch Weltbild und Selbstbild nicht etwa zusammen – sie sind ein und das Selbe. Ich habe mir da immer Einstein als Vorbild genommen, das hat es mir extrem erleichtert.
Der hat auch heftig damit gehadert, das man ihm sein Weltbild geklaut hat, aber er ging wie auch viele seiner Kollegen konstruktiv damit um.

Zeit also, uns neu zu erfinden. Übrigens können viele Wissenschaftler das wunderbar trennen, ‚privat‘ leben sie weiterhin in ihrem alten Weltbild, beruflich benutzen sie aber ein anderes. Doch dieses Nebeneinander geht auf Dauer nicht gut. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als den Sprung in das kalte Wasser zu wagen. Wir haben einfach keine wirkliche Wahl mehr. Außer vielleicht heroisch unterzugehen. Aber wer will das schon?

Ich für meinen Teil habe beschlossen, anders denken zu lernen.

Anmerkung: Wenn das Thema Sie interessiert, lesen Sie das Buch von Natalie Knapp Der Quantensprung des Denkens

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