Emotional oder doch sachlich?

Wie ‚ticken‘ wir Menschen eigentlich?

Aber da steht dieses vertrackte ‚eigentlich‘ Denn genau genommen kann ich überhaupt nicht wissen, wie ich ticke, ich kann das nur aus dem eigenen Verhalten schließen. Ein echtes Dilemmata. Ich bilde mir das zwar oft ein, dass ich mich kennen würden, aber ob das auch stimmt?

Ich habe schon oft einen DISG- oder ähnlichen Test gemacht, es kam aber immer etwas anderes heraus. Und mit der Astrologie habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Oder dem Enneagramm. Ich bin eben nicht, wie ich bin, sondern wie ich mich der Situation ideal anpassen kann, in der ich gerade lebe. Entscheidend ist, wie ich sie erlebe, denn das heißt ja nicht, dass sie auch genau so wäre. Darum können zwei Menschen die identische Situation erleben, dabei aber doch etwas vollkommen Unterschiedliches erleben.

Hier taucht wieder die Frage auf, wie das, was ich erlebe, eigentlich in meinen Kopf kommt. Zuerst ist das ziemlich klar und leicht nachvollziehbar. Doch wenn der Impuls im Kopf angekommen ist und das ‚Wahrgenommene‘ Gestalt annimmt, dann scheiden sich die Geister. Das können wir immer nur vermuten. Wir wissen zwar eine Menge über das Gehirn, aber wie das im Detail funktioniert, das wissen wir eben nicht. Diese ‚Dynamik‘ erinnert mich an das Diät-Konzept ‚Trennkost‘. Viele schwören ja darauf. Habe ich auch mal.

Das Dumme ist nur, dass der Erfinder der Trennkost, William Howard Hay, zwar eine Menge abnahm, aber daraus die falschen Schlüsse zog, wie man mittlerweile wohl weiß. Der eigentliche Grund, warum er abnahm, war ein ganz anderer. Darum bin ich persönlich mit Konzepten und Methoden sehr, sehr vorsichtig und zurückhaltend geworden. Mit anderen Worten, ich suche alles zu lasse, was mich irgendwie in Versuchung führt oder auch nur führen könnte. Und ich ‚suche‘ das, auch wenn ich das wirklich anstrebe, denn ich weiß, dass ich immer noch oft auf mich selbst hereinfalle.

Und damit ich mich wirklich daran halte, habe ich Controller ernannt, die mich immer darauf hinweisen, wenn ich doch mal wieder auf mich selbst hereinfalle. Wie schon gesagt: Andere merken unsere Macken sofort. Wir leider nicht. Und ich habe mich innerlich verpflichtet, mich an ein Grundkonzept zu halten, nämlich an das Konzept der Skandhas, das auf einfachen Erfahrungen und Beobachtungen beruht. Dieses Konzept passt exakt zu meinen eigenen Überlegungen und zu dem, wie ich mich selbst wahrnehme. Die eigentliche Wahrnehmung ist ein rein geistiger Prozess. Und damit steuerbar.

Victor Frankl, der übrigens im Mangel an Selbsttranszendenz, der Fähigkeit des Menschen sich selbst zu überschreiten, ein Hauptübel unserer Zeit sah, hat das mit diesen Worten zusammengefasst: ‚Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.‘ Ich habe dafür das Bild eines Kreisverkehrs mit einer hilfreichen und einer nicht hilfreichen Ausfahrt. Und ich fahre solange im Kreisverkehr, bis mir klar ist, welche Ausfahrt die bessere ist. Und die nehme ich dann.

Und das funktioniert ganz gut, wenn ich mich von emotionalen Versuchungen fern halte. Etwa, alles mit Herzchen-Smileys zuzupflastern. Nichts gegen Smileys, aber bitte genau überlegen, was ich damit auszudrücken will. Oder Witze sind auch oft sehr verführerisch. Lege ich wirklich diese Denkpause zwischen Reiz und Reaktion ein, dann sind viele Witze ganz oft nur noch blöd und dokumentieren nichts als ein Vorurteil. Dann freue ich mich nicht über den Witz, sondern darüber, nicht hereingefallen zu sein.

Oder Nachrichten. Kürzlich kam ganz oft die Meldung, dass Asylbewerber immer mehr prozessieren würden. Stimmt, das ist beziehungsweise war so. Was aber nicht kommuniziert wurde war, dass im selben Zeitraum die Fehlentscheidungen der Ausländerbehörden zunahmen. Was aber wiederum die Frage nicht beantwortet, warum das so ist. Ein vielschichtiges Thema, das, will ich eine fundierte und belastbare Meinung dazu haben, ich ganz aufdröseln muss. Ich frage immer nach dem ersten Fraktal. Was ist der eigentliche Grund und was sind nur Symptome? Also steht hier das nächste ‚Suchen‘ an, nämlich nicht auf oberflächliche, nicht verifizierbare angebliche oder vermeintliche Tatsachen nicht hereinzufallen.

Es geht für mich letztlich nicht um emotional oder sachlich, sondern es geht darum, dass ich die bessere, stimmigere und angebrachtere Ausfahrt nehme.