Erst denken, dann posten

Regel Nr. 1 im Social Media

Ich bin auf einigen Plattformen im Netz unterwegs: XING, LinkedIn, Google+, Twitter. Und Facebook. Letztere Plattform unterscheidet sich von den anderen, vor allem den ersten beiden. Es ist nicht beruflich orientiert, jedenfalls nicht primär, jeder postet, was er mag. Heißt, wohl die meisten sind nicht darauf aus, sich in einem guten Licht darzustellen, sondern zeigen sich, wie sie eben sind.

Spannend finde ich, dass meine bisherigen Versuche, ein ernsthaftes Gespräch anzufangen, meist sehr bald den Kommentar auslösten ‚Bitte nicht auf Facebook!‘. Warum aber nicht? Ich finde genau das ist doch die Plattform, auf der man sich austauschen kann und auch sollte!! Oder ob Mark Zuckerberg das anders sieht?

Manchmal erinnert mich das an das, was man immer wieder mal an Ampeln beobachten kann. Da bohrt dann die oder der andere schon mal gedankenvoll in der Nase. Sieht ja keiner, oder? Tja, irren ist menschlich. Und auf den Social-Media-Plattformen? Irgendwie scheinen da wohl die meisten zu denken, dass sie nicht wirklich sichtbar sind. Als wären das nicht sie selbst, sondern irgendwelche Avatare, die da posten, was sie so posten. Aber definitiv nicht sie selbst. Warum? Weil, ist jedenfalls meine feste Überzeugung, sie das im vermeintlich echten Leben nie laut sagen würden.

Dabei ist auch oder doch eher gerade das Posten auf einer solchen Plattform das echte Leben. Vielleicht echter als das nicht virtuelle Leben, weil ohne Maske, ohne Rücksichtnahme, ohne die üblichen kleinen Lügen, die wir im Leben so drauf haben, um einander nicht weh zu tun. Hat zwar was Gutes. Aber auch vieles, was garnicht gut ist. Sollten wir nicht einfach ehrlicher miteinander umgehen? Etwas weniger nur der Konvention geschuldeten Pseudo-Spiele spielen?

Daran wäre ja vielleicht auch logisch und konsequent, wenn das Leben, das wir als Gesellschaft und als Einzelne üblicherweise führen, wirtschaftlich, politisch und auch persönlich, nicht irgendwie etwas Falsches, Unechtes an sich hätte. Ich war lange Anwalt und kann ein Lied davon singen. Und was man im normalen Leben zu unterdrücken gelernt hat, lässt man auf solchen Plattformen eben einfach mal raus. Dampf ablassen, könnte man es nennen.

Und genau deswegen bin ich auf Facebook. Weil mich interessiert, was die Menschen wirklich bewegt. Das ist das eine. Das Andere ist, das man sehr schnell etwas erkennen kann. Nämlich das den Dingen viel zu selten wirklich auf den Grund gegangen wird, und das scheinbar Offensichtliche einfach einmal hinterfragt wird. Fake-news sind keine Spezialität irgendwelcher Präsidenten, sondern irgendwie salonfähig geworden. Und darauf sollten wir wirklich nicht hereinfallen.

So wie ich kürzlich. Eine Bemerkung über Andrea Nahles und ihrem ‚in die Fresse‘ Spruch. Heute hat mir ein Nachbar erzählt, wie die ganze Geschichte war. Kennt man nicht den gesamten Kontext, geht man schnell in die Irre. Das will eigentlich niemand. Aber ist etwas nur der damit erreichten Stimmung wegen zu tun nicht irgendwie das Selbe? Keine bewusste Lüge, aber eben doch nicht die Wirklichkeit.

Darum: Erst denken, dann posten.

Das alles klingt schrecklich banal, was es aber nicht ist. Dahinter steckt die uralte Erkenntnis, dass man nicht einfach glauben darf, was ein anderer behauptet, sondern dass man gut daran tut, das genau zu untersuchen und zu verifizieren, vor allen Dingen dann, wenn man es als eigene Erkenntnis weitergibt. Aber nicht nur das, was andere behaupten, verdient eine exakte Betrachtung und auch Überprüfung, sondern vor allem auch das, wovon man selbst überzeugt ist.

Niemandem geht man so schnell und leicht auf den Leim wie sich selbst. Das zu erkennen und zu akzeptieren fällt den meisten richtig schwer, aber die Neurowissenschaften haben einfach keine besseren Nachrichten für uns. Aber das hat auch etwas Gutes. Wirklich Gutes. Man braucht dann nicht mehr auf sich hereinzufallen. Hat doch was, oder nicht?