Erwachen, was ist das eigentlich?

Pragmatische Gedanken zu einem scheinbar nur spirituellen Thema.

Den Begriff ‚Erwachen‘ kennt man normalerweise als eine Art spiritueller Zustandsbeschreibung. Obwohl, beschreibt ‚Erwachen‘ nicht eher einen Prozess als einen Zustand? Wenn wir im üblichen Verständnis wach sind, dann ist das ja kein eindeutig definierter geistiger Zustand, sondern eben ein Prozess, der die unterschiedlichen Phasen durchlaufen kann, von klarer Bewusstheit, über Automatismen, Grübeleien bis hin zu ziemlich destruktivem, auch autoaggressivem Verhalten.

Wach sein ist nicht eindeutig. Genauso ist es mit dem sogenannten spirituellen Wach-Sein. Es bedeutet nur, nicht mehr zu schlafen, mehr aber auch nicht. Und dieses Wach-Sein hat genau genommen auch wenig mit Spiritualität zu tun. Es beschreibt nicht mehr und nicht weniger als den Zustand eines Menschen, der die Illusion erkannt hat, in dem wir üblicherweise tief und leider auch selig schlafen.

Und das ist ein ganz banales psychologisches Phänomen. Das hat, wie gesagt, wirklich wenig mit Spiritualität zu tun, auch wenn das die meisten anders sehen. Vielleicht, damit man das einigen wenigen überlassen undicht persönlich nehmen muss. Aber mittlerweile lässt sich das auch auf psychologischer und naturwissenschaftlicher Ebene ziemlich gut nachvollziehbar darstellen. Also ganz pragmatisch, nicht nur dem Mystischen vorbehalten.

Obwohl ich selbst bei Naturwissenschaften und Mystik immer mehr den gleichen Hintergrund sehe. Beide Disziplinen suchen nur zu ergründen, was wirklich ist. Und dabei sind sie sich erstaunlich nahe gekommen. Das war nicht immer so, denn das hörte auf, als  man mittels der Wissenschaften versuchte absolute Wahrheiten zu verkünden. Doch damit ist seit der Entdeckung der quantenphysikalischen Phänomene definitiv Schluss.

Seitdem ist nämlich klar, dass man die Wirklichkeit immer nur beschreiben, aber nie Gesetze definieren kann. Ganz abgesehen davon, dass wir, also unser Geist, immer Teil des Untersuchten ist. Doch was bedeutet das? Suchen wir nach Wirklichkeit und nehmen uns selbst aus den Überlegungen heraus, dann leben wir logischerweise in einer Illusion.

Wir glauben in angenommenen Zusammenhängen, die es tatsächlich überhaupt nicht gibt. Angefangen damit, dass die wenigsten sich bewusst sind, dass sie als autopoietische Wesen von anderen überhaupt nicht beeinflusst werden können. Sie wähnen sich aber als ‚Opfer‘ der Umstände, doch in Wirklichkeit sind sie die ‚Täter‘ mit dem, was sie tun. Niemand ist verantwortlich, nur sie selbst. Doch das mit den ‚Tätern‘ und ‚Opfern‘ ist viel zu schlicht, viel zu mechanistisch gedacht.

‚Wach sein‘ ist also ein geistiges und weniger ein spirituelles Phänomen. Und diese Entmystifizierung macht es leichter, die Probleme zu erkennen. Wie oft gebrauchen wir Begriffe absolut nicht korrekt, die mit geistigen Phänomenen einhergehen,  um nicht zu sagen wir verwenden sie beliebig, eben ‚wischi-waschi‘. Wir wähnen uns oft bewusst, nur weil wir körperlich nicht schlafen, sind jedoch alles andere als das. Konventionelles Geplapper ist so ein Beispiel. Und auch mit dem Willen wie mit bewussten Entscheidungen ist das so eine Sache. Aber darüber reden wir ungern, heißt das doch, dass wir vieles aufgeben und neu denken müssten. Das gesamte Strafrecht baut, soweit es das Thema Verantwortlichkeit betrifft, auf Überzeugungen auf, die mittlerweile von Neurowissenschaftlern als nicht wirklich zutreffend angesehen werden. Aber genauso sehen sich die Menschen selbst, also wird weiter so gedacht. Nur eben falsch. Und ohne die notwendige Konsequenz.

Aber hat nicht schon Einstein gesagt, wir müssen (und nicht sollten oder müssten!) neu denken? Die Brisanz dieses Gedanken wird einem aber erst dann wirklich klar, wenn man sich bewusst macht, dass auch Einstein noch nicht auf dem Stand dessen war, was wir heute wissen. Aber er hat den Stein ins Rollen gebracht.

Ja, es wäre allen ‚spirituell Suchenden‘ dringend zu empfehlen, sich einmal ganz pragmatisch mit den Gedanken der Quantenphysiker und Neurowissenschaftler wie auch vieler Biologen, Wissenssoziologen und so weiter zu beschäftigen. Und einfach einmal von dem spirituellen Turm herunterzukommen und die Welt einmal pragmatisch zu sehen.

Meister Eckhardt würde sich sicher freuen.