Es braucht Mut, will man richtig leben

Doch was heißt es überhaupt, ‚richtig‘ zu leben? Und wozu braucht es Mut?

Zwei Dinge, die mich immer wieder beschäftigen. Mut und richtig leben. Aber der Reihe nach. Was heißt es überhaupt ‚richtig‘ zu leben? Die erste, spontane, Antwort wäre wohl, dass einem das niemand sagen kann, weil die- oder derjenige ja gar nicht wissen kann, in welcher Situation man sich gerade befindet. Aber heißt das, dass man sich immer selbst durchschlagen, durchkämpfen oder durchwursteln muss, was einem so passiert im Leben?

Nein, das heißt es nicht. Es gibt einige Menschen, die sich damit schon beschäftigt haben. Doch das heißt natürlich nicht, also dann nicht, wenn sie es ehrlich mit uns meinen, dass sie einem auch sagen würden, was man denken oder tun soll. Das tun sie definitiv nicht, aber sie können einem sagen, an welcher Philosophie und welchen Prinzipien sie selbst sich ausgerichtet haben.

Ueshiba Morihei, der Begründer des Aikido, hat es so formuliert:

‚Wahres Budō dient jedoch nicht einfach dazu, den Gegner zu zerstören; es ist viel besser, einen Angreifer geistig zu besiegen, so dass er seinen Angriff gerne aufgibt.“

‚Wenn du angegriffen wirst, schließe deinen Gegner ins Herz.‘

‚Das Geheimnis von Aikido liegt nicht darin, wie du deine Füße bewegst, sondern wie du deinen Geist bewegst. Ich unterrichte euch nicht eine Kampfkunsttechnik, ich unterrichte euch Gewaltlosigkeit.‘

Dem liegt die Philosophie und Einsicht zugrunde, dass Asymmetrie, Unkompliziertheit, Natürlichkeit, Unergründlichkeit, Unbefangenheit und Stille letztlich allem Lebendigen zugrunde liegen, also auch dem ganzen Kosmos, genauso wie die Erkenntnis, dass letztlich alles Eins ist. Und die darauf basierenden Prinzipien wie Harmonie, Höflichkeit, Würde, Aufrichtigkeit, Freundschaft, Großzügigkeit, Ehrlichkeit, Ehre, Redlichkeit, Mut, Bescheidenheit, Heiterkeit und Ausdauer kann man selbst verifizieren. Macht es Sinn, sich so zu verhalten oder doch eher nicht? Wenn ja übernehmen und eine Lebenskunst und eine Kultur entwickeln, die dem entsprechen!

Ich halte es da gerne mit den alten japanischen Kampfkünsten. Keine Ahnung, warum unsere ritterlichen Traditionen nicht überliefert wurden, aber egal, nehmen wir also die japanischen Traditionen. Und da es um grundlegende Prinzipien geht, gelten die in jedem Land der Erde, verdichtet man sie auf die wesentliche Essenz. Und die Situation damals ist irgendwie vergleichbar mit der heutigen. Wir leben in einer Welt, in der zwar nicht mit Waffen gekämpft wird, sondern mit Intrigen und anderen fiesen Dingen. Und ich weiß nicht, was hinterlistiger ist. Und wir wollen, jedenfalls die meisten von uns, da raus. Und zwar schleunigst.

Das ist der gleiche emotionale Zustand, in dem sich auch die Krieger des mittelalterlichen Japan befanden. Die Menschen erkannten, dass Krieg zu führen nicht die Ultima Ratio sein kann. Daraus entstehenden die japanischen Kampfkünste. Sie alle basieren darauf, dass man sich in einer feindlich gesinnten Umwelt zwar verteidigen können muss, aber ohne einem anderen zu schaden; weil man sich eben bewusst ist, dass wir letztlich nicht von allem anderen getrennt sind. Und das macht Sinn, nicht nur, weil man dann selber sauber bleibt, so etwas macht nämlich auch Schule und ist regelrecht ansteckend. Die anderen wollen nämlich wie wir auch raus aus dem destruktiven Kreisel. Auch wenn wir das vielleicht nicht glauben mögen.

Aber wozu braucht man dafür Mut? Es kostet manchmal Überwindung, auch siegen zu wollen. Das muss man nämlich, denn nur wer siegen kann, kann auch aufhören zu kämpfen. Das sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Vor allem haben viele Deutsche mit dem Siegen-Wollen so ihre Probleme angesichts dessen, was unsere Vorfahren, also jedenfalls viele von ihnen, in der Zeit des zweiten Weltkrieges unter dem Zeichen des Sieges so alles angerichtet haben. Aber das Siegen-Wollen an sich war nicht das Problem, sondern die fatale Ideologie war es. Wirft man Kraft und Ideologie (= Macht) in einen Topf und gibt noch eine Prise Gutmenschentum dazu, wird allzu leicht so etwas ähnlich wie weich gekochtes Gemüse daraus. Und das ist auch nicht gut.

Und dann braucht es auch Mut, weil all das eine gehörige Portion Selbstüberwindung, Konsequenz, Beharrlichkeit und Selbstdisziplin verlangt. Alles das, was manchen jedenfalls zu Beginn so schwer fällt. Und sagte nicht schon Kant, dass es Mut braucht, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (und nicht mit den Wölfen zu heulen oder den Schafen zu blöken)? Aber Mut ist weder magisch noch außergewöhnlich, es ist die Haltung, die sich selbst ernst nimmt und zu sich steht. Aber bitte immer mit der richtigen Ideologie dahinter!

Das in den seltensten Fällen, eigentlich nie, vor allem in seiner Ganzheit und Komplexität nicht bewusste Welt- und Selbstverständnis, sowie die sich dadurch und darin manifestierenden Überzeugungen und Ansichten machen letztlich die spezifische Lebensweise eines Menschen aus. Dieses implizite, also nicht bewusste, nur erfahrbare Wissen ist uns – weil wir uns selbst nicht erfahren können – wie auch? – nur durch äußere Hinweise und dann in der Selbstreflexion zugänglich. In dieser Gesamtperformance zeigt sich unsere Haltung, zeigt sich, wessen Geistes Kind wir sind. Das zu sehen braucht Ehrlichkeit, Offenheit und die Bereitschaft, sich einzugestehen, wie man ist. Und es braucht die Bereitschaft, die Konvention des gewöhnlichen Lebens zu verlassen. Eben Mut.

Doch dieses Wissen, wie man glaubt zu sein oder auch wie man ist, schafft uns noch lange keinen Zugang zu dem impliziten Wissen, das uns sein lässt, wie wir eben sind. Uns selbst gelingt es wohl nie. Wir können uns nun einmal nicht selbst beobachten und vor allem nicht selbst erfahren. Das gelingt wohl nur im richtigen Verständnis und der entsprechenden Praxis von Meditation, also letztlich von wirklicher Bewusstheit. Was wir aber definitiv können, das ist uns ganz bewusst einer Lebensphilosophie, einer Lebenskunst und einer Kultur zuzuwenden und uns diese durch konsequentes, beharrliches Üben und Praktizieren anzueignen. Wobei es hier nicht darum gehen darf, von etwas weg zu kommen, denn damit ist es in unsrem Denken noch immer präsent, vielmehr müssen wir diese andere Lebensform aus vollem Herzen begrüßen und wollen.

Das ‚weg von‘ darf immer nur die Initialzündung sein, was natürlich heißt, das Alte aufzugeben. Weg ist weg. Etwas Neues kann ich ja nur Anfangen, wenn ich die Brücken zum Alten abbreche. Und das bedeutet letzten Endes auch, die gewohnte Identität aufzugeben. Das aber gelingt uns nur, wenn wir es wirklich wollen, ohne wenn und aber, ohne Hintertürchen und ohne Vorbehalte. Das ist unser ureigener Rubikon, den wir zu überqueren bereit sein müssen. Diesen Schritt wagen wir meist erst, wenn wir entweder mit unserem bisherigen Leben komplett gescheitert sind oder ein ganz anderes führen wollen. Wobei letztlich beides zusammenkommt. Das Alte aufzugeben heißt ja immer, sich einzugestehen, dass man gescheitert ist, aber das wird man nur dann tun, wenn man eine neue Chance sieht und sie auch ergreift.