Es lebe das Recht!

Doch lebendig kann das nur in den Menschen selbst sein. Wo auch sonst?

Einer der mir sehr sympathischen Politiker ist Gregor Gysi. Warum das so ist? Weil es der Einzige ist, ich kenne jedenfalls keinen anderen, der beharrlich immer wieder auf die Errungenschaft des Rechtsstaats hinweist. 

Eine Errungenschaft, die scheinbar viele nicht mehr sonderlich zu schätzen wissen. Was man kennt schätzt man ja oft nicht mehr. So wird einem die Bequemlichkeit eines Autos einem oft erst dann wieder richtig bewusst, wenn man mitten in der Nacht, weit ab von dem nächsten Ort und – Oh Schreck lass nach – kein Handyempfang! – eine Autopanne hat und niemand weit und breit in Sicht ist, der einem helfen könnte.

Und so ist es auch mit dem Rechtsstaat. Statt zu schätzen, was wir haben, mäkeln wir eher herum und beklagen, dass es keine Gerechtigkeit mehr gäbe. Also ab das Recht Gerechtigkeit gewährleisten könnte! Wer das glaubt, der hat wirklich wenig bis überhaupt keine Ahnung von dem Recht. Gerechtigkeit ist nun einmal subjektiv. Auch das Recht ist es letzen Endes, aber es umfasst nicht nur die Subjektivität des Einzelnen, sondern die unterschiedlichen Meinungen einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, die sich auf eben dieses Recht verständigt haben. Kommitment heißt das dann auf Neudeutsch. 

Aber Kommitment ist nicht so einfach zu haben, denn dafür muss man miteinander reden, wirklich miteinander reden, statt sich die Meinungen in sogenannten Diskussionen um die Ohren zu hauen. Aber wo ist dieses Kommitment, das es ja wohl einmal gegeben haben muss, wo ist es nur geblieben? Man müsste wirklich eine Vermisstenanzeige aufgeben, vielleicht hat es ja jemand gefunden und weiß nicht, was er damit anstellen soll. 

Aber es gibt vielleicht Hoffnung, wenn auch aus einer sehr unerwarteten Ecke. Gerade habe ich nämlich einen Artikel gelesen, in dem berichtet wird, dass der Anwalt von Donald Trump folgendes gesagt hat: 

Und wenn Sie mir sagen, dass er ruhig aussagen sollte, weil er ja die Wahrheit sagen wird und er sich keine Sorgen machen sollte – nun, das ist so albern, weil es sich um jemandes Version der Wahrheit handelt. Nicht die Wahrheit.

Es ist eine zweischneidige Aussage. Denn es ist zum einen eine Frechheit, sich mit solchen Äußerungen einer öffentlichen Diskussion und Klärung des eigenen Verhaltens entziehen zu wollen. Aber davon darf man sich nicht blenden lassen. Die Crux ist nämlich, dass etwas sehr Wahres darin steckt, auch wenn sich Giuliani dessen wahrscheinlich überhaupt nicht bewusst war, als er das sagte. 

Ich meine nämlich die Sache mit den Wahrheiten. Ich bin ja von Haus aus Jurist, und die Suche nach der Wahrheit gehörte sozusagen zu meinem Berufsbild als Anwalt. Irgendwann begriff ich, dass Wahrheit das Subjektivste ist, was man sich vorstellen kann. Man muss sich nur einmal eine Zigewinnausgleichsstreitigkeit vor Gericht anhören. Es gibt „die eine“ Wahrheit eben nicht. Allenfalls ein übergreifendes Kommitment, das die subjektiven Wahrheiten umfasst. Natürlich nur im Idealfall.

Und das würde durch Untersuchungen immer und immer wieder bestätigt. Aber geholfen hat das eigentlich gar nichts. Der Glaube an „die eine Wahrheit“ ist im Denken der meisten Menschen derart verwurzelt, dass sie überhaupt nicht merken, ja nicht einmal auf die Idee kommen, dass man sich über Wahrheit gar nicht streiten kann. Streiten kann man nur, wenn es um subjektive Wirklichkeiten geht – aber nicht, wenn wir von oder über „Wahrheit“ sprechen. 

Ja, aber was gilt dann überhaupt, wenn es „die“ Wahrheit überhaupt nicht gibt, jedenfalls nicht im menschlichen Miteinander? Und genau da fängt der Schlamassel an. Wenn es keine Wahrheit gibt, dann muss man immer wieder das Kommitment suchen, das Gemeinsame und Verbindende, also das, worin die subjektiven Wirklichkeiten übereinstimmen. 

Aber dazu muss man miteinander reden. Und dabei kann es einem passieren, dass die eigene Ansicht nicht so wirklich fundiert ist und nicht zu überzeugen vermag. Also redet man lieber über die eine Wahrheit und geht fest davon aus, dass man selbst in deren Besitz sei. Sicher ist sicher.