Geist und Gehirn

Sind wir gefangen im eigenen Denken und Fühlen? Sind wir Gefangene unserer selbst?

Das sind wir. Und auch wieder nicht. Doch der Reihe nach.

Erst einmal zur Terminologie der verwendeten Begriffe. Es fängt an mit ‚Geist‘. Damit ist der universelle, allem zugrundeliegende und allem innewohnende Geist gemeint, der in meinem Verständnis alles ist. Ziehe ich nun innerhalb dieses Phänomens ‚Geist‘ eine (systemische) Grenze, dann definiere ich etwas anderes, etwa Emotionen, Gefühle und Empfindungen, aber auch Materie und Gehirn. Spreche ich von ‚Gehirn‘, kann damit die neuronale Struktur gemeint sein oder das, was das Gehirn ‚tut‘. Andere Ausdrücke dafür sind denken, fühlen, meinen, wollen und so weiter und so fort.

Letztlich sind alle diese Begriffe Aspekte ein und des selben Phänomens. Das darf man nie vergessen. Aber es ist notwendig, mit solchen Begriffen zu arbeiten, will man das Ganze verstehen. Ich verstehe ‚Denken‘ oder ‚Fühlen‘ in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung einfach besser, wenn ich weiß, wie das Gehirn aufgebaut ist und wie ‚es‘ es anstellt, dass es ein ‚Ich‘ geben kann, das denkt und fühlt, das Ansichten und Meinungen hat, etwas glaubt oder eben nicht, etwas mag und was anderes nicht. Aber würde es nicht genügen, sich einfach dem großem Geist anheimzustellen und nicht weiter darüber nachzudenken? So wie es uns manche esoterische Schule zu vermitteln sucht?

Ich denke nein, das genügt nicht. Meditation etwa ist ja wesentlich mehr als nur Windstille im Oberstübchen zu erreichen; sie ist definitiv nicht auf Zeiten beschränkt, sondern ein 24 Stunden-Job. Letztlich ist damit gemeint, sich selbst zu ergründen, vertraut werden, aber auch pflegen, fördern und kultivieren (Matthieu Ricard in Hirnforschung und Meditation – ein Dialog). Und Meditation muss man lernen. Nicht nur wie man sitzen kann oder muss, sondern alles, was damit zusammenhängt. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass das moderne Wissen der Naturwissenschaften, vor allem der Neurologie, der Quantenphysik und damit zusammenhängender Wissenschaften vieles logisch zu erklären vermag. Doch das zu wissen genügt für sich genommen (leider) nicht.

Genau das, was schon immer in Meditationsschulen vermittelt wurde, haben jetzt auch die Wissenschaftler erkannt: Man muss üben, üben und nochmals üben. Wissen für sich alleine genügt nicht, erforderlich ist, dass wir solange üben, bis wir die dazugehörige Empfindung haben. Warum? Weil erst die entsprechenden neuronalen Verknüpfungen geschaffen werden müssen. Empfindung ist übrigens etwas anderes als Gefühl. Empfindung ist still und leise, sie ist nie überschwänglich und will sich auch nicht mitteilen. Sie ist ganz einfach da. Also muss ich Wissen erst einmal verifizieren, womit ich schon damit anfange, meine neuronale Vernetzung anders zu organisieren. Und je länger ich es dann praktiziere (ist besser als üben, finde ich), desto selbstverständlicher wird es. Ist wie Motorradfahren. Was zu Anfang noch sehr, sehr bewusst und gewollt passiert, läuft mit der Zeit immer spontaner und eigenständiger ab. Interessant ist, dass die Gehirnaktivitäten sich mit zunehmender Selbstverständlichkeit verlagern, es werden andere Gehirnareale aktiv.

Das bedeutet, dass wir zum einen aus unserem Denksystem nicht einfach so herauskommen. Und wie gesagt, Wissen hilft da überhaupt nichts. Wissen kann nur der Anfang sein, um die Notwendigkeit des Praktizierens zu erkennen. Aber ohne Wissen geht es auch nicht. Man braucht entweder fundiertes und auch verifiziertes Wissen oder einen Lehrer, der einen anleiten kann, weil er selbst über das entsprechende Wissen verfügt und weiß, was zu tun ist, also wie man das für sich selbst realisieren kann. Ich finde das faszinierend: Wir sind in unserem Gehirn nur solange gefangen, solange wir seine Grenzen nicht erkennen und nicht akzeptieren. Das ist genau der Schlüssel, den wir brauchen, um diese Grenzen zu überwinden. Ist ja irgendwie auch logisch.

Um eine Grenze zu überwinden, muss man sie also solche erkennen.