Gemeinschaft ohne Gemeinschaft 

Wie lässt sich ein System umbauen? Und noch dazu eines, das wir lieb gewonnen haben?

Heute Abend unterhielten wir uns darüber, was die Gemeinschaften auszeichnet, in denen Menschen ein spezifisches Leben führen – einmal ganz abgesehen von den jeweiligen geistig-mentalen und weltanschaulichen Hintergründen – und die sich durch Dauer und Beständigkeit auszeichnen. Egal ob Tempelritter, Samurai, Jesuiten, bis hin zu den Gilden, Freimaurern, Illuminaten, Skull & Bones, Opus Dei, Hung Fa Wui und anderen – scheinbar ist es zum einen das Geheimnisvolle und zum anderen die Abschottung nach Außen, die allen diesen Gemeinschaften ganz unabhängig von dem jeweiligen inhaltlichen Ziel gemein ist.

Die Frage, warum eine Gemeinschaft mit einer offenen Struktur scheinbar nicht ‚funktioniert‘ ist eine Frage, die ganz offensichtlich nichts mit den Inhalten zu tun hat. Wo also lässt sich die Antwort und vielleicht auch die Lösung finden, um ohne ein Geheimnis und ohne Abschottung auszukommen? Ich denke, die Antwort ist regelrecht banal. Es ist einfach die Tatsache, dass wir üblicherweise schlicht und einfach einen Wahrnehmungsfehler haben. Der wiederum basiert auf dem Verständnis der Welt als einem mechanischem, aus Teilen zusammengesetzten Etwas. Was es aber nicht ist, sondern es ist ein lebendiges Eines.

Das lässt sich leicht verstehen. Aber scheinbar ziemlich schwer gedanklich umzusetzen und auch wirklich zu leben. Bisher haben die meisten Menschen die Welt als ein mechanisch funktionierendes, aus Teilen zusammengesetztes Etwas verstanden. Unsere Sprache ist ein beredter Beweis dafür. Und obwohl es mittlerweile ‚Stand der Wissenschaft‘ ist, dass dem eben nicht so ist, ist die Mehrheit der Menschen immer noch davon überzeugt, genauer sie denken noch immer so und organisieren dementsprechend auch ihr Leben entsprechend.

Verstehen wir hingegen die Welt als einen sich selbst regulierenden Prozess, dann dürfen wir nicht damit beginnen, erst den Weg im Detail kennen zu wollen, bevor wir anfangen. Denn das klammert immer den Prozess aus. Sondern wir sollten stattdessen bereit sein, mit einem klaren Ziel im Kopf durch unbekanntes Gelände loszumarschieren. Aber das fällt uns nicht leicht, denn leider wollen wir immer genau wissen, wie etwas funktioniert, statt uns auf den Prozess ein- und den Weg entstehen zu lassen. Das aber ist der Unterschied zwischen einem mechanischen und einem prozessorientierten Verständnis der Wirklichkeit.

Der Gedanke ‚Gemeinschaft ohne Gemeinschaft‘ ist eine gedankliche Anspielung auf den Zen-Begriff des ‚Handelns durch Nicht-Handeln‘. Ein Paradoxon, das sich in den Gedanken des Zen in ähnlicher Form immer wieder findet. Und das auch einer auf den quantenphysikalischen Erkenntnissen basierende Philosophie nicht fremd ist. Oder einer mystischen Gedankenwelt. Denkt man über den Gedanken ‚Gemeinschaft ohne Gemeinschaft‘ zum ersten Mal nach, hat man ihn also noch nicht im eigenen Leben Realität werden lassen, dann ist es erst einmal nicht mehr als ein Mythos, eine Utopie, eine gedankliche aber doch sehr konkrete Vision.

Es ist die Idee einer offenen Gemeinschaft, eben einer Gemeinschaft, die sich gerade nicht abschottet, die ohne die sonst üblichen Rituale, vor allem ohne das Geheimnisvolle auskommt und allein auf einigen wenigen Prinzipien aufbaut. Und es ist auch kein im üblichen Sinn demokratisches System, in dem eine Mehrheit entscheidet, es ist vielmehr ein auf Konsens aufbauendes System.

Alle Mitglieder müssen einverstanden oder bereit sein, ihre abweichende Meinung, beziehungsweise ihre Bedenken gegen die zu treffende Entscheidung aufzugeben oder zurückzustellen. Dazu später mehr. Der Grundgedanke ist, dass man nicht nach fertigen Lösungskonzepten fragen darf, will man das mechanisch strukturierte Denken verlassen. Eine geradlinige bis ins Detail ausgearbeitete Wegbeschreibung gibt es nicht, kann es nicht geben, sondern man muss bereit sein, den ersten Schritt zu machen, auch wenn man nicht weiß, was dann als nächster Schritt folgen wird.

Das verlangt Vertrauen von einem, Vertrauen in sich selbst. Aber vielleicht ist ja genau das die Lösung, dass wir Lösungen immer in Konzepten und Strategien suchen, statt in uns, in unserer Haltung. In unserer Haltung liegt das, wovon wir zutiefst überzeugt sind – und was auch für andere erfahrbar ist.

Doch wie ist eine solche Konsensualentscheidung möglich? In meiner Jugend, in den 68er Jahren, haben das viele versucht. Und sind damit gescheitert. Was logisch ist, denn auch wir steckten damals noch in der dualen Denke fest. Sobald man gegen einen anderen opponiert hat man schon verloren, ist man schon auf dem falschen Weg. Dieses Dagegen aktiviert nämlich genau die Kräfte, die man bekämpft. Was ja irgendwie logisch ist – wogegen sollte man dann auch kämpfen? Jeder Kampf braucht einen Gegner. Und damit, mit dieser Haltung, war das Scheitern vorprogrammiert. Aus einer ganzheitlichen Perspektive vollkommen logisch und nachvollziehbar.

Es beginnt also damit, dass jegliches Dagegensein als kontraproduktiv erkannt wird und nicht nur vermieden werden darf, sondern es ist ein absolutes No-Go, definitiv ein Ausschlusskriterium. Was natürlich nicht bedeutet, immer einverstanden zu sein. Man muss sich also immer wieder vergegenwärtigen, dass alles auf dieser Welt und die Welt selbst ein Lebewesen ist. Davon muss man ausgehen. Nimmt man dann noch hinzu, dass alles eine, wie ich es immer nenne, Bewegung im Geist ist, dann hat man das erste Fraktal, mit dem man Stück für Stück, Schritt für Schritt die gesamte Situation verstehen kann – natürlich unter der Bedingung, nichts auszulassen. Wichtig ist, die Situation nicht gleich vom Detail zum Allgemeinen aufzudröseln, sondern erst genau umgekehrt. Hat man das realisiert, dann geht es vom Detail aus. Aber erst dann!

Nur so lässt sich die Prozessdynamik überhaupt verstehen. Also beginnt man mit den grundlegenden Prinzipien und arbeitet sich dann die Leiter empor in immer komplexere Bereiche. Nur so kann man ein System umbauen. Erst muss man es wirklich von Grund auf verstehen. Nicht wie man glaubt, wie es wäre, sondern wie es ist. Dann kann man es Stück für Stück abtragen. Macht man aber den zweiten Schritt vor dem ersten, gelingt es garantiert nicht. Ohne dieses grundlegende Verständnis werden wir nicht bereit sein, unser lieb gewonnenes System (lieb gewonnen, weil wir nur dieses eine System kennen!) überhaupt in Frage zu stellen.

Aber, was stellen wir da überhaupt genau infrage? Dieses ‚System‘, von dem ich gerade spreche, gibt es tatsächlich überhaupt nicht! Es existiert nur in unserem eigenen Verhalten. In dem Moment aber, in dem wir uns etwas bewusst machen, verändern wir es bereits, denn genau diesem Moment verändern wir uns bereits.

Tatsächlich also geht es nicht um ein System, sondern um uns selbst – als Einzelner wie als Gemeinschaft. Oder als Gemeinschaft und als Einzelner, wenn Ihnen das lieber ist. Doch trennen kann man beides definitiv nicht, es gehört untrennbar zusammen, es ist letztlich Eins, nur eine Frage der Perspektive. Wie heißt es doch im Advaita? Nicht eins, nicht zwei.