Gemeinschaften

Oder der manchmal schwierige Weg zu einem erfüllten Leben.

Ich bin ja von Haus aus Jurist. Und als Jurist kennt man sich gut mit Gesetzen aus. Also im Idealfall. Doch irgendwann fragt man sich, warum es bei uns genau dieses Gesetz gibt, was in einem anderen Land und erst Recht in einer anderen Kultur ganz anders lauten kann und es oft auch tut. 

Gesetze

Mit der Zeit habe ich begriffen, dass Gesetze nicht in Stein gemeißelt sind, sondern dass in und mit ihnen das gemeinsame Kommitment einer Gesellschaft „gefasst“ ist. Solche Gesetze zeigen immer auch den aktuellen „Geisteszustand“ einer Kultur. Warum steht etwa die „Würde“ in unserem Grundgesetz unter einem besonderen Schutz? Sicher wegen der Erfahrung der Väter des Grundgesetzes in der Zeit von 33 bis 45, eine Erfahrung, die aber nur noch wenige teilen. 

Der Film Terror – Ihr Urteil, ein Fernsehfilm des Regisseurs Lars Kraume nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach, hat dies in den Reaktionen der Zuschauer überdeutlich gezeigt. Da klafft die Rechtswirklichkeit einerseits und das Verständnis der Menschen von richtig und falsch gewaltig auseinander.

Als Anwalt habe ich immer wieder erlebt, wie sich meine Mandanten von einem Gericht erhofften, dass ihnen Gerechtigkeit gewährt würde – doch sie bekamen nur Recht. Keine Gerechtigkeit. Ein guter Grund, jedenfalls für mich, mich intensiver mit dem Thema „Gemeinschaft“ auseinander zu setzen.

Gemeinschaft 

Was ist eine Gemeinschaft überhaupt? Das fängt bei der Beziehung von zwei Menschen, einer Familie, einer Dorfgemeinschaft oder einer Gruppe an und endet bei einer virtuellen Gemeinschaft im Internet – mit vielen Spielarten und Varianten des gesellschaftlichen Miteinanders dazwischen. Die „Spielregeln“ sind sehr unterschiedlich, die Grundprinzipien aber nicht. Die sind immer gleich. 

Gemeinschaften werden von ihren Mitgliedern oftmals gegen Außenstehende abgegrenzt, ohne dass diese das notwendig erkennen müssten und das heißt auch nicht, dass das zwingend sein müsste. Tiere grenzen sich auch nicht voneinander ab, sie bilden „nur“ Rudel. Wölfe etwa. Doch warum tun sie das? Ganz einfach, es sind ökonomische Bedingungen, die solche „Staatsformen“ nötig werden lassen, um das Überleben der Spezies abzusichern. Wobei beim Menschen diese ökonomischen Bedingungen vielfach durch eine Wirtschaft geprägt wird, die sich immer mehr über die ganze Welt erstreckt und die immer weniger Menschen verstehen.

Aber weil die Menschen nicht in solchen Kategorien denken, macht es das nicht einfacher, sondern viel komplizierter. Bis die Menschen endlich einmal die Komplexität darin erkennen und auch mit Gesellschaften anders „umgehen“. Der Kern einer jeden Gesellschaft ist das gemeinsame Kommitment. Und das sollte klar sein. Was es aber nur sehr, sehr selten ist. Nicht einmal unter Eheleuten oder in Familien ist das selbstverständlich. Merkt man spätestens dann, wenn um Haus und Hof gestritten wird.

Kommitment

Kommitment ist nichts anderes als die Vereinbarung, die man getroffen hat, um etwas Spezifisches gemeinsam zu tun. Eine Familie zu gründen, miteinander Spaß zu haben, ein Unternehmen erfolgreich zu machen, und, und, und … . Egal ob eine Motorradgruppe, eine Skatrunde oder ein Mönchsorden – sie alle haben ein Kommitment. Das ist der erste Schritt, um den es geht. 

Was wollen wir hier wirklich? 

Ein Beispiel: Ich war mit einer Gruppe Motorradfahrern auf Sardinien. Tolle Zeit. Man hat sich gut verstanden. Doch danach bröckelte die Gruppe auseinander. Es war kein tragfähiges Kommitment da, das über das „wir fahren auf Sardinien Motorrad“ hinausging. Bei der Skatrunde ist das noch schwieriger, da muss man sich auch noch verstehen, also sich grün sein, die Chemie muss stimmen, denn man sitzt sich permanent gegenüber. Was bei einer Motorradgruppe nur zu Zeiten der Fall ist, in denen man eben nicht fährt. Man ist ja immer mit sich selbst alleine auf dem Motorrad. Also geht es um noch etwas anderes, man muss gemeinsame zwischenmenschliche Interessen haben. Sonst funktioniert es nicht. 

Auch ein Mönchsorden hat damit seine Probleme. Es kostet jeden immer wieder Überwindung, sich an die Regeln zu halten. Ein tragfähiges Kommitment hat also zwei Aspekte, die ausbalanciert sein müssen. Da ist zum einen der äußere Aspekt, etwa das Motorradfahren, und dann der innere Aspekt, das miteinander umgehen können. Ist das nicht ausgewogen, wird es nichts mit der Motorradgemeinschaft. 

Eine sehr beliebte Variante ist für das Miteinander natürlich die Konvention.

Konvention

Auf der Seite von Scott Peck über die Gemeinschaftsbildung findet sich diese wunderbare Definition, der ich absolut uns aus vollem Herzen mit meinen 67 Jahren Lebenserfahrung zustimmen kann:

Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und keinen Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.

Das ist der übliche Zustand von Gemeinschaften. Man tut sich nicht weh. Aber man bringt auch nicht wirklich etwas zustande. Jedenfalls meistens und erst recht dann nicht, wenn es um Persönliches geht. Etwa, wenn man miteinander leben will oder wenn man sich gemeinsam geistig bilden möchte. Beides zusammen ist die verschärfte Variante …

Dialog

Was also tun, fragte schon Zeus. Dabei ist die Antwort einfach. Man sucht in Dialog miteinander zu kommen. David Bohm, ein Quantenphysiker, hat ein exzellentes Buch über den Dialog und die Stadien geschrieben, die es dabei zu durchqueren (oder zu überwinden) gilt. Die Quantenphysiker hatten ja vor allem das Problem, wie sie etwas erklären sollten, das man nicht so wirklich erklären kann. Und das stellt das eigene Selbstverständnis gewaltig in Frage. Behaupte ich nämlich, dass es Materie nicht wirklich gibt und dass da eigentlich nichts ist, dann bedeutet das ja, dass es mich auch nicht wirklich gibt.

Und genau da laufen dann viele regelrecht Amok, statt sich einmal ruhig zu überlegen, was das eigentlich bedeutet. Also ich tippe trotzdem weiter auf meinem Laptop und sitze noch immer auf dem Stuhl wie vorher auch. Es hat sich erst einmal nichts für mich geändert. Obwohl, eigentlich schon. Wenn ich nämlich aus nichts Beständigem bin, dann kann es mein Gehirn ja auch nicht sein. Und das heißt dann, dass es an mir liegt, was und wie ich denke. Denn mein Gehirn ist ja formbar. Sagen jedenfalls die Neurowissenschaftler.

Ergo verhilft oder hilft mir der Dialog definitiv aus der Konvention heraus zu kommen.

Regeln

Doch man darf eine solche Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Auch wenn das Gehirn über ein hohes Maß an Neuroplastizität verfügt, muss es erst einmal „umgebaut“ werden. Irgendwie muss man ja seine alten Glaubenssätze und gedanklichen Theorien und Meinungen wieder los werden, sofern sie unstimmig sind. Wobei man dabei nichts tun kann, das Einzige, was hilft, ist wirklich bewusst zu sein. Wenn wir uns einer Sache wirklich bewusst sind, ändert dies im selben Augenblick unsere Psyche und damit unser Denken wie unser Handeln.

Doch wie „halte“ ich mich in permanenter Bewusstheit? Ganz einfach durch Regeln, die genau das verhindern, was ich nicht will: Nicht bewusst sein und brav meinen gewohnten Automatismen zu folgen.  Obwohl es genau genommen keine Regeln sind, so nach dem Motto „Tu dies und tu das“, sondern eher allgemeine Prinzipien. Einfachheit wäre beispielsweise ein solches Prinzip. Oder sich immer zu fragen, ob man es braucht, bevor man es kauft. 

Bekanntlich ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen und etwas „nur“ zu wollen hat noch nie funktioniert. Also muss man üben.

Modell 

Ich finde es dabei immer am Leichtesten und Einfachsten, wenn ich mich an Menschen orientiere, die genau die Prinzipien in ihrem Leben verwirklicht haben, die ich für mich realisieren will. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an, was die letztlich machen. Es kommt ja allein auf die Prinzipien an. Ich werde nie wie Bruce Lee kämpfen, aber „seine“ Prinzipien suche ich in meinem Leben zu realisieren. Die haben es nämlich in sich. Oder die Prinzipien des Teeweges. Hat was.

Sinn

Und der Sinn von dem Ganzen? Da fällt mir immer der alte Lao Tse ein:

Wer das LEBEN hochhält,
weiß nichts vom LEBEN;
darum hat er LEBEN.
Wer das LEBEN nicht hochhält,
sucht das LEBEN nicht zu verlieren;
darum hat er kein LEBEN.
Wer das LEBEN hochhält,
handelt nicht und hat keine Absichten.
Wer das LEBEN nicht hochhält,
handelt und hat Absichten.
Wer die Liebe hochhält, handelt, aber hat keine Absichten.
Wer die Gerechtigkeit hochhält, handelt und hat Absichten.
Wer die Sitte hochhält, handelt,
und wenn ihm jemand nicht erwidert,
so fuchtelt er mit den Armen und holt ihn heran.
Darum: Ist der SINN verloren, dann das LEBEN.
Ist das LEBEN verloren, dann die Liebe.
Ist die Liebe verloren, dann die Gerechtigkeit.
Ist die Gerechtigkeit verloren, dann die Sitte.
Die Sitte ist Treu und Glaubens Dürftigkeit
und der Verwirrung Anfang.
Vorherwissen ist des SINNES Schein
und der Torheit Beginn.
Darum bleibt der rechte Mann beim Völligen
und nicht beim Dürftigen.
Er wohnt im Sein und nicht im Schein.
Er tut das andere ab und hält sich an dieses.

Oder einfacher: 

Geht der Sinn verloren, herrscht das Gewissen.
Geht das Gewissen verloren, herrscht die Moral.

Geht die Moral verloren, herrscht das Gesetz.
Geht das Gesetzt verloren, herrscht das Chaos.

Gerade dann, wenn es um Gemeinschaft geht, sollten wir uns nach der Decke strecken. Also nach dem Sinn. Denn es geht dabei um uns selbst. Was auch sonst?