Genügt es, mir meiner selbst bewusst zu werden?

Ich habe da mittlerweile so meine Zweifel.

Als erstes: Muss ich wissen, warum ich tue, was ich tue? Nein, das muss ich nicht. Ich muss mir dessen nur bewusst sein. Ich habe mich in meinem Leben mit jeder Menge Selbsterfahrung beschäftigt, weil ich das Gefühl nicht los wurde, dass ich irgendwie nicht rund laufe.

Aber all diese Selbsterfahrung hat immer erst dann funktioniert, wenn ich zum einen ehrlich mir selbst gegenüber war und zum anderen, wenn ich mir meiner selbst bewusst wurde. Wobei ‚ehrlich zu sein‘ die Voraussetzung dafür war, mir überhaupt meiner selbst bewusst werden zu können. Ich kann mir meiner selbst ja nicht bewusst sein, wenn ich mir die Hucke voll lüge.

Ehrlichkeit macht das Leben irgendwie total einfach. Aber es wird dadurch erst einmal nicht wirklich besser, man merkt nur, was man für einen Unfug macht und wie man diese innere Stimme zum Schweigen bekommt, die die ganze Zeit jammert, dass man sich selbst verrate. Wie gesagt: Bekommt, nicht bekommen hat.

Also gut, ich bin mir meiner selbst bewusst und höre die Stimme. Aber was jetzt? Da fängt das Problem nämlich an. Woher soll ich überhaupt wissen, wie ich leben soll? Es liegt ja auf der Hand, dass ich anders leben werde, wenn ich aufhöre, mich selbst zu verraten. Also irgendwie. Doch dazu müsste ich überhaupt wissen, wer oder was ich eigentlich bin. Wenn man sich diese Frage nicht ernsthaft stellt, wird man garantiert wieder einschlafen..

Also keine Selbsterfahrung, sondern Selbsterkenntnis? Wäre eigentlich kein Problem, wenn da das Wörtchen ‚Selbst‘ nicht drinstecken würde. Das ist ja die Garantie dafür, doch nur wieder um sich selbst zu kreisen. Und da wollte ich doch definitiv raus! Aber wie? Geht das überhaupt, Selbsterkenntnis ohne Selbst? Das fängt ja schon damit an, dass ich mich selbst ja nicht erkennen oder erfahren kann. Wie auch? Ohne andere, die mir ehrlich (schon wieder ehrlich!) sagen, was ich mache und wie sie mich empfinden, habe ich keine Chance, mich selbst zu erkennen.

Nun denn, dann habe ich mich mit Hilfe anderer selbst erkannt, wobei mein ‚Anteil‘ im Wesentlichen darin bestand, dass ich überhaupt bereit war, zu sehen, wie ich wirklich bin. Aber genügt das? Nein, das tut es nämlich nicht; es lang definitiv nicht, nur für unsere Gesellschaft ‚normal‘ und gut angepasst zu sein. Denn die ist definitiv alles andere, nur nicht normal. Normal ist in meiner Vorstellung etwas völlig anderes.

Kennen Sie den Satz oder Spruch ‚Gott ist in mir; ich bin in Gott‘? Über Gott zu reden ist schwierig, zu abstrakt. Ich ziehen es vor, das eine Nummer kleiner zu denken:  ‚Der Kosmos ist in mir; ich bin im Kosmos.‘ Damit bin ich voll einverstanden. Also nehme ich alles, was ich mir über mich als Menschen wie das, was ich über den Kosmos wissen kann, um mir ein Bild von uns beiden zu machen: Dem Kosmos und mir. Und diese Bilder muss ich irgendwie in Übereinstimmung zu bringen.

Das bringt mich dann zu zu dem aus der Salutogenese bekannten Kohärenzgefühl: Die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen, die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können und der Glaube an den Sinn des Lebens. Und damit bin ich bei der letzten Frage, auf die ich eine Antwort finden muss: Wie gestalte ich mein Leben sinnhaft?

Um das zu können, muss ich beide Zipfel der Wahrheit wie der Wirklichkeit in Händen halten; ich muss gleichermaßen das Absolute wie das Relative in dem ‚bedienen‘, wie ich lebe. Wenn ich das hinbekomme, dann darf ich mich zufrieden zurücklehnen.

Aber wirklich erst dann.