Ich bin ein Kind meiner Zeit

Und darüber hinaus Sohn meiner Eltern. 

Keine Frage. Die „Zeit“ in der und in die ich geboren wurde, hat mich maßgeblich und nachhaltig geprägt und geformt, genauso wie meine Eltern und unsere Familiengeschichte. Darin bin  ich groß geworden und das hat mich sozialisiert. Bis ich irgendwann, wie vielleicht viele andere Kinder auch, die Brüche bemerkt und gemerkt habe, dass sich hinter der Maske der Konvention Dinge verbargen, über die keiner sprechen wollte oder über die auch einfach nicht gesprochen wurde, damit nichts offenkundig wurde, was auch ich selbst nicht wahrhaben wollte – und das so zu meiner ganz persönlichen Lebenslüge wurde.

Meine Eltern haben über ihre Familiengeheimnisse nie gelogen – sie haben schlicht nicht darüber gesprochen. Und wenn man der Wahrheit zu nahe kam, haben sie eine andere Geschichte erzählt, ganz nach dem Motto „knapp daneben ist auch vorbei“. Aber die Lüge war erst einmal in mir selbst, denn schließlich wollte ich doch kein Sohn nicht perfekter Eltern sein, Eltern, die meinem Anspruch nicht genügen konnten! Das war die Kröte, die ich tag-täglich herunter schluckte: Ich fragte nicht, was ich „eigentlich“ hätte fragen müssen.

In der Rückschau erkannte ich, das ich schon sehr, sehr lange instinktiv ahnte, dass da was nicht stimmt, dass über etwas eigentlich Bedeutsames (ein schönes Paradox) beharrlich geschwiegen wurde. Das einzige Problem war nur, dass ich es nicht beim Namen nennen konnte, aber das Gefühl war da, dass da etwas nicht stimmte. Also stand ich vor der Entscheidung: Entweder weiter bohren und den Familienfrieden nachhaltig gefährden oder doch lieber schweigen? Die Frage war ja nicht, warum mir meine Eltern etwas verschwiegen, sondern warum ich sie nicht fragte – und ich war schon lange kein kleines Kind mehr!

Das Bedürfnis nach Zuwendung und Dazuzugehören war einfach zu mächtig. Das war ein gewaltiges Dilemma, die Wahrheit einzufordern verbunden mit dem Risiko, nicht mehr dazuzugehören; oder weiter dazuzugehören und das Geheimnis Geheimnis sein zu lassen. Nur dass das Geheimnis einen am Ende selbst zerstört, denn nicht nur meine Eltern hüteten es, ich selbst hütete es! Aber das war mir lange nicht klar. Ich denke, wenn man das Elternhaus  verlässt, wird es Zeit, damit anzufangen, der Wahrheit der eigenen Herkunftsgeschichte und der eigenen Geschichte ins Angesicht zu schauen. Denn in der eigenen Geschichte spiegelt sich ja die Herkunftsgeschichte! Jedes Geheimnis, das ich bewahre, macht mich zum Kollaborateur. Aber das habe ich wie gesagt erst viel später begriffen, meine falsche (!) Loyalität einfach war zu groß. Oder die Angst zu mächtig, nicht mehr dazuzugehören.

Wie aber kann man ein solches Geheimnis lösen, wenn man also begriffen hat, dass da was ist? Und vor allem, wenn man begreift, dass man selbst da drin steckt? Ganz einfach, man muss das Geheimnis tatsächlich überhaupt nicht im Detail kennen. Man muss nur wissen, dass da „was ist“ und genau beobachten, wie es sich bei einem selbst auswirkt. Man braucht nur seine Nachbarn, Arbeitskollegen oder Bekannten fragen, wie man denn so rüberkommt. Herrlich einfach; nur dass es leider viel Überwindung kostet, diese Fragen zu stellen, denn damit verlässt man den Schutzraum der Konvention. Vorausgesetzt natürlich, man weist sie an, wirklich ehrlich und auch schonungslos zu sein. Wenn sie es denn machen würden – kaum jemand wird wirklich bereit sein, absolut ehrlich zu einem zu sein.

Ja, das kann bitter werden. Nicht das Geheimnis als solches ist bitter, sondern wie man sich selbst verstellt hat, um es zu schützen. „Aber bin ich denn kein Opfer?“ werden viele zumindest hochgradig irritiert fragen. Nein, sind wir nicht. Spätestens dann nicht mehr, wenn wir Erwachsene sind. Eigentlich wäre es richtiger zu sagen, wenn wir 18, 19 Jahre alt sind. Erwachsen, wirklich erwachsen sind wir erst dann, wenn wir aus der falschen Familiengeschichte ausgestiegen sind.

Klingt eigentlich einfach. Doch warum machen das dann nur so wenige? Ganz einfach, weil sie kein wirkliches Lebensziel haben. Ohne ein klares Ziel bewegen wir uns nun einmal nicht, selbst dann nicht, wenn der aktuelle Zustand grausig ist. Erst müssen wir wissen, wo die Reise hingehen soll. Und nicht könnte! Genau das ist nämlich der Haken. Woher soll man das auch wissen, wenn es einem niemand beigebracht hat? Aber was sollte einem eigentlich beigebracht werden?

Ganz einfach: Das Richtige leben. Oder das richtige Leben. Wie Sie wollen. Ich muss nicht wissen, warum ich über diesen oder jenen urteile, ich muss mich einfach nur fragen, woher ich das Recht nehme, über einen anderen zu urteilen. Und finde ich dazu nichts, dann sollte ich damit aufhören. Ich muss nicht wissen, warum ich das Falsche tut, sondern ich muss einfach nur das Richtige tun. Spart sehr, sehr viel Grübelei. Und genau hier fängt das Erwachsen-Werden an: Wenn man damit beginnt, zu seiner eigenen Meinung zu finden, ohne, dass man das irgendwo abschreiben oder jemandem nachplappern würde. 

Sondern einfach mal merkt, was man tut. Etwa „Ich urteile über Herrn Maier“. Um sich dann die Frage zu stellen, woher man das Recht dazu nimmt. Dass man Herrn Maier tatsächlich für einen Depp hält, das mag sein, doch das „zu belegen“ bedeutet doch nur, sich selbst zu rechtfertigen, statt sich dieser spannenden Frage zu stellen: Woher nehme ich das Recht? Wer oder was hat mich berechtigt? Ich verspreche Ihnen, dabei kommt man ganz schön ins Schleudern. Das geht nämlich so richtig ans Eingemachte. Und das ist meist keine leckere Marmelade, die da im Keller unsere Psyche lagern, sondern ein paar Leichen. Aber es ist die wunderbare Zumutung, selbst denken zu dürfen. Und nach einer Weile hat man die Leichen ja auch ziemlich rausgeschafft. 

Und Leichen sind Leichen. Bleiben sie im Dunklen verborgen, treiben sie als Geister ihr Unwesen. Aber diese geistigen Vampire mögen eins partout nicht: An das Tageslicht gezerrt zu werden. Da zerplatzen sie nämlich. Aber nicht einfach so, man muss das aushalten, man ist ja dabei. Und es ist ein Stück Identität, die da zerplatzt. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass das erleichtert. Kolossal erleichtert. Erstaunlich aber ist, wie viele das überhaupt nicht wollen und meinen, sie könnten das nicht. Ich habe das richtig begriffen, als mir bei einer Website-Erstellung einmal ganz ernsthaft die Frage gestellt wurde, warum ich so viele Zitate darin verwenden würde.

Stimmt, ich hätte ja auch selbst denken können. Aber das heißt auch die volle Verantwortung für das zu übernehmen, was man so von sich gibt. Also ich. Und das kostet Überwindung, definitiv. Ein Zitat ist einfach nur ein Satz. Schreibe ich aber selbst etwas, dann „aktiviere“ ich den ganzen Kontext, der damit einhergeht. Aber es ist wirkliche eine Kunst, und zwar eine gewaltige. Und es macht Spaß, richtig Spaß, wenn man einmal angefangen hat. Denn es gibt einem Macht zurück, die Macht über sich selbst. Dürer hat sein Kunstverständnis gewaltig genannt, weil der Künstler sich in seiner Kunst dem Betrachter zumutet. Für die Kunst braucht es Leidenschaft, einen Hang zur Perfektion (nicht zu verwechseln mit Perfektionismus), eine Menge Wissen über Werkzeug und Material und eine eigene Meinung.

Aber das mit der Macht ist ja so eine zwiespältige Sache. Atomkraft kann unvorstellbar destruktiv sein aber auch sehr nützlich, mal abgesehen von den weiter damit einhergehenden Fragen. Genauso wissen wir in der BRD um die fatale Wirkung, wenn eigentlich sinnvolle Kräfte durch oder mit einer destruktiven Ideologie in den Dienst einer vernichtenden rassischen Ideologie gestellt wird. Macht ist Kraft und Ideologie. Diese Kraft, das ist meine und unsere Lebenskraft, doch woher stammt meine Ideologie? 

Viele Menschen haben eine Konsum-Ideologie, eine Kompensationsideologie, einfach, weil sie keine passendere, keine stimmigere Ideologie gefunden haben. Oder auch noch nicht gefunden haben, denn die kann man ja erst dann finden, wenn man sich selbst (!) aufmacht, sie zu definieren. Jeder, wirklich jeder Mensch ist irgendwann aufgerufen, das warme Nest der Familie zu verlassen und eigenständig zu denken, denn genau das ist die Freiheit, nach der wir uns so oft sehnen! Und das bedeutet ja nicht, die Brücken hinter sich abzubrechen, sondern Mamas oder Papas Rockzipfel loszulassen. Und nicht erst, wenn sie gestorben sind.

Und jetzt will ich doch jemandem zitieren, nämlich C. G. Jung: Ihre Visionen werden erst klar, wenn Sie in Ihr eigenes Herz schauen können. Und genau darum geht es, jedenfalls ist das meine Ansicht: Selbsterkenntnis, wirkliche Selbsterkenntnis. Wirkliche Selbsterkenntnis blättert nicht in irgendwelchen methodischen Konzeptbüchern oder Anleitungen, sondern sie schaut einfach nur in den Spiegel. Den Spiegel, den einem Andere vorhalten.

Und exakt das ist die Herausforderung, einfach nur in diesen Spiegel zu schauen und auszuhalten, was einem da zurückgespiegelt wird und was man da mit der Zeit erkennt – wenn man dazu bereit ist. Letztlich ist Selbsterkenntnis nichts anderes als schonungslose Selbstwahrnehmung mit Hilfe anderer. Wir sind nun einmal Beziehung, dieses ominöse „Ich“ ist ja nichts anderes als unsere Vorstellung davon. Irgendwie. 

Man irrt oft lange in der Welt der Konzepte herum, bis man die endlich hinter sich lässt und anfängt selbst zu denken. Dann befindet man sich unverhofft in der Welt, wie sie wirklich ist. Also nichts, was dazu oder hinzu kommen könnte. Absolut nichts. Alles schon da. Man muss es nur endlich nutzen. Und das lassen, das nicht dazugehört. Und genau das habe ich irgendwann gemacht. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach irgendetwas gemacht hätte. Etwas ist geblieben, nämlich die Erinnerung an das, was mich an meine Eltern band. Nicht gemeint ist damit das, was mich mit ihnen verbindet; das ist etwas ganz anderes.

Und aus dem, was mich band, habe ich Erkenntnisse gewonnen, die mein Leben nachhaltig geprägt haben. Denn Negatives hat immer auch ein positives Gegengewicht, muss es ja haben, denn alles Existierendes existiert nur vor seinem Gegenteil. Wir könnten „negativ“ nicht denken, wenn wir nicht auch „positiv“ denken könnten. Darum ging ich nicht einfach zur Tagesordnung über, sondern fragte mich immer weiter, was Menschen bewegt, zu tun, was sie eben tun, was man selbst aber nicht verstehen kann. Oder noch nicht. Aber verstehen bedeutet noch lange nicht, damit auch einverstanden zu sein.

Und so schließt sich für mich der Kreis. Ich wurde in eine Familie und damit in eine Familiengeschichte wie in eine Zeit geboren und daraus habe ich mich sozusagen selbst entlassen, aber ich habe etwas mitgenommen. Vielleicht kann man es als Auftrag bezeichnen. Wie der Auftrag genau lautet, das kann ich nicht sagen. Aber man kann es als Intuition bezeichnen, etwas, das mir die Richtung weist, unabhängig davon, was ich tue, in welcher Zeit ich lebe und was die Menschen um mich herum tun.