Ich bin und doch auch wieder nicht

Was hat mir dieses Chan nur eingebrockt?!? Was für ein Dilemma!

Betrachte ich es aus der Perspektive „meines“ Erlebens, dann bin ich, ganz klar. Schließlich tut es mir und niemand anderem weh, wenn mir jemand auf den Kopf haut. Und ich habe diese Gedanken die ich gerade habe und niemand anderes. Und ich sehe, was ich sehe und keiner sonst. Wie auch.

Und dann kommen diese Chan-Typen daher und sagen so in etwa „April, April, alles nur eine Illusion! Alles nur ein Scherz!“ Und da soll man sich nicht an die Stirn tippen, sich umdrehen und einfach weitergehen? So einen Schwachsinn muss sich doch kein Mensch anhören! Oder etwa doch?

Die behaupten doch allen Ernstes, dass es „richtig“ und „falsch“ irgendwie nicht gäbe und dass in der absoluten Wirklichkeit, wie sie es nennen, alles passt! Wie, das soll richtig sein, wenn ich meinem Nachbarn eins auf die Mütze haue? Das möge man mir oder einem anderen bitte mal erklären!

Ich bin ja ein ziemlich pragmatischer Mensch und beziehe mich lieber auf greif- und fassbare Dinge statt auf irgendwelche geistigen Konstruktionen, bei denen doch niemand unter Beweis stellen kann, ob sie nun stimmen oder eben nicht. Ich habe es halt nicht so mit dem Glauben, ich will lieber genau und vor allem verifizierbar wissen, was Sache ist.

Andererseits hat diese Chan-Philosophie (oder wie man das nennen mag) doch so ein paar Konzepte, die sich irgendwie nicht so ohne Weiteres von der Hand weisen lassen. Nein, die bleiben sogar sehr beharrlich im Gehirn hängen und treiben da ihr Unwesen.

Aber ich habe ja auch mal ein paar Semester Physik studiert. Und, ob Sie es nun glauben oder nicht, das hat mir mittlerweile echt geholfen zu begreifen, was Sache ist. Es ist nämlich alles anders, als man denkt. Nur hat es bald 20 Jahre gedauert, bis ich die Analogie zu mir selbst begriffen habe. Oder bis der Groschen endlich gefallen ist.

Also, wenn Licht einmal Welle und einmal Teilchen ist und das je nach dem, was der Versuchsleiter sehen will und wenn die Physiker auf der Suche nach dem kleinsten Teil immer weniger finden, irgendwie scheint sich ja alles in Wohlgefallen aufzulösen, je genauer man also hinschaut, dass sich dann alles nicht in Luft, aber in so etwas wie Geist wie Information aufzulösen scheint und wenn man das dann auf sich selbst überträgt, ja dann stellt man sich irgendwann schon die Frage, was da überhaupt existiert!

Also nimmt man es sicherheitshalber einfach nicht zur Kenntnis, denn das kann einen so ordentlich ins Schleudern bringen, bis man endlich bereit ist, sich auf solche irreal erscheinenden Gedanken – und dann auch noch keine Gedankenkonstruktionen, sondern nachweisbare Dinge – einfach einmal einzulassen. Das Schöne dabei ist nämlich, dass sich überhaupt nichts ändert. Nein, niemand wird sich auflösen. Wirklich nicht. Nur es wird einem mit einem Mal klar, dass man eigentlich viel, viel besser leben könnte, wenn man das auch im eigenen Leben leben würde.

Und was bleibt? Ganz klar, aus dem Dilemma wird mit einem Mal ein Tetralemma. Sie wissen ja: Entweder A oder B oder keines von beidem. Aber auch beides ist möglich. Oder etwas völlig Anderes. Das ist irgendwie so, als hörten Sie Bachs Toccata und Fuge in D-Moll nicht nur aus einem kleinen Mini-Lautsprecher, sondern in einer riesigen Kirche mit einer phantastischen Orgel. Und dann auch noch mit einem hervorragendem Organisten. Die Noten sind die Selben, logisch, doch was Sie erleben, ist etwas völlig anderes und definitiv nicht das Gleiche!

Wenn ich Bach so „richtig“ hören kann und ganz dabei bin, dann bin ich nämlich nicht. Da gibt es kein „Ich“ mehr. Und doch würden alle sagen, „Wie? Aber, du sitzt doch da!“.

Klar sitze ich da. Aber ich bin trotzdem nicht da.