Ich und die anderen

Ob ich will oder nicht, ich entkomme ihnen nicht.

Spätestens in der Pubertät grenzen wir uns von anderen ab, vor allem von Vater, Mutter und Geschwistern. Die einen mehr, die anderen weniger. Oder von den Menschen beziehungsweise den Gruppen von Menschen, die wir so gar nicht abkönnen, einfach deswegen, weil sie unserer eigenen Kultur diametral entgegenstehen. Stattdessen suchen wir Menschen, mit denen wir können, die ähnlich strukturiert sind wie wir selbst.

Das Bindeglied sind meist gemeinsame Interessen. Früher war es die familiäre Beziehung, die eine Gruppe bildete, doch mit zunehmendem Alter ändert sich das. Da spielt dann die Schule eine große Rolle, der Beruf, den man gewählt hat, ob man selbstständig ist oder nicht – und so weiter und so fort. Manche aber haben ein Problem, die bleiben in der Pubertät stecken und beschränken sich darauf, anders zu sein als die anderen. Individualisten eben.

Ich etwa machte einige schulische Erfahrungen, bis meine Eltern es mit der Angst um ihres Sprösslings schulischer und beruflicher Zukunft bekamen und mich auf ein Internat schickten. Aber Gott sei Dank, sie suchten das richtige aus. Wenn das mal keine Fügung war! Denn da waren endlich die Menschen, mit denen ich konnte. Ich fand – wohlgemerkt bei den anderen! – meine Identität und konnte meine überspannte Individualität, meinen Hang, auf Teufel komm raus anders zu sein als die anderen, endlich aufgeben. Endlich war ich Zuhause angekommen. Bei mir selbst und doch auch wieder nicht bei mir. Bei mir selbst anzukommen heißt nämlich nichts anderes, als die Menschen gefunden zu haben, mit denen ich kann.

Darum fühle ich mich auch bei der einen Nation eher zu Hause als bei einer anderen. Ähnliche Werte, Lebensauffassung und so weiter und so fort. ‚Meine‘ Kultur eben. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass sich unsere Kultur auch körperlich niederschlägt, die einen lassen den Kopf hängen, wenn sie depressiv sind, andere hingegen tut dann der Magen weh. Also sollte man sein emotionales Portfolio nicht allzu ernst nehmen, dass ist nämlich auch kulturbedingt. Und dann erst recht Sprache. Wie sehr kann doch die gleiche Sprachkultur eine Beziehung beeinflussen! Genauso wie die Tatsache, dass der eine lieber Krautwickel und der andere doch eher Haxen mag. Wir ‚mögen‘ etwas beziehungsweise es schmeckt uns einfach deshalb, weil wir damit etwas assoziieren. Wir sagen ja auch, dass einem etwas schmeckt, wenn einem etwas gefällt. Oder dass derjenige etwas ‚goutiert‘.

Dann versteht man aber auch, warum es in Gruppen, die ein gemeinsames Interesse haben, doch immer wieder zu mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzungen bis hin zu Konflikten kommen kann. Das Selbe ist bei Partnern oder in Familien so. Das ‚Gemeinsame‘ – gleiches Interesse, verheiratet oder eben verwandt zu sein – allein genügt nicht – und nicht etwa ‚nicht mehr‘! – wenn das Verbindende wegfällt. Und das ist eben nicht das Gemeinsame, das reicht definitiv nicht aus. In der Schule, beim Militär oder im Beruf ist das gut zu beobachten. Da ist das Verbindende dann nichts anderes als Disziplin. Das Dumme ist nur, dass dann Dienst nach Vorschrift gemacht wird, die Werte aber bleiben draußen.

Es geht also um das Kommitment. Die oft stillschweigende, selten ausgesprochene Vereinbarung bis hin zur Selbstverpflichtung, eine Zusage oft verbunden mit einem Zugeständnis. Die Regeln in einer Familie, einer Ehe oder einer beruflichen wie privaten Gruppe sind meist schnell klar, weil sie sich im Verhalten wiederspiegeln. Findet sich eine Gruppe zusammen, gibt man sich manchmal auch solche Regeln. Bis man merkt, dass sich einige doch nicht daran halten. Wenn eben das verbindende, das gemeinsame Kommitment fehlt. Das ist definitiv etwas anderes als das gemeinsame Interesse.

Und damit wird das eigentliche Dilemma offensichtlich. Ich entkomme den anderen nicht, es sei denn, ich gehe und suche mir eine andere Familie, einen anderen Partner oder eine andere Gruppe. Und da fängt das Selbe wieder von vorne an. Vielleicht werden Regeln vereinbart, bis man irgendwann frustriert feststellt, dass sich doch wieder keiner daran hält. Auf der politischen Bühne gibt es immer den Protokollführer. Also nicht die, die das Protokoll schreiben, sondern die, die darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden. Hofprotokolle von Königshäusern und diplomatische Protokolle bei Staatsbesuchen legen unter anderem Rangfolgen, Abläufe, Kleidervorschriften, Sitzordnungen und Verhalten fest.

Solche Regeln folgen ja einem Kommitment, sie sind Ausdruck der Beziehung der Beteiligten zueinander. Und dem Protokollführer sollte das Kommitment in Fleisch und Blut übergegangen sein, sonst wird er nachlässig arbeiten und einmal zu oft fünf gerade sein lassen. Fazit: Weil ich den anderen nicht entkommen kann, ich mich ihrer Kultur nicht entziehen kann, sollte ich mir meines Kommitments bewusst werden, also das, worauf meine Kultur und auch meine Regeln aufbauen – denn weder Kultur noch Regeln sagen das explizit. Das Kommitment ist nämlich implizit. Ist wie mit implizitem Wissen. Das ist den Betreffenden eben nicht bewusst, aber es lässt sich bewusst machen. Wenn es im persönlichen Bereich knirscht machen das ja viele. Was ist denn eine Familienaufstellung oder eine therapeutische Intervention anderes, als der Versuch, die implizite Kultur sichtbar zu machen – um sie eventuell aufgeben zu können, wenn sie nicht stimmig ist? Auch ein, Pardon, bescheuertes Verhalten ist Kultur!

Also: Weil ich den anderen nicht entkommen kann, kläre ich gemeinsam mit ihnen unser Kommitment. Und am besten bestimme ich jemanden, der darauf achtet, dass das Bewusstsein für dieses Kommitment nicht wieder verloren geht. Und wenn ich niemanden habe, der darauf achten kann, dann brauche ich eben klar definierte aber niemals starre Regeln. So wie die Old-School-Biker Regeln. Oder die Regeln der Samurai, die ja eine erstaunliche Ähnlichkeit haben. Doch dabei darf ich nie vergessen, dass solche Regeln nur Äußerlichkeiten regeln und manchmal auch glätten, niemals aber die Absicht eines Menschen deutlich machen, warum er tut, was er tut.

Ob wir wollen oder nicht, wir entkommen den anderen nicht. Also schauen wir, dass wir die finden, die zu uns passen, die ähnlich denken wie wir selbst. Und genau damit sitzen wir in der Falle. Warum? Ich will versuchen, es einmal aufzudröseln. Es beginnt für mich mit Adorno und seinem Satz, dass es im falschen Leben kein richtiges gibt. Adorno bezog es wohl im Wesentlichen auf die ökonomischen Bedingungen, in denen wir Menschen leben. Sind die ‚falsch‘ müssen wir sie ändern, wollen wir ‚richtig‘ leben. Ich denke aber, dass das ganz grundsätzlich gilt.

Doch warum gehen so wenige den ‚richtigen‘ und eigentlich auch für sie selbst notwendigen Weg? Wie bekommt man dieses ‚eigentlich‘ raus? Da hilft ein Schritt zu den Physikern, genauer zu Einstein und seinem Satz, dass die Theorie bestimmt, was man beobachten kann. Anders ausgedrückt, wir können nicht sehen, was wir nicht denken können. Wenn wir alleine das wirklich akzeptieren würden, wären wir schon einen gewaltigen Schritt weiter. Doch warum wären und nicht sind? Ganz einfach, weil es den meisten Menschen den Angstschweiß ins Gesicht treibt, wenn sie einmal eine andere Meinung als die eigene auch nur denken sollen. Wie sagt doch Einstein ganz zu recht? Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.

Viele übersehen, dass Einstein ziemlich verzweifelt über das Beharrungsvermögen des Menschen war und einfach nicht sehen wollen, was sie da machen – und stattdessen lieber nur seine lustige Seite wahrnehmen. Es scheint für viele das oberste Gebot zu sein nicht aufzufallen und sich widerspruchslos einzufügen, selbst auf die Gefahr hin, sich eben an eine kranke Gesellschaft anzupassen. Ich wünsche mir und anderen den Mut und die Aufrichtigkeit, die beispielsweise die Geschwister Scholl hatten nicht nur eine Überzeugung zu haben, sondern auch bereit zu sein, dafür einzutreten. ‚Dagegen‘ zu sein ist aber noch lange kein Kriterium dafür, nicht genau das zu tun, sich nämlich anzupassen.

Solange wir unsere Gedanken und Gefühle als etwas ansehen, das uns von den anderen trennt und nicht sehen, das dies eine Art optischer Täuschung des gewöhnlichen Bewusstseins ist, solange sitzen wir mit unserem vermeintlichen Gegner im selben Boot und tun gemeinsam mit ihm zusammen alles uns Mögliche, um das Leck noch ein bisschen größer zu machen. Wir müssen endlich aufhören, unsere Zuneigung nur auf einige wenige Menschen zu beschränken, wollen wir endlich aus diesem selbsterrichteten gedanklichen Gefängnis herauskommen. Was bei einigen Zeitgenossen zugegebenermaßen erst einmal Überwindung kostet. Aber vielleicht sollten wir uns einfach nur immer wieder daran erinnern, dass die Würde des Menschen unantastbar ist?

Und wenn wir dann noch zu einem wirklichen Dialog bereit sind, dann sind wir auf einem guten Weg. Wir brauchen keine großartigen Theorien, die uns die Welt erklären, sondern was wir brauchen ist genau das, was auch Parzival befreite und Anfortas erlöste: Mitgefühl und Verständnis. Doch gerade dabei müssen wir sehr, sehr aufpassen, nicht wieder in die Ego-Falle zu schlittern. Parzival fragte Anfortas, woran er leide und nahm gerade nicht an, das zu wissen! Wir müssen uns immer wieder fragen, ob wir wirkliches Mitgefühl und Verständnis haben oder ob wir uns nicht mit einem Gedanken, wie wir gerne wären, identifizieren und uns in der Falle der hilflosen Helfer selbst gefangen haben.

Mitgefühl und Verständnis beinhalten noch lange keine Handlungsanweisung, es ist nur die  Voraussetzung, die wir brauchen, um den Dialog mit den Anderen zu suchen. Nicht nur mit denen, die wir mögen, sondern viel wichtiger mit denen, die wir nicht mögen. Das muss das eigentliche Ziel sein, egal was wir tun. Miteinander statt gegeneinander zu leben. Doch dazu ist es für viele notwendig, sich erst einmal mit denen zusammen zu tun, die genauso oder zumindest ähnlich denken, wie man selbst. Ich halte nichts davon, etwas aus dem Bauch heraus zu tun, ohne die sachlichen Grundlagen verifiziert zu haben.

Das ‚Parzival-Kommitment‘ ist nur der erste Schritt, es ist die gesellschaftliche Kata, denn damit fängt die eigentliche Arbeit erst an.  Wie David Bohm gehe ich davon aus, dass der Kosmos, das Universum und die Welt einer impliziten Ordnung folgen. Doch wenn das so ist, warum liegt dann so vieles im argen? Warum also müssen sie selbst, andere Menschen und die Welt leiden? Es ist die Crux des inkonsistenten Denkens. Das heißt jetzt aber nicht, das Denken zu lassen, sondern es heißt sich von allem Denken zu lösen, das zu der impliziten Ordnung im Widerspruch steht. Den Urgrund des Seins können wir nicht wissen und werden wir wohl auch nie wissen können. Aber wir können uns die richtigen Fragen stellen. Etwa wie ich mit meinem Nachbarn umgehen soll, der mich nicht leiden kann. Meist ist das nicht das wirkliche, nicht das eigentliche Problem, sondern die Frage, was er und was ich bin. Wir sind nämlich nichts anderes als Zellen eines einheitlichen Organismus.

Und genau davon muss ich ausgehen. Ein Organismus. Mehr muss ich wohl nicht wissen.