Ich will hier raus!

Wo ist nur das Ticket in die Freiheit?

Als ich heute früh im Bett über die Gedanken dieser Nacht reflektierte, kam mir wieder einmal ein altbekannter Begriff in den Sinn: Metamorphose. Ein durchaus stimmiger Begriff für mein Leben.

Wir Menschen, jedenfalls die meisten von uns, leben wie dicke, fette Raupen, die die Pflanzen kahlfressen und sie letztlich am wachsen hindern (auch, wenn das aus dem Blickwinkel der Natur sicherlich  einen Sinn hat). Nur das mit der in der Natur ganz selbstverständlichen Metamorphose klappt bei uns Menschen irgendwie nicht, die meisten bekommen das nicht hin, sondern sterben als Raupen.

Was aber brauchte der Mensch, um sich von der Raupe zum Schmetterling zu wandeln und die Pflanzen nicht mehr aufzufressen, sondern die Blumen zu bestäuben, ihnen zu helfen, sich zu vermehren und fruchtbar zu sein und als Lohn dafür deren Nektar zu erhalten? Was also bräuchte ich? Schwierige Frage, denn ich weiß ja nicht, was ich so als Raupe eigentlich mache. Vor allem weiß ich nicht, dass ich überhaupt im sprichwörtlich falschen (psychischen) Körper stecke, mich als vollendet und am Ende meiner Entwicklung wähne und dabei doch nur im Raupengeist gefangen bin. Jedenfalls ist das die Meinung der Hirnforscher, und die sind sich da verdammt sicher. Und einig sind sie sich auch noch. 

Aber der Vergleich hinkt, denn selbst wenn ich den Schmetterlingsgeist ausbilden könnte (was ich natürlich immer könnte wenn ich auch wüsste wie) und es auch tun würde, dann wäre das vielleicht noch lange nicht das Ende, sondern es ginge wieder weiter auf die nächste Stufe des Seins. Also doch eher ein Phönix, der verbrennt und aus der Asche wieder aufersteht? Es scheint mir eher so zu sein, dass es eine Kombination von beidem ist: Metamorphose und Phönix.

Also ist die Frage aller Fragen: Wie komme ich aus diesem selbstgebauten Gefängnis endlich raus? Wer hat die Karte, auf der steht ‚Sie kommen aus dem Gefängnis frei!‘ und die dieses Versprechen dann auch noch garantiert? Und da steckt schon das eigentliche Problem drin. ‚Ich‘ komme da gar nicht selbst raus. Wenn ich mir meiner selbst nicht bewusst sein kann (nettes Problem, das die Neurowissenschaftler da erkannt haben), kann ich auch nicht sehen, dass ich im falschen Geist und damit im falschen Leben gefangen bin. Wenn ich mir meiner selbst nicht bewusst sein kann, und das auch noch ohne wenn und aber und ohne das allerkleinste Hintertürchen, dann kann ich auch nie wissen, was zu tun wäre.

Aber die anderen können es. Nicht, was ich tun müsste, das wüsste ich selber – wenn ich dazu bereit wäre undicht sehen könnte. Also bereit zu sein, das muss ich selbst auf die Reihe bekommen. Mit dem sehen, wie ich bin, ist es schon schwieriger. Aber die anderen sehen mich erfreulicherweise, wie ich bin. Die hören, was ich sage und relativieren es nicht schnell mal ganz automatisch, wenn es mal wieder nicht ganz korrekt war. Und ich hoffe, dass sie auch den Mut haben mir exakt zu sagen, was ich als erstes gesagt habe. Kein Kommentar, keine Diskussion, sondern klare Konfrontation mit meinen eigenen Gedanken. Das ist der notwendige und unverzichtbare erste Schritt aus der Konvention.

Und mit jeder scheinbaren ‚Kritik‘, die ich anzunehmen und zu reflektieren bereit bin, stirbt der Phönix einmal mehr, um im gleichen Augenblick neu geboren zu werden. Das ist das einzige Ticket in die Freiheit, das ich kenne.

Genau das wünsche ich mir von jedem, der das liest.