Ich will!

Sicher?

Also, ob es dieses ‚ich‘ überhaupt gibt, oder ob es nur ein ‚Ich-Gefühl‘ ist, damit fängt es eigentlich schon an. Bisher hat kein Wissenschaftler und kein Forscher dieses ‚Ich‘ verorten können. Was meiner Ansicht nach nicht bedeutet, dass wir nur so materielle Zombies wären. Aber das ist was anderes. Komisch ist, dass dieses Ich-Gefühl bei mir immer mehr schwindet, je weniger ich davon überzeugt bin, dass es ein eigenständiges, aus sich selbst heraus existierendes ‚Ich‘ überhaupt gibt. Sprachliches ‚Ich‘, ok, aber dann ist da auch schon Schluss.

Und was will ich? Mir fällt das immer beim Reden oder Schreiben auf. Wieso sage ich, was ich sage oder warum schreibe ich, was ich schreibe? Und warum bewege ich beim Reden die Hände so und nicht anders? Also überlegt habe ich mir das vorher noch nie. Im Gegenteil. Fange ich nämlich an darüber nachzudenken, kommt dann meist nichts mehr außer Sprachlosigkeit. Gott sei Dank, werden da manche denken. Nachdenken hilft mir nur beim Überlegen, warum mein Moped bei Nässe unrund läuft. Aber das ist eben ein mechanisches Teil. Wir Menschen aber nicht. Definitiv nicht, auch wenn viele so denken, als wäre es so.

Warum aber nehme ich nicht ab, obwohl ich es doch will? Und warum nehme ich dann doch plötzlich ab? Jeder übergewichtige Mensch kennt dieses Phänomen. Was dann wiederum den Schluss zulässt, dass wir ein einziges Phänomen sind. Husserl würde sich freuen, wenn er das hören könnte. Also willentlich mein Essverhalten steuern? Keine Chance! Doch wie entsteht die Einsicht, wenn ich es dann doch ändere? Die Einsicht ist ja nur das Sichtbare, nicht der zugrundeliegende Prozess, es ist das, was auf dem Bildschirm auftaucht und wo ich dann sage ‚das will ich‘. Oder auch nicht, ist der selbe Prozess.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema Kultur. Oder Ethik. Beides kann man ja nicht par or­d­re du muf­ti anweisen und mal einfach so umsetzen. Kultur und Ethik brauchen die Einsicht in die Notwendigkeit. Letztlich braucht das alles, das nicht aus Teilen zusammengeschraubt ist. Also alles Lebendige. Darum heißt es auch beispielsweise im Zen, das der Lehrer nur die Situationen schaffen kann, die es dem Eleven ermöglicht, das zu lernen, was er lernen soll. Heißt, er muss es dem System des andern überlassen, ob er darin eine Notwendigkeit sieht oder eben nicht. Mich erinnert das an einen Bekannten, der ziemlich moppelig, mit einem Schlag abnahm. Sein Arzt hatte ihm sehr unverblümt gesagt, dass er sich schon mal eine Grabstelle aussuchen könne, wenn er nichts ändere. Und das hat er ganz offensichtlich geglaubt und ernstgenommen. Aber da war noch etwas, nämlich die Notwendigkeit, das zu tun. Weil er weiter leben wollte. Ein Ziel, das ihm wichtiger war, als zu viel zu essen.

Aber mit den Zielen ist das ja so eine Sache. Ich hatte in meinem beruflichen Leben so manches Ziel. Funktioniert hat es selten. Sehr selten. Waren irgendwie die falschen Ziele. Mein System verfolgte jedenfalls – und das ganz offensichtlich – andere Ziele. Warum also wollte ich, was ich tat oder auch nicht tat? Jedenfalls war das nie eine bewusste Entscheidung im üblichen Verständnis von ‚ich will‘. Also muss die Frage anders lauten. Etwa so: ‚Warum tue ich, was ich tue?‘ Mit willentlich ist da nichts zu machen. Da braucht es dann schon Einsicht. Doch wo kommt die her? Wie entsteht die?

Eine gute Frage, oder nicht?