Im Land der Blinden

Traurig, aber wahr. Oder vielleicht doch ganz anders?

Vor einiger Zeit habe ich das Buch „Im Land der Blinden“ von H. G. Wells gelesen, ein Buch, das mich absolut fasziniert hat. Wahrscheinlich, weil ich mich oft wie der Protagonist des Buches fühle. Man sieht etwas, doch kaum ein anderer kann das auch erkennen. Und erklärt haben wollen es auch nur die wenigsten.

Sie sind viel zu sehr mit ihrem ganz normalen, alltäglichen Leben beschäftigt, mit all den eigentlich unwichtigen Dingen, die sie glauben, in Angriff nehmen zu müssen, weil sonst ihre kleine Welt unterzugehen droht. Jedenfalls glauben sie das. Mindestens wollen sie die Welt retten oder zumindest ändern, nur die Welt kann weder gerettet noch geändert werden. Darauf komme ich noch zurück. Sie laufen mit einem großen Schild herum, auf dem in knallroten Buchstaben steht „WICHTIG! BESONDERS!“ mit einem dicken Pfeil, der auf sie selbst zeigt. Nur, dass Sie nicht denken, was ich mir da anmaßen würde zu schreiben: Ich kenne mich da gut aus! Ich war lange Zeit genauso!

Aber irgendwas habe ich vielleicht begriffen, indem ich beruflich auf die Schnauze flog. Ich musste meine kleine, kuschelige Wohlfühlecke mit all ihren fadenscheinigen Kompromissen, Halbwahrheiten, mit all dem Wegschauen und konventionellem Getue verlassen. Ich flog im hohen Bogen raus. Das hat mich aus dem Mainstream rausgenommen, heute sage ich entlassen. Ich hatte nicht nur Zeit, mir Gedanken über mich zu machen, ich musste das auch tun! Eben zwangsweise. Und dabei habe ich gelernt, einiges anders zu sehen als die meisten.

Und jetzt suche ich Menschen, mit denen ich darüber reden kann um zu sehen, ob ich falsch liege oder nicht. Worum also geht es? Es geht darum, ob man in der Lage beziehungsweise ob man bereit ist, etwas zu sehen, etwas, das die Erscheinung der Welt vollkommen verändern würde, also wie wir die Welt und uns selbst sehen. Letztlich heißt das natürlich, dass wir die Welt anders denken müssten, denn wir können nicht sehen, was wir nicht denken können.

Stellen Sie sich einmal vor, für Sie sei die Welt zweidimensional. Überall sähen Sie nur Flächen, Linien und Punkte. Und dann kommt einer und sagt Ihnen, dass es doch ganz anders ist, die Welt sei doch dreidimensional! Und alles ganz anders! Was vorher da war ist zwar noch immer da, aber ganz anders, es sind Kugeln, Körper Flächen, was früher Punkte, Flächen und Linien waren. Sie würden feststellen, dass die Welt viel faszinierender ist, als Sie bisher dachten! Das wäre doch was!

Wie gesagt, dachten, nicht glaubten! Und genau das beschreibt H. G. Wells in seinem Buch. Die Verzweiflung des Protagonisten ob der fehlenden Bereitschaft der Blinden, sich auf das einzulassen, was er ihnen vermitteln, was er ihnen zeigen möchte. Und sie verlangen von ihm auch noch, dass er sich ohne wenn und aber und ohne wieder zurück zu können auf ihre Sicht- und Denkweise einlässt, will er denn bei seiner Liebe bleiben, die er dort gefunden hat. Sie wollen ihm seine Fähigkeit zu sehen nehmen.

Aber die Liebe zur Wirklichkeit und zur Wahrheit war für ihn stärker und er flieht. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich mich wie der Protagonist in H. G. Wells „Im Land der Blinden“ fühle? Wir denken üblicherweise, dass wir in einer dreidimensionalen Welt leben. Ich befinde mich danach an einem ganz bestimmten Punkt im Raum. Ein anderer befindet sich an einem anderen Punkt. Und in diesem Raum können wir uns bewegen. Da gibt es auch Zeit, aber der Augenblick ist ohne Zeit, ich kann nicht woanders sein, wo ich jetzt bin, ich kann mich nur in der Zeit Punkt für Punkt fortbewegen, die Zeit ist nur Augenblick um Augenblick, im Augenblick selbst aber existiert sie nicht, da ist nur der Raum und ich bin an meinen Ort gebunden, fixiert.

Doch dieses Bild von der Welt und den Möglichkeiten, uns darin zu bewegen stimmt nicht, denn es ist unvollständig. Die Welt ist nicht dreidimensional, sondern vierdimensional. Wir leben nicht in einem dreidimensionalen Raum, sondern in einem Raum-Zeit-Kontinuum. Vier- und nicht dreidimensional. Und genau deshalb sehen die Menschen Punkte, wo Kugeln, Striche, wo Flächen und Flächen, wo in Wirklichkeit Körper sind. Wenn sie das sehen könnten, nichts würde sich ändern, doch alles wäre anders. 

Eine Welt der Möglichkeiten. Aber die muss man bereit sein zu denken, will man sie sehen. Und dass die Welt wirklich ganz anders ist, als die Menschen gemeinhin glauben, ist gar nicht so abwegig. Das haben von so etwa zweitausend Jahren die Buddhisten und Zen-Menschen erkannt und sicher noch einige andere, von denen ich aber nichts weiß. Und vor circa 100 Jahren haben das die Physiker auch erkannt und auch noch bewiesen, nämlich dass die Welt ganz anders ist, als wir sie normalerweise sehen. 

Und genau darüber sollte man reden. So wie Aldous Huxley, der Autor von „Schöne neue Welt“. Der hat nämlich nicht nur Sciencefiction geschrieben, sondern auch ein exzellentes Buch über die Philosophia perennis. Und vielleicht hat ihn auch das Buch von H. G. Wells inspiriert weiter zu denken, denn die beiden kannten sich, jedenfalls meine ich das zu erinnern, das gelesen zu haben.

Also gut, dann will ich mich einmal aus meiner Jammerecke heraus bewegen und wieder unter die Menschen gehen und Gleichmut trainieren. Der begriff läuft mir in der letzten zeit ständig über den Weg. Heißt für mich, die Dinge beziehungsweise die Menschen zu nehmen, wie sie sind, doch nicht aufhören darüber zu reden, dass die Welt nicht aus Punkten, Linien und Flächen besteht und wir keine Strichmännchen sind.

Nur, das heißt nicht zu ignorieren, dass es übel ist, was auf der Welt so passiert. Klimawandel ist das eine, viel schrecklicher aber finde ich, wie wir miteinander umgehen. Und da muss ich nichts wandeln, sondern nur sehen, was ist. Der Wunsch nach Veränderung und Wandel blendet für mein Empfinden aus, dass wir mit einer Dimension zu wenig denken. Nehmen wir die aber hinzu, dann brauchen wir nichts mehr zu wandeln, sondern nur die Möglichkeiten zu ergreifen, die schon immer da sind und nur darauf warten, dass sie endlich einer sieht.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Wir können ja nicht eben mal so in den Supermarkt gehen und eine Möglichkeit für eine neue, andere Welt mitnehmen. Wir erleben uns nun einmal in einer drei- und nicht in einer vierdimensionalen Welt. Was also kann ich oder eher was muss ich tun, um vierdimensional zu denken und zu leben? Sicher nicht weiter machen wie immer! Wir müssen also uns selbst wandeln, unser Leben und vor allem unser Denken wandeln. Nur das geht leider nicht, denn ich kann mich ja nicht wandeln, ich kann mir nur bewusst sein, was ich tue und wie ich bin. Aber genau das verändert meine Psyche.

Doch ich denke ja nicht nur, ich lebe ja auch. Also muss ich auch mein Leben danach ausrichten. Ich brauche mich nur zu fragen, was ich bisher in meinem Leben eigentlich wollte. All die schönen Anzüge, die noch in meinem Kleiderschrank hängen, waren nichts anderes als das Attribut an den Anwalt und sein Interesse, zu beeindrucken. Gerade habe ich ein Bild von Edi Rama gesehen, Ministerpräsident Albaniens. Typische Kleidung. Nicht wie ein westlicher Politiker, sondern wie ein Künstler eben, der er ja auch ist. Man sieht den Künstler, man sieht zwar nicht, was und wie er denkt, aber man sieht irgendwie, welch Geistes Kind er ist.

In dem, was ich trage und wie ich meine Wohnung einrichte bis hin zu der Organisation auf meinem Laptop und das Motorrad, das ich fahre, alles nur ein Ausdruck dessen, wie ich mich selbst sehe und wie ich in der Welt sein will. Natürlich immer im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten, aber es macht schon Sinn mich zu fragen, warum ich immer wieder mal das Internet nach einer Moto Guzzi durchstöbere, die ich mir leisten könnte. Nichts anderes als eine versteckte Botschaft über mich selbst.

Das ist eine echte Wanderung auf einem sehr schmalen Grad. Sehe ich auf die eine Seite, ist es blanke Ego-Show. Schauen ich auf die andere Seite, ist es eine Kata, ein bewusster Selbstausdruck und ein ideelles Lebensziel, das ich zu erreichen suche. Es ist wie mit der Indianergeschichte: Welchen Wolf wollen wir füttern? Was ich damit sagen will ist, dass wir exakt so leben, wie wir uns selbst sehen.

Ein Anderer kann also auch sehen, vorausgesetzt er nimmt seine eigene Brille ab, ob ich im Land der Blinden oder in dem Land der Sehenden lebe? Ja, das glaube ich. Absolut.