Im Land der Blinden

H. G. Wells hat in seinem Buch ‚Das Land der Blinden‘ eine, wie ich finde exzellente Metapher für unsere Gesellschaft geschrieben.

Die Blindheit ist wie eine Epidemie entstanden, ist erblich geworden und nach vierzehn Generationen hat sich das gesamte Leben, das praktische wie das geistige, auf die Blindheit eingestellt. Der Protagonist des Buches, Nunez, hat wohl über Jiddu Krishnamurtis Satz ‚Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein‘ nachgedacht, als er sich am Ende dann doch entschied, seine große Liebe nicht zu heiraten und den Preis dafür, nämlich sein Augenlicht zu verlieren, doch nicht zu zahlen bereit war und sich lieber davon machte.

Aber vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass sein Versuch, Kapital aus seiner Sehfähigkeit zu schlagen, schlicht daran scheiterte, dass die Blinden einfach nicht bereit waren, ihre geistige Anpassung an die Situation aufzugeben, die sie sich durch eine eigene Philosophie, ein eigenes Weltbildes, ermöglicht und gewährleistet hatten. Das hätte für sie nämlich auch bedeutet, ihr eigenes Selbstbild aufzugeben, das sich ja zu dem Weltbild spiegelbildlich verhält, wie das Negativ eines Fotos zum Positiv. Also früher, als Fotos noch nicht digital auf einem Chip erstellt wurden.

Aber wer weiß? Wäre ein Vorteil für ihn greifbarerer gewesen, nicht nur die Liebe einer Frau, hätte sich seine Sehfähigkeit in materiellen Erfolg umsetzen und zu Kapital machen lassen, oder hätte er einen besonderen gesellschaftlichen Status erlangen können – vielleicht hätte er sich dann doch anders entschieden? Obwohl das ja nicht ganz aufgeht, denn die Dorfbewohner bestanden ja darauf, ihm sein Augenlicht zu nehmen.

Eine Geschichte, die uns sehr, sehr nachdenklich stimmen sollte, beschreibt sie doch unsere Gesellschaft auf das Vortrefflichste. Nur mit dem kleinen, aber vielleicht wesentlichen Unterschied, dass die Menschen sehen könnten – nicht nur organisch, sondern auch geistig. Und zwar viele, erschreckend viele. Ich finde es eine spannende oder doch eher traurige Frage, warum so viele Menschen die Augen vor dem für andere Offensichtlichen verschließen. Heißt Mensch sein, wie Victor Frankl sagt, nicht eben gerade auch, anders sein zu können? Sich nicht anzupassen, nicht des eigenen Vorteils wegen mit den Wölfen zu heulen?

Vielleicht ist ja gerade deshalb die Prostitution in unserer Gesellschaft derart in Verruf, weil damit ein gesellschaftliches Ventil gefunden ist, wo sich der Unmut über sich selbst entladen kann angesichts der Tatsache, dass viele in ihrem Job schlicht und einfach käuflich geworden sind? Ich weiß, wovon ich spreche, habe ich doch lange Zeit in meinem Beruf allzuoft meine Seele verkauft.

Es ist wirklich paradox, dass ich scheinbar das berufliche Scheitern brauchte, um endlich die Augen aufzumachen und zu sehen, was ich da machte? Da kommt mir immer Nagarjuna in den Sinn, der gesagt hat, dass nur der bereit ist Zen zu praktizieren, der gescheitert sei; dass das Scheitern sozusagen das Eintrittstor wäre.

Oder war es genau umgekehrt, dass ich nämlich scheiterte, weil ich zu sehen begann, was wirklich ist? Und einfach nicht mehr bereit war, meine Seele zu verkaufen? Und ist dieses ‚Scheitern‘ genau das, was viele Menschen davon abhält, die Augen aufzumachen um zu sehen und zu erkennen, was wirklich ist? Aufwachen aus der Illusion des scheinbar Normalen?

Dabei löst sich das Ganze unmittelbar dadurch auf, dass man die Verantwortung für sich selbst übernimmt. Statt zu jammern und zu klagen zu sehen, dass ich für mich in der Welt entscheide und niemand sonst. Und weil wir eben nur sehen können, was wir auch zu denken in der Lage sind, sind nicht die anderen per se die Blinden, sondern ich muss mich immer wieder fragen, ob ich die Welt sehe, wie sie wirklich ist. Doch das bedeutet nicht, dass ich das Außen zu verstehen suche, sondern das bedeutet, dass ich mich um meine eigenen Vorstellungen und Gedanken kümmern muss.

Der Rest ergibt sich dann von alleine. Ganz von alleine.

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