Immer das gleiche Lied …

… und täglich grüßt das Murmeltier.

Wie oft habe ich mir an Sylvester den Film ‚Dinner for One‘ angesehen und war immer wieder von James letztem Satz ‚The same procedure as last year?‘ und Miss Sophies Antwort ‚The same procedure as every year!‘ begeistert.

Das wirkliche Problem dabei ist, dass unser ganz alltägliches Leben exakt genauso verläuft. Und vielleicht ist das ja auch der Grund, warum uns solche Filme immer wieder in ihren Bann ziehen. Ezra Bayda hat ein Zen-Buch mit dem Titel ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ geschrieben, das mittlerweile unter dem Titel ‚Zen oder die Kunst aus den Sümpfen des Alltags zu finden‘ neu erschienen ist.

Auch die Filmkomödie ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ mit Bill Murray erzählt eine ganz ähnliche Geschichte; die Geschichte eines Mannes, der in einer Zeitschleife festsitzt und ein und den selben Tag immer wieder erlebt, bis er als geläuterter Mann endlich aus dem immer Gleichen herauskommt.

Das ganz normale Leben könnte man sagen. Es ist wirklich schwierig,  den ganz realen  Sümpfen des Alltags zu entkommen. Verdammt schwierig. Ich weiß nicht, ob uns Übungen dabei wirklich helfen. Was uns sicher hilft, jedenfalls ist das meine Überzeugung, das ist eigenständig zu denken. Was nicht bedeutet, das Rad immer wieder neu erfinden zu müssen, sondern das, was man erlebt und lebt immer wieder zu reflektieren, dabei aber nichts glaubt, sondern jeden neuen Gedanken immer wieder verifiziert.

Auch wenn solche Gedanken von Jiddu Krishnamurti sind, ändert das nichts daran, dass nur der eigene Gedanke für mich selbst relevant sein kann. Also glaube ich ihm nicht, aber ich nehme ihn ernst und beim Wort. Das Problem ist, sich seinen Gedanken vollkommen offen und ohne eine eigene Meinung zu nähern, so lange, bis man sie am Ende auch nachvollziehen kann, ihn wirklich verstanden hat. Was bei Krishnamurti durchaus ein bisschen dauern kann.

Dann, aber wirklich erst dann, darf man seine eigene Meinung wieder auspacken und daneben stellen und sie eben zu verifizieren. Dabei muss man sehr genau sein, denn etwa Astrologie wie auch Psychologie sind mit Krishnamurtis Gedanken garnicht oder nur sehr schwer vereinbar. Was nicht heißt, dass sie sinnlos wären, die Frage ist nur, wie hoch man denn steigen will, welchen Gipfel man erreichen will.

Ich komme schon außer Atem, wenn ich in Südtirol auf eine Alm hochlaufe, einen Gipfel erreichen zu wollen wie Reinhold Messner, daran denke ich nicht einmal, das wäre ein schlechter Witz. Oder kämpfen zu können wir Bruce Lee. Oder Physik zu verstehen wie David Bohm. Bei Reinhold Messner weiß ich es nicht, aber bei Bohm und Lee. Sie sind mir Vorbild, auch wenn ich nicht werden will wie sie und mir nicht einbilde, sein zu können wie sie. Aber beide waren mit Jiddu Krishnamurti im Dialog.

Zwei grundverschiedene Menschen mit völlig anderen Lebenskonzepten und auch Fähigkeiten. Und doch haben sie etwas Gemeinsames, etwas sehr Grundsätzliches, das sich nicht von einander unterscheidet. Ein gemeinsames erstes Fraktal, ein identisches Welt- und Selbstbild. Doch das heißt noch nichts, die Frage ist, ob dieses Weltbild auch stimmig ist, denn nur dann ist es gefahrlos, dieses Bild zu dem eigenen zu machen. Ein solches Weltbild unreflektiert zu übernehmen heißt im Sumpf des Alltags zu landen.

Genau deswegen brauchen wir den anderen, brauchen wir den Dialog. Es sind solche Dialoge, die uns helfen, aus den Sümpfen des Alltags herauszukommen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Krishnamurti keine gedanklichen Methoden oder Konzepte anbietet, nichts, was einem vermeintlich Sicherheit bieten könnte. Die einzige Sicherheit, die ich wirklich haben kann, ist die Dinge, die mir im Leben begegnen, selbst zu verifizieren und die Pseudo-Gesellschaft des Konventionellen endgültig hinter mir zu lassen.

Das heißt auch anzuerkennen, dass eine Tatsache nur das sein kann, was definitiv geschieht. Und es heißt auch, mich aus allen Theorien und Konzepten zu verabschieden. Wenn ich dort angekommen bin, dann verliert ‚Dinner for One‘ seinen Reiz und ist irgendwann auch nicht mehr wirklich lustig, sondern eher traurig, traurig, weil viele exakt so leben. Das ist die Entscheidung, die jeder für sich treffen muss, nämlich ob er jeden Tag im immer selben Film aufwachen will.

Für mich war das entscheidend, zu merken, dass ich in einem Film war. Aber einem falschen. Doch ich kam erst dann wirklich aus diesem Film heraus, als ich begann, nach ganz anderen Regeln zu leben. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir leben nun einmal nach Regeln. Und die muss ich mir bewusst machen, wirklich bewusst machen, und genau überlegen, ob es das ist, was ich wirklich will.