Ist der Weg das Ziel oder das Ziel der Weg?

Wie so oft im Leben (oder eigentlich immer) ist beides gleichermaßen und auch gleichzeitig richtig.

Dass das Ziel der Weg sei, das sagen die sogenannten Realisten. Dass hingegen der Weg das Ziel wäre, das sagen viele Buddhisten. Was aber ist wirklich richtig? Das ist nämlich beides! Begriffen habe ich das, als ich als Mediator arbeitete.

Da kamen Personen, meist Paare, zu mir, die sich wegen irgend etwas uneinig waren. Also versucht man an das Gemeinsame, das Verbindende zu appellieren. So habe ich es einmal gelernt, doch geholfen hat das nie wirklich. Bis ich auf die funktionierende Lösung kam. Man redet nicht über das Ziel der Parteien, sondern erst einmal über den Weg dorthin. Ganz einfache Frage: ‚Mit welcher Strategie wollen Sie Ihren Konflikt lösen?‘ Es gibt ja die verschiedensten Konflikt- und Problemlösungsstrategien. Doch warum soll die vom Berater kommen? Warum nicht von den Betroffenen? Angenommen, ich möchte einen gordischen Knoten lösen, dann gibt es ja ja auch zwei Strategien:

Ich gehe zum Anwalt und bemühe das Recht, nehme also ein Schwert und durchtrenne den Knoten. Das ist der eine Weg. Der andere ist, ich setze mich davor und betrachte und untersuche den Knoten so lange, bis ich weiß, welchen Stift ich herausziehen muss, damit sich das Ganze auflöst. Heißt also erst einmal, die Emotionen, also die schnelle Zielerreichung beiseite zu stellen, nach einer Lösungsstrategie zu suchen und erst dann das ‚Problem‘ aufzudröseln. Erinnert an den Marshmallow-Test. Nur wenige sind in der Lage sich zu beherrschen und sich gegen die schnelle Lustbefriedigung zu entscheiden. Der Test von Walter Mischel zeigt die Bedeutung der Impulskontrolle und des Aufschieben-Könnens von Selbstbelohnungen auch für akademischen, vor allem aber für den emotionalen und sozialen Erfolg. Ganz schön paradox auf den ersten Blick! Sich emotional zu beherrschen, um mehr emotionalen Erfolg haben zu können!

Es gibt viele solcher Beispiele. Vom Zusammenbauen eines Schrankes bis zu einer Bergwanderung. Immer geht es um Ziel und Weg. Verliert man eines von beidem aus dem Blick, wird das Ganze wohl eher nichts. Und heißt es nicht auch beim Jakobsweg , dass er vor der eigenen Haustür beginnt? Aber man geht ihn nicht, kann ihn auch nicht gehen, hat man das Ziel nicht vor Augen. Und ist das eigene Leben etwas anderes als ein nie endender Weg? Aber nur wenn man ein klares Ziel anstrebt, wissend, dass man es zu Lebzeiten wohl nie wird erreichen können, nur wenn man eine herausragende und fordernde Kata hat, kann der Weg gelingen.

Man muss also säuberlich unterscheiden und auch trennen zwischen erreichbaren Zwischenzielen und dem eigentlichen unerreichbaren und doch sehr konkreten Ziel.