Jeder lebt in seiner eigenen Welt

Aber stimmt das? Und ist das immer auch gut, selbst wenn es richtig wäre?

Wir leben zwar in einer Gemeinschaft, doch jeder denkt auf seine Weise, hat sein Bild und sein Verständnis von der Welt. Selten, dass einmal zwei sich treffen, deren Verständnis wirklich gleich oder gar das Selbe ist!

Aber betrachte ich die Themen, die die Menschen gerade beschäftigen und wie darüber diskutiert oder gesprochen wird, dann kommt es mir so vor, als säßen Menschen am Strand, die Wellen beobachten und darüber sprächen, wie die Gischt einer Welle aussieht und wie sich die Welle bewegt, doch ohne dass sie überhaupt wüßten, warum sich die Welle gerade so und nicht anders bewegt und warum die Gischt gerade so aussieht und nicht wie gestern.

Wenn diese Metapher stimmig ist, und ich denke, sie ist es, dann heißt das, dass wir über Symptome sprechen, aber nicht über die eigentlichen Ursachen. Und wir wissen doch aus vielleicht eigener Erfahrung nur zu gut, dass die Krankheit nicht zu heilen ist, behandelt man nur die Symptome und nicht die Ursachen. Symptome zu behandeln verschafft allenfalls kurzfristige Momente der Linderung, mehr aber auch nicht. Und genau das ist das Problem, das eigentliche Problem, das in der Gesellschaft immer wieder zu beobachten ist. Wir diskutieren meist nur an der Oberfläche und gehen den Dingen nicht auf den Grund. Also was tun?

Will ich einen Streit beenden, wirklich beenden, nicht nur einen alltäglichen, sondern einen sehr grundsätzlichen, so wie er etwa in Trennungssituationen oft vorkommt, dann genügt es eben nicht, nur nach der Lösung zu suchen. Genau aus diesem Grund „brauchen“ Eheleute auch immer wieder die Entscheidung eines Gerichts, da sie selbst nicht in der Lage sind, ihren Streit zu beenden. Doch ein Gericht entscheidet selten weder fair noch gerecht, denn das Gericht entscheidet nach Beweisregeln – und da ist es fatal, wenn einer seine Sicht der Dinge nicht beweisen kann.

In einem solchen Konflikt ist es oft so schwer, eine faire und gerechte Lösung zu finden, nicht weil die Parteien dies nicht wollten, sondern weil sie oft nicht merken, das sie an der Oberfläche bleiben und nicht darunter oder dahinter schauen – wie bei der Welle. Sie sehen beziehungsweise empfinden zwar die Bewegung, nicht aber den Grund, die eigentliche Ursache. Suche ich eine Lösung für etwas, muss ich auch die passende Lösungsstrategie haben. Und das wiederum setzt voraus, dass ich weiß, wie etwas „funktioniert“. Sucht man einen Konflikt zwischen Menschen zu lösen, dann muss man nicht nur den Streitgegenstand kennen, sondern auch, wie Menschen „funktionieren“.

Und genau da sitzt das „Problem“. Doch ein Problem ist es nur, solange man die Lösung nicht kennt. Ich bin verheiratet, das heißt, dass immer wieder aufs Neue entschieden und ein Konsens darüber hergestellt werden muss, was wir zu Abend essen oder ob wir essen gehen, da meine Frau und ich nicht nur verheiratet sind, sondern auch zusammen leben und miteinander essen. Es geht also um das Abendessen, Tag für Tag. Doch unsere „Ehe“ entscheidet nicht darüber, was wir essen werden, sowenig wie Politiker oder Chefs entscheiden könnten, was wir tun werden. Sollen schon, aber nicht werden! Also fügt sich einer dem anderen, oder es wird ein Kompromiss geschlossen oder man ist sich einig … die Möglichkeiten sind vielfältig. 

Ideal ist es natürlich, wenn beide den selben Geschmack haben und ein Kommitment gefunden werden kann – wie in einer Partei, da ist eine ähnliche Ausrichtung da, die die Entscheidung darüber, was man machen wird, wesentlich einfacher gestaltet. Aber ob in der Ehe, einer Partei oder in der Gesellschaft – entscheiden tut immer der Einzelne selbst, was er für gut und richtig wie für angemessen hält. Oder was ihm eben „schmeckt“. Nicht ohne Grund sagen wir ja oft umgangssprachlich, dass jemandem etwas „schmeckt“, wenn er sehr einverstanden ist mit dem jeweiligen Vorschlag.

Es ist also immer der Einzelne, der (sich) entscheidet. Auch nichts zu sagen und etwas zu erdulden oder zu ertragen ist eine Entscheidung. Eine Gruppe, egal ob zwei, vier, zwanzig oder viele, entscheidet nie, sondern es ist immer nur der in der Gruppe gefundene Konsens, der oft fälschlicherweise als Entscheidung angesehen wird. Mehrheitsentscheidungen sind übrigens kein Konsens! Darum machen uns Minderheiten auch immer wieder Kopfzerbrechen. Aber Demokratie ist die beste Gesellschaftsform, die wir bis jetzt kennen, vorausgesetzt, man hat eine gemeinsame Werte-Basis und lebt diese auch. Sonst ist es schnell vorbei mit der Demokratie und übrig bleibt nur ein Papiertiger ohne Biss. Und sehr sehr oft kommt das Verhalten der Gruppe oder von Untergruppen durch vermeintliche oder tatsächliche Machtstrukturen zustande, über die es sich lohnt, einmal nachzudenken. 

„Macht“ gibt es in der Form von Gewalt, als geliehene Macht, indem jemand ermächtigt wird oder eben als erduldete, scheinbare Macht, weil jemand glaubt, dem anderen ausgeliefert und abhängig zu sein und nichts tun zu können. Letzteres ein Thema, das schon Diogenes von Sinope beschäftigte. Doch was ist, wenn alle gleichberechtigt in die Konsensfindung eingebunden sind? Da geht es nämlich zu allererst nicht um die Konsensentscheidung, sondern um den Einzelnen! Der muss sich nämlich fragen, ob er auch weiß, warum die Gischt so und nicht anders ist und warum sich die Welle eben so und nicht anders bewegt –  und erst dann kann er mitreden! 

Klingt einfach, ist es aber überhaupt nicht. Denn schon bei dem einfachen Beispiel „Abendessen“ spielen sehr viele Dinge eine Rolle, die den Wenigsten überhaupt bewusst sind. Warum schmeckt mir ein Schnitzel, aber Fisch nicht? Und warum brauche (!!) ich Schokolade, wenn ich frustriert bin – der andere aber nicht? Wenn man es einmal genau betrachtet, dann ist so ein banales Beispiel eine perfekte Gelegenheit (weil ungefährlich), sich einmal auf den Weg der Selbsterkenntnis zu machen. Warum mag ich, was ich mag, und warum mag ich nicht, was ich nicht mag? Und so weiter und so fort!

Das „Frust-und-Schokoladen-Thema“ ist mein ganz persönlicher Schwachpunkt, den ich noch nicht aufgedröselt bekommen habe. Doch wie kann ich das? Durch Achtsamkeit! Ich brauche nur meinen Körper, meine Emotionen und die Art und Weise meines Denkens genau zu betrachten. Wie die Wüstenväter. Das funktioniert bei ganz banalen Dingen genauso wie bei sehr grundsätzlichen Lebensfragen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es stimmt und ist nicht änderbar, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt. Also muss man miteinander reden. Doch bevor man wirklich miteinander reden kann, muss man sich seiner selbst und dem, was man empfindet und was man denkt wirklich bewusst geworden sein. Und wenn man das geklärt hat und alle einzelnen Individuen zusammen denkt, dann weiß man, warum sich die gesellschaftliche Welle so und nicht anders bewegt. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass eine Welle nichts anderes als die Konsensbewegung sehr, sehr vieler H2O Moleküle ist, so wie das Verhalten einer Gesellschaft letztlich nichts anderes ist als das Zusammenspiel der Entscheidungen vieler Einzelner.

Die Frage ist also, was geschehen muss, dass daraus eine Konsensbewegung wird. Nur der Konsens ist eine adäquate „Auflösung“ der Tatsache, dass jeder Einzelne für sich entscheidet, weil er eben nur in seiner eigenen Welt lebt und leben kann. Das ist richtig so, aber nicht immer gut, nämlich dann nicht, wenn der Einzelne sich seiner selbst, nicht bewusst ist, also seiner Emotionen und der Art und Weise seines Denkens. Der von mir sehr geschätzte Aldous Huxley hat es perfekt auf den Grund gebracht: „Die perfekte Diktatur wird den Anschien einer Demokratie machen, einem Gefängnis ohne Mauern, in dem die Gefangenen nicht davon träumen auszubrechen. Es ist ein System der Sklaverei, bei dem die Sklaven dank Konsum und Unterhaltung ihre Liebe zur Sklaverei entwickeln.“ Es lohnt sich wirklich, darüber nachzudenken. Wir müssen definitiv ganz, ganz vorne anfangen, wollen wir die richtigen Entscheidungen treffen. 

Die zentrale Frage für den Menschen ist letztlich, ob er auf Unendliches bezogen ist oder nicht. Das ist das Kriterium des Lebens. Sage nicht ich, sondern C.G. Jung. Das setzt voraus, dass wir uns selbst überhaupt „richtig“ sehen, sehen können. C.G. Jung war ja in einem sehr regen gedanklichem Austausch mit Wolfgang Pauli, einem Quantenphysiker der ersten Stunde. Vielleicht würde es uns weiterhelfen, unsere Weltbilder und unser Weltverständnis einmal nicht mit dem üblichen psychologischen Verständnis zu betrachten, sondern es ganz pragmatisch von der wissenschaftlichen Seite her zu untersuchen? Auch die Psychologie basiert ja größtenteils auf dem klassischen Weltbild, und das ist eben das tradierte Weltbild, dem Weltbild Isaac Newtons. Also ein unvollständiges Weltbild – und damit auch von uns Menschen. Die Wissenschaft zeichnet jedoch schon lange ein ganz anderes Bild von uns, das dem üblichen Bild überhaupt nicht mehr entspricht, das wir normalerweise von uns selbst, den anderen und der Welt haben.

Wollen wir uns und unsere Probleme wirklich verstehen, müssen wir, wie Einstein sagte, lernen, anders zu denken. Ich würde es etwas ergänzen: Wir müssen endlich lernen anders zu denken, schließlich ist es zwei vor zwölf. Dann würden wir lernen, unsere Probleme aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen und zu untersuchen – und wahrscheinlich wären es dann keine Probleme mehr. Ich habe mal einen Spruch gelesen, der, etwas abgewandelt, gut dazu passt:

Ein Problem hämmert an die Tür. Verstehen öffnet. Keiner war draußen.