Lebenskunst

Auch eine Frage der Perspektive und des Wissens.

Seit geraumer Zeit frage ich mich, was es für mich bedeutet, wenn um mich herum konventionelle Oberflächlichkeit gedeiht, aber auch Hass und Wut bis hin zur verbalen und tatsächlichen Gewalt gegen Andere; das Ganze eingebettet in eine Wolke von Konsum und materiellem Wohlstand auf der einen und Leid wie Elend auf der anderen Seite. Und ganz vereinzelt dazwischen mal einen oder eine, mit dem oder der man reden kann.

‚Funktionieren‘ kann diese Gesellschaft, die ich um mich herum wahrnehme, so doch nur, wenn jeder Einzelne sich als ein individuelles ‚Ich‘ erlebt. Vor Jahren, keine Ahnung wann genau, las ich einen Text von dem Besucher eines Kongresses über Bewusstsein, der mit diesen wenigen Zeilen zusammengefasst werden kann:

Freier Wille ist eine Illusion;
ebenso das Ich oder Selbst;
das Bewusstsein gewissermaßen ebenso, oder zumindest tut es nichts;
sogar wenn wir entdeckten, dass wir in der „Matrix“ leben, sollten wir so handeln, als ob sie die Wirklichkeit wäre und uns keine Sorgen machen. Mit anderen Worten: Neo nahm die falsche Pille.

Das zu diskutieren ist letztlich müßig, zu eindeutig sind auf der einen Seite die wissenschaftlichen Erkenntnisse und zum anderen macht es mir überhaupt nichts aus, wenn ich keinen freien Willen und kein Ich oder Selbst habe – denn das ändert definitiv nichts. Außer natürlich, dass ich nicht ständig an eine innere Wand renne und sich in meine Gedanken immer öfters ein ‚Ach so, darum ist das so!‘ einschleicht. Letztlich ganz gut, dass ich mich nicht mehr dagegen sträube, kein ‚Ich‘ zu haben.

Also höre ich auf oder suche zumindest damit aufzuhören, meinem imaginären und eingebildeten ‚Ich‘ zu Diensten zu sein, das bekanntlich auf den Namen ‚Ego‘ hört. Und wenn ich hier immer ‚ich‘ schreibe, dann ist das natürlich nur ein sprachliches ‚ich‘. Mir kommt es schräg vor, von mir selbst in der dritten Person zu sprechen. Doch wie lebe ich mit dieser Einstellung und Haltung in einer Welt, in der so viele ganz anders denken? Und handeln?

Nun, ich könnte mir ein Hobby suchen und die Zeit, die ich noch zu leben habe, auf diese Weise herum bringen. Aber ist das Lebenskunst? Für mich bedeutet Lebenskunst mitten im Leben zu stehen, mich auszutauschen mit anderen Menschen, das Leben zu ergründen, mich selbst verstehen und auch mal Quatsch zu machen. Aber bitte beides!

Lebenskunst setzt voraus, so sehe ich das jedenfalls, das Leben überhaupt zu verstehen, soweit es mir möglich ist. Dann, und nur dann, kann daraus auch eine Kunst werden. Und darum ist meine Frage, wie man in einer Gesellschaft leben soll und kann, die das Leben vielfach aus einer illusionären Perspektive sieht. Das gehört auch dazu, will man das Leben verstehen.

Da einer kaum sicher sein kann, wirklich zu wissen, was Sache ist, ist es notwendig, mit anderen darüber zu reden. Sollten wir, aber nicht um uns gegenseitig zu messen, sondern um gemeinsam nach Sinn zu suchen.