Moral macht blind für das, was ist

Aber wie umgehen mit unmoralischen Handlungen Anderer? Ignorieren?

Es ist wie in der Physik. Wenn ich an einem Haus vorbeigehe, von dem gerade ein Dachziegel herunterfällt, sollte ich tunlichst einen Schritt schneller gehen oder mir vorsorglich einen Helm aufsetzen.

Das ändert aber nichts daran, dass es keine Schwerkraft gibt. Dass wir den Grund, warum der Ziegel sich in Richtung meines Kopfes bewegen könnte, normalerweise nicht korrekt bezeichnen, ändert nichts daran, dass es verdammt schmerzhaft wäre, wenn er mich träfe.

Es sind also die Worte, die falsch sind, nicht der Prozess, der sich da ereignet. Wir Menschen haben ja das große Problem, dass wir uns die Welt denken – und aus dem Film kommen wir nicht mehr heraus. Und weil wir uns die Welt denken, denken wir auch uns selbst. Und schon stecken wir in einem ordentlichen Schlamassel.

Aber da hilft alles Jammern nicht, da müssen wir durch. Das heißt, wir denken schlicht und einfach korrekt. Ohne Moral. Doch das heißt sicher nicht, dass wir jedes anderes Verhalten tolerieren würden. Aber ob moralisch oder unmoralisch – die Frage stellt sich dann einfach nicht mehr.

Sondern wir tun, was wir tun. Ohne Erklärung und ohne Rechtfertigung. Und das entspannt ungemein. Doch das ist nicht etwa ohne Grund, was wir da tun, wie manche Moralapostel jetzt einwenden könnten, sondern sinnhaft. Hoffentlich.

Gesetz, Moral und auch das Gewissen haben nämlich einen unschätzbaren Vorteil, den man nicht übersehen darf: Man muss nicht selber nachdenken, man weiß, was man zu tun hat. Warum auch immer, man macht es eben. Fängt man aber an sich an dem Sinn auszurichten, dann muss man selber ran.

Je mehr Gesetz, Moral und Gewissen basierte Konzepte ich in meinen Überlegungen habe, desto starrer und unbeweglicher werde ich.

Da bekommt gewissenlos oder ohne Moral zu handeln einen völlig anderen Geschmack. Ja, der Kontext macht es aus.