Mut zur Größe

Der Preis ist die Selbstüberwindung.

Wer sich aufmacht, sein wahres Ich zu finden, wird irgendwann einmal merken, dass es weder ein wahres noch ein falsches Ich gibt, sondern immer nur das ‚Ich‘, das sie oder er ist. Doch was ist dieses ‚Ich‘? Es ist doch nur ein Aspekt des Kosmos wie alles andere auch. Was den Kosmos ausmacht, ist ganz selbstverständlich auch in jedem von uns. Nur wenn ich mich als einen separaten, von allem anderen isolierten Teil verstehe, kann ich ausblenden, was um mich herum Negatives passiert und nur das für mich annehmen, was ich als positiv empfinde.

Doch es ist ganz einfach: Wer an Gott glaubt, muss auch den Teufel in Kauf nehmen. Vor allem, wenn man denkt, Gott sei in einem selbst. Denn dann ist auch der Teufel in einem. Wie dem auch sei, ich bin nun einmal ein Mensch und das heißt, dass alles Menschliche auch in mir ist. Das kann ich mir nicht aussuchen, es ist einfach so. Doch wir müssen ernsthaft ergründen, was in der Welt und in unserem Inneren geschieht, wir müssen uns fragen, was es mit unserem Denken, unseren Empfindungen und Emotionen auf sich hat, unsere biologische wie psychische Struktur, wollen wir nicht (weiter) in einer fatalistischen Agonie verharren.

Wir müssen uns fragen, wie wir die Struktur unseres Denkens ändern können. Doch dazu müssen wir erkennen, dass ‚mein‘ Geist kein individueller, kein eigenständiger Geist ist, es ist der Geist der Menschheit. Und diesen Geist kann ich nicht ändern. Aber die Struktur meines Denkens, die kann ich ändern, denn die ‚folgt‘ der neuronalen Struktur meines Gehirns. Aber wie funktioniert dieses Gehirn? Moshé Feldenkrais hat den Zusammenhang zwischen Bewusstheit und Bewegung untersucht und dabei die Gesetzmäßigkeit jeglicher Bewegung erkannt.

Er ging davon aus, dass ein Mensch nach dem teils ererbten, teils ‚gelernten‘ Bild handelt, das er sich von sich macht. Will jemand sein Handeln ändern, dann muss er dieses Bild von sich selbst änder beziehungsweise erweitern. Dieses ‚Bild‘ steckt eben nicht in den Muskeln oder dem Skelett, sondern im Gehirn. Und dessen Struktur kann ich in der Art erkennen, wie ich mich bewege, genauso wie in meiner Haltung, meiner Sprache oder meinem Zimmer, meiner Einrichtung und meiner Kleidung.

Will ich mich also ‚besser‘ bewegen, darf ich die Gesetzmäßigkeit meines Körpers nicht ignorieren. Und will ich ‚besser‘ leben, darf ich die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, meines Lebens, genauso wenig ignorieren. Die Funktionsweise des Skeletts zu kennen ist das eine, das andere ist es auch zu tun. Wissen alleine genügt nicht. Die Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu kennen ist ineffektiv, wenn ich nicht danach lebe. Will ich also etwas ändern in meinem Leben, muss ich ernsthaft anders leben und nicht nur darüber nachdenken.

Es ist müßig, über die Sinnhaftigkeit von Klarheit oder über Ockhams Rasiermesser, dem Prinzip der gedanklichen Sparsamkeit, nachzudenken, wenn ich das nicht auch lebe – wirklich lebe. Genauso inneffektiv ist es, sich Texte von Krishnamurti anzuhören, wenn ich nicht auch so lerne zu denken. Das ist wie eine Feldenkrais-Lektion in vollkommener Bewegungslosigkeit machen zu wollen. Auch Mentaltraining hat nur dann einen Effekt, wenn ich die gedachte Bewegung auch ganz konkret tue.

All das hat mit dem Mut zur Größe zu tun. Denn ich werde es nicht einmal versuchen, wenn ich nicht den Mut und die Leidenschaft dafür habe, wenn ich es mir also nicht zutraue oder mir selbst nicht zugestehe. Sich klein und ohnmächtig zu fühlen ist leider einfach, dafür muss man nichts tun, braucht sich nicht anzustrengen, muss sich nicht immer wieder aufraffen zu tun, was man sich vorgenommen hat.

Will man sein, der man sein kann, dann braucht es eben diese Selbstüberwindung. Sind wir dazu nicht bereit, dann bleibt es, wie es schon immer war. Das muss einem klar sein.