Nichts ist so, wie man es sieht

Aber was bedeutet das für uns alle?

Nur weil man von etwas überzeugt ist, muss es noch lange nicht auch so sein, wie man es sieht.  Erinnert mich irgendwie an Einsteins Relativitätstheorie, aber ich denke, die hat damit wenig zu tun. Aber wer weiß? Ich bin ja der Überzeugung, dass Materie und Geist ein und das selbe sind, auch wenn ich es mir bei nicht lebendigen Gegenständen nur sehr schwer vorstellen kann, aber das zu denken geht immer besser. Vielleicht ginge es leichter, wenn wir ‚tot‘ als Gegensatz von ‚lebendig‘ anders sehen, anders definieren würden.

Das mit dem ‚definieren‘ ist ja ein grundsätzliches Problem. Wenn wir etwas definieren, dann erscheint es uns wie in Stein gemeißelt, unverrückbar. Aber genau das ist es eben in Wirklichkeit nicht. Gestern hatte ich eine Spielstunde mit meinem Enkel Paul. Paul spricht ja noch nicht. Aber er denkt sich seinen Teil, definitiv. Dabei würde mich brennend interessieren, was er so denkt, wie er die Bilder in seinem Kopf formt. Ob es überhaupt Bilder sind? Wenn ich ihn frage, wo die Mama ist, und er auf seine Mutter zeigt, dann hat er garantiert ein anderes Bild vor seinem inneren Auge als ich, wenn ich meine Tochter anschaue. Aber es ist definitiv die gleiche und eben nicht die selbe Person!

Wer sieht sie aber ‚richtig‘? Beide! Und kommt ihr Mann dazu, dann haben wir schon drei Bilder von ihr. Richtig spassig wird es aber dann, wenn wir auch noch ihr Bild von sich selbst dazu nehmen. Alles in allem ziemlich wilde Collage. Kein einheitliches Bild. Kürzlich habe ich gelesen, dass Gerald Hüther sich mit dem Thema ‚Würde‘ beschäftigt hat. Die Väter des Grundgesetzes haben ja die Würde des Menschen zum Verfassungsrang erhoben. Fragen Sie aber mal einen Juristen, was ‚Würde‘ überhaupt bedeutet. Alles nur eine Frage der Perspektive. Und zwar eine sehr persönliche. Nicht anders ist es mit ‚Demokratie‘. Auch nur eine Frage der Definition und damit des eigenen Welt- und Selbstbildes, des eigenen Selbstverständnisses.

Dieses Welt- und Selbstbild, das sich Paul gerade zusammenbaut das ist das erste Fraktal, von dem aus wir Menschen alles, und zwar wirklich alles betrachten. Abgespeichert ist das in unserem Gehirn in Form der neuronalen Vernetzung. Und vergegenwärtigt man sich dann noch, dass wir nur zu sehen in der Lage sind, was wir denken und dass Neues nur dazu kommen kann, wenn wir neugierig und offen für Erfahrungen sind, wie eben Paul, dann wird uns vielleicht bewusst, vor welchem Dilemma manche Erwachsenen stehen.

Denn wir haben uns nicht nur ein Bild von Pauls Mama gemacht, sondern eben von uns selbst. Und wenn wir uns dann damit so richtig identifiziert haben, dann haben wir, jedenfalls meine ich das, dann haben wir ein ernstes Problem. Wir sind nämlich nicht mehr in der Lage, die Wirklichkeit wahrzunehmen, sondern wir nehmen nur noch unsere Bilder im Kopf wahr. Das ist aber definitiv nicht die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist ja nicht, was ich wahrzunehmen in der Lage bin, sondern was alle lebenden Wesen wahrnehmen.

Was natürlich die spannende Frage aufwirft, wie wir das kommunizieren. Also nicht mit Sprache, sondern … ja wie eigentlich? Dass wir das miteinander kommunizieren ist für mich fraglos so, vorausgesetzt natürlich, unser Kopfkino steht uns nicht im Weg. Ich denke mir, dass jedes Lebewesen ganz für sich selbst die Welt sieht, aus seiner Perspektive, aber das mit allen anderen kommuniziert.

Eben nicht eins und nicht zwei.