Nur das Unmögliche zu denken ermöglicht das Mögliche

Verrückt, oder etwa nicht?

Warum haben so viele Chan-Praktizierende Schwierigkeiten in ihrer Praxis weiter zu kommen? Warum bleiben sie oft regelrecht stecken? Und warum geben manche auch noch nach Jahren frustriert auf? Und warum scheitern andere bei letztlich einfachen Dingen, nur weil sie nicht die notwendige Konsequenz aufbringen? Warum fällt es den Menschen so schwer, ihre gewohnten Muster zu verlassen? Und was hat das alles mit Adorno zu tun?

Es ist ganz einfach: Weil sie es nicht denken können. Und darum machen sie es auch nicht. Ist ja auch logisch. Was ich nicht denken kann, wie sollte ich das auch machen können? Hätte Nelson Mandela sich nicht vorstellen können, hätte er also nicht denken können, dass er die Initialzündung dafür geben (oder sein) kann, Südafrika aus der Apartheid zu führen, er hätte es nie geschafft. Er hätte nicht einmal damit angefangen. Und er hätte es auch nicht einmal versucht.

Wenn wir uns fragen, was schiefläuft in der Welt, dann kommen wir ganz schnell auf Dinge, die aber nur Symptome sind und keine Ursachen. Es ist dieser Gedanke aus dem Text seiner Antrittsrede, der übrigens nicht von ihm persönlich stammt, sondern von Marianne Williamson, die mit diesem Text für viele Menschen Unmögliches zum Ausdruck bringt:

Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
das wir am meisten fürchten.

Wie viele haben das schon gehört! Und wie oft! Und wie wenige leben danach und klammern sich stattdessen an ihr gewohntes Leben, als wären sie Ertrinkende? Weil sie es einfach nicht denken können. Es zu hören heißt eben noch lange nicht, es auch in aller Konsequenz denken zu können.

Einen solchen Satz zu hören und auch zu verstehen heißt ja nicht, dass man ihn für sich selbst wirklich „begriffen“ hätte. Schon Faust hatte dieses Problem, beziehungsweise Goethe war sich dieses menschlichen Problems bewusst, und darum ließ er Faust in seinem Studierzimmer sitzen und über den Sinn seines Lebens grübeln. Und wie so viele kommt er schließlich zu der resignierenden Erkenntnis, mit der angenommenen Sinnleere nicht mehr weiter leben zu wollen.

Er greift zum Gift, andere machen es weniger theatralisch, sondern flüchten sich in Konsum und Konvention, nur um sich selbst nicht zu spüren. Aber in genau diesem Moment hört er den Chor der Engel über das Leiden Jesus Christus singen. Er fühlt sich angesprochen und sagt: „Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“. Nun, die Geschichte geht ja gut aus, denn er lässt sich schließlich doch davon überzeugen, das Gift nicht zu nehmen.

Aber kann ich Sie davon überzeugen, aufzuhören in einer Welt der Konvention zu leben, sich mit Konsum bei Laune zu halten und stattdessen das Ihnen noch Unmögliche zu denken? Dass Sie frei sein können, wirklich frei, dass Sie dieses Gefängnis verlassen können, in dem Sie sich vielleicht noch nicht einmal wähnen? Und das allein durch Ihr Denken? Nur durch Ihr Denken und nichts sonst? Grenzen sind ja scheinbar nur schwer zu überwinden. Und sie haben die dumme Angewohnheit, einen einzugrenzen. Doch bedeutet etwas noch nicht denken zu können gleichermaßen, dass dies eine Grenze wäre? Sicher nicht!

Kinder tun sich da leicht. Die haben dieses „Problem“ ja ständig. Immer wieder müssen sie Unmögliches denken, damit sie es tun können. Mit einem halben Jahr ist es ihnen noch völlig unmöglich, auf zwei Beinen zu laufen. Sie können es noch nicht denken, sie können sich noch nicht entsprechend organisieren. Aber sie haben Vorbilder, Eltern und Erwachsene, die ihnen vormachen, dass das geht. Also machen sie es irgendwann auch. Sie „lernen“ sich entsprechend zu organisieren. Weil sie das bis für sie dahin Undenkbare für möglich halten, wobei sie tatsächlich nicht darüber nachdenken. Das ist ihr Trick, sie machen sich noch keine Gedanken darüber. 

Doch ein Erwachsener kennt ja das von ihm noch nicht Gedachtes nicht, statt dessen hält er das für seine Grenzen. Jedenfalls glaubt er das. Und darum hält er sich auch brav daran. Statt dass er schaut, was andere machen. Wenn Sie fit wie ein Turnschuh sein wollen, machen Sie es einfach wie Wang Deshun. Der ist mit 80 fit wie sonst was. Also ich habe es damit nicht so, ich halte mich da lieber an Konfuzius. Wang Deshun ist zwar älter als Konfuzius je wurde, doch Ruhe und Maß sind für ihn nicht erstrebenswert. Er hatte andere Ziele. Da halte ich es lieber mit dem Philosophen, erscheint mir nicht so anstrengend. Aber letztlich erfüllender, finde ich jedenfalls.

Konfuzius etwa brauchte sieben Jahrzehnte, um zur Ruhe zu kommen und für sich das Maß der Dinge zu finden. Seinen Weg dorthin ließ der Weise für die Nachwelt in den „Lunyu-Gesprächen“ aufschreiben: „Mit 15 strebte ich nach Wissen, mit 30 stand ich fest im Leben, mit 40 hatte ich keine Zweifel mehr, mit 50 kannte ich den Willen des Himmels, mit 60 lauschte ich nur nach Wahrem, mit 70 wusste ich tief im Herzen, wo mein Maß ist.“ So unterschiedlich Wang Deshun und Konfuzius auch sind, eines eint sie:

Sie hielten etwas für möglich, was andere für unmöglich hielten und halten.

Ich habe noch 3 Jahre Zeit, um mit Konfuzius gleichzuziehen. Warum auch nicht? Ich bin ja erst 67. Ich habe so mit Mitte 40 nicht mehr geglaubt, was alle anderen geglaubt haben. Wobei mir dabei ein Satz sehr geholfen hat: Was ein Mensch kann, kann ich auch. Was angesichts der Tatsache, dass ich damals pleite ging, verwundern mag. Aber ich hatte ganz offensichtlich andere Interessen als ein wirtschaftlich erfolgreicher Rechtsanwalt zu werden, das Leben wollte scheinbar, dass ich etwas anderes tue. Natürlich kann ich keine Kinder gebären. Und ich bin auch nicht mehr 20 Jahre alt. Doch stopp: Was assoziieren Sie mit dem Satz „Ich bin nicht mehr 20“? Viele werden damit etwas völlig anderes assoziieren als ich es tue! Einfach, weil sie anders denken als ich.

Man braucht eine Weile, also ich brauchte das, bis man begreift, wirklich begreift, dass das Gefängnis, in dem wir leben, nichts anderes ist als das eigene Denken. Aber warum ist es so schwierig „anders“ denken zu lernen? Es ist das Prinzip Hoffnung. Aber das ist leider die völlig falsche Strategie. Denn die Hoffnung stirb dummerweise immer zuletzt. Solange wir hoffen, schauen wir der Realität nicht wirklich ins Angesicht. Wer hofft, der wartet unter Umständen sehr, sehr lange, denn wenn wir hoffen, blenden wir etwas aus. Wenn ich etwa hoffe, dass meine Frau mich nicht betrügt, dann heißt das nichts anderes, als dass ich mir nicht sicher bin und eben „hoffe“, dass sie mich nicht betrügen wird. Natürlich kann ich das nicht wissen, ich kann nur so leben, dass ich mein Möglichstes tue, dass sie mir treu bleibt. Aber verhindern kann ich es nicht. Also ist es auch sinnlos, darauf zu hoffen. Aber es macht Sinn, so zu leben! Also das zu tun, was einem zu tun möglich ist? Genau! 

Und da steckt der Dissens drin. Wir glauben nicht an das uns Mögliche, wir glauben nicht an uns selbst, an unsere Möglichkeiten. Nur weil wir etwas nicht kennen bedeutet das doch nicht, dass es uns nicht möglich wäre. Wir müssen einfach nur verstehen, dass wir in einem Feld noch nicht gedachten Möglichkeiten leben. Das ist das wirkliche Problem. Und es ist das einzige echte Problem das wir meist haben und nichts anderes. Und weil wir es nicht denken können, ist es für uns definitiv unmöglich. Solange, bis wir es wie kleine Kinder machen. Wir sehen ganz einfach, was andere tun, gestehen uns ein, dass wir das auch gerne tun würden und lernen uns entsprechend zu organisieren. Doch was hindert uns so oft, das zu wollen, was wir eigentlich wollen? Die liebe Konvention.

Wenn Mama oder Papa immer gesagt haben, „Kind, sei bescheiden“ oder „du doch nicht“ und etwa davon überzeugt waren, dass Schuster immer brav bei ihrem Leisten bleiben sollten, dann haben diese Menschen eben Pech, wenn sie das auch noch glauben. Jedenfalls so lange, bis sie sich fragen, warum sie solche einschränkende Gedanken haben und nicht das für sie (!) Unmögliche einfach einmal denken. Ein Kind ist geistig noch nicht festgelegt, das hat diese Gedankensperre noch nicht im Kopf. Erwachsene aber schon. Und genau die gilt es zu überwinden. Aber wie gesagt, was Sie nicht denken können, können Sie noch nicht denken. Also denken Sie Unmögliches. Sie haben die Wahl. 

Entweder Sie schauen sich Filme von Rosamunde Pilcher und Krimis an oder eben Filme wie „Der letzte Samurai“ oder „Matrix„, entweder Sie lesen „Erbauliches“ oder Bücher wie „Im Land der Blinden“, „Schöne neue Welt“ und Geschichten wie „Freiwillige Knechtschaft“. Bei diesen drei Büchern habe ich während des Lesens nicht voller Hoffnung davon geträumt, wie schön es doch wäre, in einer heilen Welt zu leben, sondern ich habe mich selbst erkannt: Ich dachte kein Stückchen besser als alle anderen auch. Ich begriff, dass ich träumte, statt zu sehen, was wirklich ist. Denn die Lösung war und ist ganz einfach. Ich muss nur immer wieder bereit sein, (für mich) völlig Neues und damit für mich Unmögliches zu denken. Ich muss einfach nur in dem Land der noch nicht gedachten Möglichkeiten spazieren gehen.

Nur so kann ich dem inneren Gefängnis entkommen, indem ich es auflöse, die Grenze nicht mehr als Grenze sehe. Es gibt einfach keine Grenzen, nur noch nicht Gedachtes.

Aber wie gesagt: Noch nicht!