Polemische Gedanken

Welche Staatsform ist die beste?

Gerade las ich dieses Zitat eines unbekannten Autors: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.”

Das stimmt, war mein erster Gedanke. Doch mein zweiter war, ob nicht beide Alternativen, Demokratie wie Diktatur, nicht nur einen Denkfehler haben, sondern sogar auf ein und dem selben Denkfehler beruhen. Beide gehen ja davon aus, dass sie die Beste aller Regierungsformen sind – um die Interessen des Wählenden durchzusetzen. Es sind ja nie nur die an der Spitze, der das Ganze umsetzen, umsetzen tun das die Vielen, die mehr „Macht“ haben (!) als die anderen, die also das sagen haben und die demnach die „Mehreren“ sind. Das ist in der Diktatur so und auch in der Demokratie.

Das ganze wird dann über „Werte“ kommuniziert; doch Werte sind tatsächlich nur leere Worthülsen, wenn sie nicht auch gelebt werden. Ich habe noch nie einen Wert um die Ecke kommen sehen. Sie? Eine Demokratie ist wie eine Diktatur letztlich zum Scheitern verurteilt, wenn die Werte, auf der diese Staats- und Regierungsformen einmal aufgebaut waren, nicht mehr gelebt werden, wenn also das bisherige Kommitment verloren gegangen ist.

Die Frage ist doch, von welchem Menschen- und Weltbild die Wähler einer Demokratie wie einer Diktatur ausgehen und worauf sie aufbauen. Und das ist, was einem zuerst einmal ziemlich verrückt vorkommt, es ist schier unglaublich: Es ist das Selbe! Absolut identisch! Man kann die Welt, was immer man genau darunter verstehen mag, als etwas Bedrohliches empfinden, etwas, vor dem man sich schützen und gegen das man sich gegebenenfalls verteidigen muss. Oder man muss schauen, dass man zu seinem „Recht“ kommt, was immer das auch ist. Alternativ fragt man sich, was durch einen in die Welt gebracht werden will. Die beiden „Lager“ sind sich da möglicherweise uneins. Sicher ist nur, sie folgen einer dieser Theorien, die alle miteinander eines gemeinsam haben: Die Fragmetierung.

Bedenkt man jedoch die Aussage vieler Zen-Menschen, dass es keinen Handelnden gibt, sondern bloß die Handlung, aber auch keine Erfahrung, bloß den Erfahrenden, dann wird der Denkfehler klar: Wir gehen von uns selbst als Handelnde aus, weil wir von unseren Erfahrungen ausgehen. Zwei gedankliche Fehler, die zusammen einen gewaltigen Kurzschluss in unserem Denken verursachen. Dass ich mich selbst, wenn ich spreche oder schreibe, konventioneller Bezeichnungen wie „richtig“ oder „falsch“ bediene, bedeutet nicht, dass es die auch ganz real gibt (außer in technischen wie mechanischen Belangen). Das ist das „Problem“ mit unserer Sprache. Sie geht von etwas aus, was es „real“ aber nicht gibt. Es gibt nichts Einzelnes, was zum einen nicht zusammengesetzt wäre und sich zum anderen nicht in einem ständigen Wandlungsprozess befindet. 

Und da zeigt sich das „Problem“: Der Begriff „zusammengesetzt“ impliziert den Gedanken von real existierenden Teilen, die aber, schaut man einmal genau hin, tatsächlich selbst wieder zusammengesetzt sind. Je genauer man jedoch hinschaut, was übrigens die Quantenphysiker gemacht haben, desto weniger findet man. Letztlich bleibt nichts übrig. Darum sprechen sie auch von „Geist“, aus dem sich ihrer Ansicht nach alles zusammensetzt. Wie übrigens auch die Zen-Menschen.

Und das macht es irgendwie total einfach. Gehe ich nämlich davon aus, dass alles letztlich Geist ist, dann öffnet sich mir mehr und mehr ein Raum des Möglichen. Kein Raum voller Möglichkeiten, sondern eben des Möglichen, wobei ich nicht davon ausgehe, dass darin alles möglich wäre, sondern dass auch darin Prinzipien zur Anwendung kommen. Aber das ist ein anderes Thema. Nur was heißt das?

Nichts anderes als dass alles Geistiges, wie etwa Demokratie oder Diktatur, etwas zusammengesetzt ist, das auch wieder zerfällt und ganz anders zusammengesetzt werden kann. Es ist also nicht die Frage, was „richtig“ ist, Demokratie oder Diktatur, sondern die entscheidende Frage ist, ob wir über unser gemeinsames Leben auf diesem Planeten wirklich reden – oder ob wir nur unsere Ansichten darüber mehr oder weniger freundlich austauschen. Wir nennen das dann zwar im Idealfall einen „Dialog“, aber ist es das? 

Dialog ist ja nichts anderes als der Weg zur Sinnfindung, was erst einmal überhaupt bedeutet zu ergründen, „was“ wir überhaupt sind. Der „Sinn“, also unser „Sinn“, ist immanent, und den können wir nur dann „finden“, wenn wir uns selbst gefunden, also „erkannt“ haben. Wie heißt es doch in der Inschrift am Tempel des Apollo in Delphi? „Erkenne dich selbst!“ Dann hören wir auf, uns auf unzulässige Weise zu differenzieren und unser Denken zu fragmentieren. Und dann macht auf einmal der Satz von Krishnamurti Sinn: „You are the world!“ Wenn ich das verinnerlicht habe und auch so lebe, dann halte ich mich nicht bei Regierungsformen oder Parteien auf.

Bis jedoch alle Menschen so denken, das ist vielleicht ein langer Weg. Keine Ahnung. Was also bis dahin machen? Ich habe gerade eine Video mit Alexander Gerst gesehen (https://youtu.be/4YD4UPUagaA), das zum Nachdenken anregt. Der differenziert nämlich nicht, sondern sah und sieht das Ganze aus einer völlig anderen Perspektive. Vielleicht sollten wir uns öfters mal gedanklich in die ISS setzen und auf uns herunterschauen? Vielleicht regt diese gedankliche Extrospektion ja zur Introspektion an. Und vielleicht merkt dann der eine oder andere, dass es diese Differenzierung zwischen „extro“ und „intro“ überhaupt nicht braucht, einfach, weil es ein Denkfehler ist, nämlich dann, wenn man sich und das Ganze als eines erkennt und sieht. Was es ja auch ist. 

Ich bin mir bewusst, dass solche Gedanken von manchen oder auch vielen als polemischer Angriff auf ihre fundamentalen Überzeugungen angesehen werden, einen Angriff ohne jegliche sachliche Argumente. Nur, Pardon, das ist definitiv keine Polemik, denn ich habe dafür sehr wohl sachliche Argumente. Also komme man mir bitte nicht mit Gefühlen oder Vorurteilen sondern wissenschaftlichen Tatsachen. Und auf die beziehe ich mich ja schließlich auch. Und auf dieser Ebene muss man miteinander reden.

Natürlich weiß ich nicht, ob Wissenschaftler in hundert Jahren darüber lächeln werden, aber dieses Risiko gehe ich ein und gehe eben von dem aus, was Stand der Wissenschaft ist, statt von meinen Gefühlen oder Vorurteilen. Besser kann ich es nun mal nicht kommunizieren.

Übrigens: Demokratie ist in meinen Augen fraglos besser als Diktatur. Die Ideallösung aber ist wohl die Anarchie der freien Menschen, die sich im Dialog organisieren. Eine Utopie? Keine Ahnung. Aber man könnte damit ja mal im Kleinen anfangen.