Regeln

Warum sich daran halten?

Manchmal habe ich den Eindruck, es gehört mittlerweile fast zum guten Ton, sich nicht an Verkehrsregeln zu halten. Kann ich mich über die Rotlichtignorierer eigentlich aufregen, wenn ich eine APP nutze, die mir Blitzer meldet?

Geht es nur um das Vermeiden eines Bußgeldes beziehungsweise Fahrverbots oder haben Regeln einen anderen Sinn? Und berechtigt mich die Nichteinhaltung des erforderlichen Abstandes durch andere den Abstand selbst nicht einzuhalten?

Natürlich tut es das nicht. Es gibt nun mal keine Gleichbehandlung im Unrecht. Regeln sollen ja etwas regeln, zum Beispiel den reibungslosen Verkehr. Und die Regeln des StGB sollen die Gemeinschaft lebensfähig erhalten. Laotse hat das einmal als Abwärtsspirale formuliert: Sinn, Gewissen, Moral, Gesetz, Chaos.

Ok, ich fahre auch nicht immer mit dem Blick auf dem Tacho. Aber seit ich einmal bei einem Training gesehen habe, wie sich der Bremsweg mit zunehmender Geschwindigkeit erhöht, halte ich mich an die Regeln, erst recht in Ortschaften.

Aber noch etwas anderes treibt mich um. Angenommen, ich würde wissentlich lügen. Wäre ich jeweils ein anderer, wenn ich lüge und wenn ich nicht lüge? Vordergründig scheint das so, aber ist es auch wirklich so? Mein Gehirn und seine Struktur sind ja  immer die selben. Also bin ich doch der selbe Mensch, wenn ich lüge und wenn nicht. Die Haltung ist die selbe.

Und wenn ich mir einen Bewirtungsbeleg zum Absetzen bei der Steuer ausstellen lasse, wenn ich mit meiner Frau schick essen gehe, dann ist das schlicht und einfach Betrug. Werde ich dann plötzlich ehrlich, wenn es um große Beträge geht – oder ist mir einfach nur das Risiko zu groß, aufzufliegen? Man darf nur nicht auf seine eigenen Rechtfertigungen reinfallen.

Wenn ich mich selbst nicht an Regeln halte – und zwar ohne wenn und aber – darf ich mich dann über die aufregen, die sich (auch) nicht an Regeln halten, nur weil es da um viel mehr geht? Und kann ich mich über eine Firma aufregen, die steuerliche Möglichkeiten nutzt und da, wo sie Waren verkauft, keine Steuern zahlt, sich aber ansonsten rechtlich, jedoch nicht moralisch korrekt verhält? 

Irgendwie haben wir einen sehr elastischen und flexiblen wie anpassungsfähigen Begriff von Moral, Gesetz und Chaos. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Kann ich mich über einen Fake-News kommunizierenden Politiker aufregen wenn ich selbst nicht verifizierte und irreführende ‚News‘ verbreite? Das geht ja oft sehr subtil, einfach, in dem man Relationen weglässt, die einen das Ganze völlig anders interpretieren lassen würden. Etwa indem man nur Prozentzahlen kommuniziert, nicht aber die tatsächlichen Zahlen.

Dabei muss man klar Weg und Ziel unterscheiden. Niemand ist perfekt. Aber das Ziel ist es. Und daran richtet man sich aus – oder eben nicht. Es ist ja ein gewaltiger Irrglaube, dass wir bewusst handeln könnten. Hat man sich aber einmal  wirklich mit diesem Ziel auseinandergesetzt und sich kommittet, dann merkt man sehr schnell, wenn man sich nicht daran hält.

Und man merkt mit der Zeit, wie es immer selbstverständlicher wird. Aber nur, wenn eben dieses Kommittment besteht. Dann wird daraus eine Haltung.