Richtig, falsch oder doch beliebig?

Was ist Wahrheit? Wer kann sie wissen?

Richtig und falsch gibt es definitiv. Die Frage ist nur, ob es immer so sein muss.

Gesunde Menschen haben, wenn sie auf die Welt kommen, zehn Zehen, zehn Finger, zwei Beine, zwei Füße, zwei Hände, zwei Arme und einen Kopf. Da käme keiner auf die Idee zu sagen, das sei falsch. Falsch ist nur die Aussage, dass Kinder, die nicht so auf die Welt kommen, ‚falsch‘ sind. Das ist eine Interpretation, und die ist falsch.

Man muss also genau darauf achten, worüber man spricht. Andererseits muss man darauf achten, dass man Fakten – wenn es denn Fakten sind – nicht bewertet. Vielleicht allenfalls mit wahrscheinlich oder eher unwahrscheinlich. So wie Schrödingers Katze. Tod oder lebendig? Falsch hingegen ist die übliche Interpretation des ‚Versuchsaufbaus‘, denn Schrödinger hatte etwas ganz anderes im Sinn. Aber das interessiert schon lange niemanden mehr. Dabei ist es doch Schrödingers Katze. Aber wer will ihn schon verstehen? Und was heute ein Fakt ist, muss es nicht bleiben. Aber den zu ignorieren ist fahrlässig.

Das selbe ist mit Einsteins Zitat, dass Gott nicht würfle. Das stammt aus einer Zeit, als er sehr mit seinen Kollegen haderte und (provozierend) fragte, ob der Mond denn da wäre, wenn keiner hinschaut. Er dachte ‚natürlich ist der da‘ und war der festen Überzeugung, dass Gott nicht würfle. Was Neils Bohr zu der Feststellung veranlasste ‚Aber es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie Er die Welt regieren soll.‘ Also, ob Gott würfelt oder nicht, das wissen wir nicht, wir wissen aber, dass es objektiven Zufall gibt.

Ist der Mond jetzt da, wenn keiner hinschaut? Wissen wir definitiv nicht, denn dann dürfte es ja niemanden und nichts geben, das da hinschauen könnte. Also keinerlei Bewusstsein. Nur möglich wäre es schon, wenn ich die Quantenphysik richtig verstehe. Und? Fängt sich Ihnen so langsam an der Kopf zu drehen? Oder überlegen Sie gerade, ob Sie noch weiter lesen sollen? Nein, diese Welt ist nicht verrückt. Nur sie scheint uns verrückt zu sein, weil wir Schwierigkeiten haben, sie zu verstehen, sie richtig zu interpretieren. Aber das darf uns nicht dazu verleiten, in die Beliebigkeit abzudriften.

Denn wir wissen definitiv all diese Überlegungen. Wir sind nicht mehr unwissend. Dieses Wissen werden wir auch nicht mehr los. Und es zu ignorieren ist wirklich fatal. Habe ich nämlich ein falsches Weltbild, dann habe ich auch ein falsches Bild von mir selbst. Und das bedeutet zu leiden. Leiden an sich selbst; an der eigenen Ignoranz – und nicht etwa an der Unwissenheit! Wir Menschen, also die meisten von uns, wissen einfach zu viel, als dass wir noch glücklich leben könnten, wenn wir uns nicht mit all diesen Fragen und den daraus resultierenden Interpretationen beschäftigen.

So zu tun, als wäre da nichts, ist wie gesagt fatal. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und jetzt schnell wieder den Deckel zu – das ist ziemlich blöd. Schließlich soll sich ja am Boden der Büchse die Hoffnung befinden. Also sollten wir diese Büchse wirklich auspacken und nicht schnell wieder zumachen. Was wir Menschen ja dummerweise noch tun. Also aufmachen und wirklich hinschauen!

Und das beantwortet auch die Frage, wer die Wahrheit wissen kann, nämlich jeder, der bereit ist, der Büchse der Pandora auf den Grund zu gehen. Aber Vorsicht! Wahrheit ist kein absolutes Ding! Es ist immer nur die Wahrheit, die ich (nicht man) jetzt erkennen kann. Also sprechen wir lieber von Wirklichkeit.