Schattenarbeit

Es ist hilfreich, einmal seinen Schatten genau zu betrachten. Dann versteht man eher, wie man ist.

Man kann seinen Schatten nicht beerdigen, egal, welche phantasievollen Erklärungen man dafür findet. Ein Schatten kann nur von der Realität beeinflusst werden, deren meist verzerrte und substanzlose Projektion er ist. 

Heißt das, dass, ändere ich „meine“ Realität, ich auch „meinen“ Schatten ändere, ihn vielleicht sogar töte? Wo Licht ist, ist nun einmal Schatten, also kann ich ihn nicht töten, aber es wird ein anderer Schatten sein.  Das Ich-Konzept, das ich jetzt gerade habe, und das eben „meinen“ Schatten wirft, kann ich nur dadurch ablegen, dass ich ein anderes Ich-Konzept kreiere. Also geht es letztlich darum, eine andere, stimmigere Ich-Realität zu leben und die alte einfach sein zu lassen. 

Eine Vorstellung von mir selbst habe ich ja immer, entweder es ist eine bekloppte, die man gemeinhin „Ego“ nennt, oder eine, die im Einklang und im Konsens mit dem zu sein sucht, was wir über die Welt, den Kosmos, die Natur und über uns Menschen wissen und denken, also der Wirklichkeit, wie sie sich zeigt und wie ich sie ohne Konzepte betrachten kann, wie ein Wissenschaftler, und nicht was ich glaube, dass es Realität wäre, also ohne meine Phantasien und Vorstellungen.

Die alten Chan-Patriarchen betonen ja immer, dass Geist nicht durch Geist zu erlangen sei, aber mit diesem Spiel über Bande, wie ich es nenne, kommt es vielleicht hin. Hubert Benoit hat eine Erklärung, die vielleicht auch die Wirkungsweise dieses Vorgehens stützt. Wäre mir jedenfalls recht. Eine Umleitung der Aufmerksamkeit lenkt die Energie auf einen konkreten Punkt, an dem sie sich dann manifestiert – Energie, die sich normalerweise in unnützen Affekten und Fantasien verteilt. 

Die Person, die sich mehr oder weniger bekloppte Gedanken macht und die ich „Ich“ nenne und die auf den Namen „Peter“ hört, ist ja nur eine Zwischenebene, es ist nur eine Spielfigur in einer virtuellen Inszenierung. „Chef“ ist und bleibt der Geist. Aber dem ergeht es wie so manchem Chef, auf den keiner mehr hört, sondern jeder macht, was er lustig ist. Und genau das passiert, wenn wir uns mit unseren geistigen Schöpfungen identifizieren, also nicht mit der Person, sondern mit „meiner“ Realität. Echt fatal.

Das ist noch einmal etwas anderes wie sich mit „seiner“ Person zu identifizieren. Die Person ist ja nur der Ort, wo ich manifestiert bin. Und das so zu sehen ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Problematisch wird es nur, wenn ich mich mit „meiner“ Manifestation identifiziere und sie auch noch mit meinem Potential gleichsetze, damit reduziere ich mich selbst auf das, was ich gerade bin und schließe alle weiteren Möglichkeiten schlicht aus, wie ich sein könnte. Richtig übel wird es, wenn ich mich mit „meiner“ Realität identifiziere.

Beispielsweise Motorradfahrer sollten diese Zusammenhänge sehr gut erkennen können. Die Energie folgt nun einmal der Aufmerksamkeit, ohne wenn und aber. Ist man schnell unterwegs, wirken sich Ablenkungen und Abschweifungen fatal aus. Und wenn sie das richtige weil notwendige Verhalten nicht eingeübt haben, dann können sie es auch nicht. Da ist ja alles perfekt, könnte man denken. 

Ist es aber nicht. Denn ganz frei von Ich-Darstellung sind leider die Allerwenigsten. Es bleibt eben immer noch ein Ich-Konzept erkennbar. Aber es geht noch weiter. Sobald sie nämlich nicht mehr fahren, schlägt ihr durch das Fahren und seine Notwendigkeiten überlagertes Ich-Konzept wieder gnadenlos zu. Und sie sind wie immer. Aber wie immer fängt es mit einer Entscheidung an. Wie sagt doch Graham Brown: 

Wir sind das, wofür wir uns entscheiden.