Selbsterziehung

Man kann das Identische tun, doch damit ist noch lange nicht gesagt, dass es auch das Selbe ist.

Entscheidend ist letztlich, welcher Motivation man folgt. Ich bin, wie jeder andere auch, ja ein Gesamtkunstwerk, wobei wir jetzt bitte einmal die Bewertung des Ganzen als „Kunst“ einfach einmal dahinstehen lassen. Das ist natürlich eine sehr subjektive Einschätzung. Wie übrigens alles, denn es gibt nichts Objektives auf dieser Welt. „Objektiv“ ist ja nur das, worüber oder wofür es ein entsprechendes Kommitment gibt.

Und genau damit fängt auch an, wie wir überhaupt „leben“. Es gibt leider nichts und niemand, was oder der einem die Entscheidung abnehmen könnte, was man tun soll. Alles muss man es für sich selbst mit „passt“, „egal“ oder „passt nicht“ bewerten – und das tut man letztlich auch, selbst wenn einem das nicht immer so klar ist. Nur zur Erinnerung: Niels Bohr hat einmal festgestellt, dass man die Wirklichkeit zwar beschreiben, aber nicht sagen könne, was sie ist. So im Sinne einer Definition. Also keine (Natur-) Gesetze, sondern nur Beschreibungen. Und bisher hat im noch keiner seiner Kollegen widersprochen. Gilt genauso übrigens auch für unsere Werte. Was jetzt aber nicht bedeutet, dass es nicht interessante Menschen gibt, deren Leben einem so als eine Art Landkarten dienen könnte, doch gehen oder tun muss man immer noch selbst. Also ich.

Und damit stellt sich mir definitiv die Frage, aus welcher Motivation heraus ich tue, was ich tue. Etwa warum ich meditiere. Oder wie. Entweder handle ich aus der Motivation des Egos heraus (was immer das ist), indem ich etwas Spezifisches nur für mich erreichen will, oder ich will mich damit gerade nicht mehr identifizieren, weil es ja etwas ist, das es gar nicht gibt. Dass wir diese „Erscheinung“ üblicherweise als „Ego“ bezeichnen tun wir ja nur, weil wir es unbedingt vermeiden wollen darüber zu reden, worum es wirklich geht. Das „Ich“, das es ja nicht gibt. Nur als Beschreibung eines Phänomens des Lebens. Aber wirklich geben tut es das nicht. Also mich. Aber reden Sie mal darüber! Viel Spaß mit dem Unverständnis, das Ihnen entgegen schwappen wird.

Da braucht man dann schon wetterfeste Kleidung. Ich versuche mich immer damit zu retten, dass ich es ein sprachliches Ich nenne, wenn ich über mich spreche. Aber in Wirklichkeit (jetzt fragen Sie aber bitte nicht, was denn Wirklichkeit wäre!) gibt es das nicht. Was also soll ich selbst erziehen, wenn es mich ja doch nicht gibt? Das sind solche Überlegungen, mit denen man die Menschen so richtig kirre machen kann. Aber wie kann ich ich selbst sein, wenn ich irrige Annahmen über mich selbst habe? Eben. Geht ja überhaupt nicht. Aber dies zu erkennen ist ja das Ziel, das ich anstrebe, auch wenn ich dabei nichts erreiche, sondern etwas los werde. 

Aber erst einmal ist das nicht mehr als nur eine Erkenntnis. Eine Erleuchtung, wenn Sie so wollen, denn da hat jemand das Licht angemacht. Und das war es dann mit der Dunkelheit. Oder der Illusion. Mein Enkel Paul übt das gerade mit seinen knapp zwei Jahren. Licht anmachen. Ein kleiner Druck und schon scheint alles anders zu sein. Obwohl das ist es nicht, man sieht es nur. Aber meist nicht lange, denn „schwupp“ ist es wieder aus. Das ist das Üble bei solchen Erleuchtungen, sie sind nämlich nicht von Dauer. Vergisst man das, dann krallt sich das sofort das Ego. Fühlt sich super an. Ist aber leider auch nur eine Illusion.

Was kann man also tun, um das Licht anzulassen? Und nicht wieder einzuschlafen? Also Paul würde ich einfach sagen, er soll bitte das Licht anlassen. Was ja eine Nicht-Handlung wäre. Und so ist es auch mit der Erleuchtung der Erwachsenen. Man muss nichts tun, sondern etwas nicht tun. Und so wie seine Eltern – nehme ich jedenfalls an – Paul zu erziehen suchen, dass er das Licht eben anlässt, wenn es dunkel ist, damit sich nicht alle wieder stoßen und ständig Dinge umwerfen und lieber gar nichts tun, genau so sollte man sich selbst erziehen, damit das Licht der Erkenntnis an bleibt.

Also gehe man her und definiere die Prinzipien, die man bei dem Phänomen „Leben“ beobachten kann. Wenn ich eine Tasse fallen lasse, geht sie kaputt. Dabei spiel es keine Rolle, dass sie ja nicht nicht durch die Schwerkraft bedingt fällt, sondern sich nur im Raum-Zeit-Kontinuum bewegt. Kaputt ist kaputt. Also stelle ich sie vorsichtig auf den Tisch. Auch wenn es den Tisch nicht wirklich gibt, sondern irgend etwas, was ich und andere als Tisch wahrnehmen. Oder zu einem Tisch gemacht haben. Für die Tasse genügt es, sie auf den Tisch zu stellen. Und Punkt.

Nur, genügt das auch für das Leben? Betrachte ich das einmal pragmatisch, dann hätten wir viele spannende Dinge nicht, hätten nicht Einstein und seine Kollegen erkannt, dass es Materie „eigentlich“ nicht gibt. Ganz schön paradox. Weil sie erkannten, dass da Nichts ist (also nicht nur nichts ist, sondern wirklich Nichts ist), erkannten sie, dass man irre Sachen machen kann, vorausgesetzt, man hat das Prinzip erkannt. Zum Beispiel Teilchen zu beamen. Kein Witz. Kann man. Ist nur unmöglich, das ohne das Licht der Quantenphysik überhaupt zu sehen.

Also definiere ich die Prinzipien. Etwa im Dunkeln gut munkeln ist aber man nichts sieht. Also soll das Licht anbleiben. Und so wie sich Paul letztlich selbst diszipliniert das Licht anzulassen, können auch wir uns disziplinieren, das Licht der Erkenntnis anzulassen und nicht immer wieder auszuschalten. Aber das braucht Erziehung. und da wir keine Eltern haben, die das für uns übernehmen, machen wir es eben selbst. Wir erstellen uns aufgrund der erkannten Prinzipien (Das Licht soll anbleiben) Regeln (Finger weg vom Lichtschalter!) an die wir uns dann aber auch halten sollten.

Das „Problem“ vieler Menschen – und ich spreche da aus Erfahrung – ist, dass sie zwar die scheinbar passenden Dinge tun, aber aus einer nicht stimmigen Motivation und Intention heraus. Und sich dann wundern, wenn es doch nicht so wird, wie sie eigentlich gedacht haben. Wie sagte doch Adorno sinngemäß? Es gibt nichts Richtiges im Falschen! Also muss man erst einmal klären, was man überhaupt will. Um sich dann zu fragen, mit welchen Prinzipien das umgesetzt werden kann, um in einem weiteren Schritt die Regeln festzulegen.

Ist wie das Erstellen einer Website. Zuerst überlegt man sich, was man überhaupt will. Dann löse man sich aus der Ichhaftigkeit und denkt noch einmal genau darüber nach, was man damit wirklich erreichen will. Im nächsten Schritt fragt man sich wie das Ganze aussehen müsste, damit genau das auch beim Betrachter ankommt. Also idealerweise, wissen kann man es ja nicht. Hat man das verstanden, dann lässt man auch das sein und überlegt sich nur, was man denn damit ausdrücken will. Man kommt also von dem hohen Roß des Erreichen runter und begnügt sich mit dem, was man ist. Dazu muss man immer wieder bereit sein, die Ichhaftigkeit zu erkennen und ihr aus dem Weg zu gehen. Im Erkennen der Ichhaftigkeit weiß man auch, was man genau tun müsste, damit das nicht wieder vorkommt. Also definiert man eine entsprechende Regel. Und dieses Regelwerk macht man so einfach wie möglich und so komplex wie nötig. Solche Regeln dürfen aber nie statisch sein, genauso wenig, wie sie beliebig sein dürfen. ist nicht kompliziert, nur komplex.

Und daran hält man sich dann. Also ich natürlich. Idealerweise immer, logisch. Ausrutscher passieren, klar. Aber auch wie man damit umgeht ist eine Regel wert.