Selbstüberwindung

Warum geht wirkliche Veränderung und Entwicklung immer mit Schmerz und Wut einher?

Ganz einfach, weil jede wirkliche und grundsätzliche Veränderung und Entwicklung letztlich Selbstüberwindung ist. Biologisch gesehen bedeutet Veränderung und Entwicklung ja nichts anderes, als neue neuronale Strukturen zu bilden. Und das heißt nichts anderes, als dass ein paar alte aufgelöst werden müssen. Neu gegen alt.

Nein, der Umbau der neuronalen Gehirnarchitektur tut überhaupt nicht weh. Das merkt man nicht einmal. Also den Umbau, die Wirkung schon. Die Wege, die wir im Außen gehen, sind ja die Wege, die wir in unserem Gehirn abgebildet haben, sonst könnten wir sie ja nicht ganz selbstverständlich denken.

Doch was schmerzt dann, was macht die Wut aus? Solange wir uns mit uns selbst identifizieren, und das bedeutet letztlich mit unserer Gehirnstruktur, solange bedeutet jede Veränderung und Entwicklung unmittelbar eine Veränderung und Entwicklung des Ich-Gefühls.

Und das tut weh. Verdammt weh sogar. Solange wir an diesem Gefühl festhalten, ein eigenständiges, aus sich selbst heraus existierendes Ich wäre da irgendwo und irgendwie in uns drin. Und genau deswegen bedeutet jede ernsthafte Veränderung und jede Entwicklung Selbstüberwindung. Jedenfalls solange, wie wir dieses Ich noch fühlen.

Doch dieses Ich aufzugeben bedeutet den größten Schmerz, die größte Verzweiflung, ein vollkommenes Scheitern seiner selbst. Ist ja auch logisch. Wir glauben eben erst einmal felsenfest an dieses Ich. Sogar den großen Einstein trieb es zur Verzweiflung, als ihm sein Weltbild abhanden kam. Sollte man nicht vergessen. Weltbilder und Selbstverständnis, also dieses Ich-Verständnis, sind so eine Art eineiige Zwillinge. Die leiden auch immer, wenn dem anderen was passiert.

Aber es lohnt sich, diesen Schmerz zu ertragen. Definitiv. Es lohnt sich wirklich. Aber man kann ihn niemandem abnehmen, so sehr man das auch gerne täte. Nein, das kann man wirklich nicht. Leider. Wege zeigen, ja, aber gehen muss jeder selbst.