Sicherheit versus Veränderung

Wer behält die Oberhand? Wer gewinnt?

Eine Frage, die ein Freund heute stellte: Kann ich mich, frei von Furcht etwas zu verlieren, verändern, wobei mir ein Gefühl der Sicherheit erhalten bleibt? Mit anderen Worten: Wie kann ich risikofrei und dennoch wagnisorientiert leben? Wie kann ich den Widerspruch auflösen? Eine wirklich hervorragende Frage! Und eine gute Gelegenheit, sich dessen wieder einmal bewusst zu werden. 

Gestolpert bin ich erst einmal über das Wort ‚Veränderung‘, denn das ist leicht misszuverstehen. Sicherheit und Veränderung werden ja oft als zwei sich gegenüberstehende Pole angesehen. Wenn dies, dann das andere nicht und umgekehrt. Und genau das ist in meinen Augen der gedankliche Fehler. Oder auch nicht.

Veränderung geschieht ständig, was ja ganz normal für einen lebendigen Prozess ist. Nie fließt das selbe Wasser des Lebens vorbei. Also wende ich mich der Sicherheit zu. Was verstehe ich überhaupt unter Sicherheit? Wenn ich über eine Brücke gehe, habe ich gerne die Sicherheit, dass sie auch hält. Oder dass an meinem Motorrad alles technisch in Ordnung ist. Aber ist das die Sicherheit, die er meint? Sicher nicht!

Es gibt einen wohl technisch zu nennenden Bereich in meinem Leben, in dem ich Sicherheit sehr begrüße. Und es gibt einen anderen Lebensbereich, in dem mich ‚Sicherheit‘ starr und unbeweglich werden lässt. Und damit sind wir mitten drin im Schlamassel. Es gibt zwei Lebensbereiche. Wie in der Physik. Da gibt es den mechanischen Teil, der sich wunderbar kalkulierbar an Newtons Physik hält. 

Und dann gibt es einen anderen Teil, der auf die Regeln der Mechanik pfeift, die sogenannte Welt der kleinsten Teilchen, was ja auch wieder falsch ist, denn irgendwie findet ja letztlich keiner Teilchen. Die lösen sich immer auf, wenn man sie zu fassen sucht. Vorausgesetzt, man will ganz auf den Grund gehen und der Materie das letzte Geheimnis entreißen. 

Also muss man sich immer fragen, wo man sich denn gerade befindet. Geht es um etwas Mechanisches oder etwas Grundsätzliches? Wir haben leider nur eine Sprache – nämlich für Mechanisches und keine für Grundsätzliches. Nagarjuna hat sich ja mit den Begriffen ‚relative‘ und ‚absolute‘ Wirklichkeit das Ganze versucht erklärbar zu machen. Wir haben erst einmal schlicht und einfach ein sprachliches Problem, dessen sich bedauerlicherweise die wenigsten überhaupt bewusst sind. Aber ganz im Ernst, gibt es eine ‚relative‘ und gleichzeitig eine ‚absolute‘ Wirklichkeit? Kann das überhaupt sein?

Das ‚Problem‘ fängt schon damit an, dass wir uns unsere Gedanken in der Regel nur über den Bildschirm der Sprache bewusst machen können. Und wenn ich auch noch weiß, dass ich nur das sehen kann, was ich denken kann und das üblicherweise auf das mir bewusst Gewordene, also in Sprache Gefasstes reduziere, dann weiß ich, dass ich in meinem selbst errichteten Wahrnehmungsgefängnis sitze.

Lasse ich mir das durch den Kopf gehen, dann wird mir bewusst, dass ich scheinbar nicht über mich hinaus denken kann. Meine Denkfähigkeit ist die Grenze, über die ich nicht hinauskomme. Andererseits sage ich mir immer, dass ich ja ein Aspekt des Universums und des Kosmos bin, also letztlich der Kosmos bin. Nur dass ich blöderweise immer an der Gefängnistür halt mache und nicht darüber hinausgehe. Also nicht darüber hinaus denke.

Aber wenn ich das weiß, dann muss doch diese verflixte Gefängnistür zu öffnen sein? Und das auch noch ganz leicht, indem ich einfach weiter denke?! Doch in dem Augenblick, in dem ich mir ein Bild mache – und das auch noch nicht bewusst! – ist die Tür fest verschlossen und das Fenster vergittert. Diese inneren Bilder und Vorstellungen von der Welt sind die ‚Sicherheit‘ die ich habe, da kenne ich mich aus. Und sperre mich selbst ein. Es sei denn …  ja, was statt dessen?

Was also tun? Ich fange damit an, mir erst einmal darüber im Klaren zu sein, dass ich Sprache und die darin enthaltenen Begriffe nicht als gegeben und real existierend ansehen darf, sondern in ihnen die Leiter sehe, über die man hinaussteigen muss, will man etwas verstehen, wie Wittgenstein es formulierte. Die erste Bastion der Sicherheit fällt. Oder wird nicht doch eher die Gefängnismauer ein wenig baufällig? Und wenn ich dann weiter und weiter denke, immer grundsätzlicher, dann öffnet sich das Bild, das ich mir von der Welt, immer weiter auf, bis es am Ende nur eine Idee ist, ein Gedanke ist, Geist. Da hört dann meine Denkfähigkeit auf, weiter kann ich einfach nicht denken. Ende der Vorstellung.

Wenn ich jetzt einmal ‚Veränderung‘ als Metapher dafür ansehe, die Welt mehr und mehr zu sehen, wie sie wirklich ist, dann steht dem sozusagen als Gegenpol ‚mein‘ Welt- und Menschenbild gegenüber, das mir Sicherheit gibt. Also löse ich das Dilemma dadurch auf, dass ich die Wirklichkeit nicht als absolut gegeben ansehe, sondern immer nur das Bild sehen kann, das ich mir von ihr mache. Obwohl, bin ich mir dessen bewusst, dann kann ich mir ja ein Bild davon machen … . Ein echtes Mysterium! Also tausche ich Sicherheit gegen Mystik und dem tiefer und tiefer gehen sind keine Grenzen mehr gesetzt. Hoffe ich jedenfalls.

Aber eine Sicherheit bleibt mir: Was ich auch denke, zu welcher Erkenntnis mich das führen wird, ich werde deswegen aber nicht verschwinden. Ich sage immer, dass ich dann immer noch auf dem Stuhl sitzen werde. Und selbst wenn ich nur ein Gedanke bin, ohne wirkliche Substanz, ich werde immer noch erleben, wie ich hier tippe, selbst wenn es in Wahrheit keine Tasten gibt und alles nur ein Traum wäre. Nichts ändert sich wirklich. 

Und schon löst sich die Veränderung in Wohlgefallen auf. Denn es verändert sich doch gar nichts, absolut nichts. Alles bleibt, wie es ist. Nur meine Sichtweise ändert sich. Und die Sicherheit? Wozu brauche ich hier Sicherheit? Es passiert doch überhaupt nichts, außer dass ich aus einer Illusion erwache!