Von Splittern und Balken

Warum wir für uns selbst das Offensichtliche nur so schwer erkennen können.

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ So steht es bei Matthäus 7.1.3. Das sage ich auch, wenn ich feststelle, dass meine Nachbarn die Macken des anderen sehr klar sehen, aber die eigenen nicht. Und ich auch nicht, logisch. Warum das so ist, finde ich einfach zu erklären.

Bei meinen Nachbarn sehe ich nur die äußere Schicht, das was sie konkret tun, doch ohne dass ich auch nur annähernd wüsste, warum sie es tun. Bei mir selbst ist das aber ganz anders. Ich könnte eigentlich sehen was ich tue, doch damit mir das bewusst würde, wirklich bewusst, dafür müsste ich das Ganze sehen können und nicht nur die  Oberfläche, so wie meine Nachbarn. Denn mein System kennt ja die ganze Geschichte, die, die dahinter steht, warum ich tue, was ich tue.

Nur, dass mein System die Geschichte kennt, das heißt ja leider nicht, dass ich mir dessen auch bewusst sein könnte. Also sehe ich auch immer nur eine Oberfläche, doch die ist wunderbar rationalisiert und mit Erklärungen umrahmt, die bei genauem Hinschauen doch nur Rechtfertigungen sind.

Aber das mit dem genauen Hinschauen ist so eine Sache, das mache ich ja nur, wenn ich mir auch eingestehen will, was da so alles in den Abgründen meiner Psyche schlummert. Klar, werden viele sagen. Sage ich ja auch. Aber dazu muss man eben bereit sein sich anzuhören, was die lieben Nachbarn so über einen sagen.

Und das dann zur Selbstreflexion nutzen. Und genau deswegen ist Gemeinschaft so wertvoll und wichtig. Vielleicht hat Martin Buber (auch) das damit gemeint, als er sagte, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Aber vielleicht sollten wir einfach nur mehr lauschen. Denn wie heißt es doch so schön: 

Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand.