Sprache und Verständnis

Warum Sprache nicht immer ausreicht, um jemanden zu verstehen.

Manchmal. kommt es einem vor, ein anderer spreche in Rätseln. Das kann daran liegen, dass er sich schlicht und einfach nicht klar und präzise genug ausdrückt. Oder dass er nicht richtig überlegt hat und es nicht logisch ist, was er da so von sich gibt. Es kann aber auch einen ganz anderen Grund geben, warum wir einen anderen nicht verstehen. Wenn wir ihn nämlich nicht verstehen können. Und das hat, auch wenn Kann-nicht normalerweise in der Will-nicht-Straße wohnt, nichts damit zu tun, dass er nicht wollte, er kann es einfach nicht.

Das hat leider viel zu oft nicht gesehene Gründe. Würde es nämlich gesehen, würde es vieles leichter machen. Sprache ist für uns Erwachsene ja ganz selbstverständlich. Dabei übersehen wir dummerweise nur allzu leicht, dass, wie manche Philosophen es sehen, darin, also in der Sprache, nicht nur ein Weg gesehen werden kann, mit und auf dem wir die Welt ergründen können, sondern sich vielmehr die Welt für uns bildet. Mit anderen Worten: Sprache ist nicht nur ein Instrument, um die Welt zu erkennen, sondern Sprache bringt auch die Welt hervor, die wir wahrzunehmen in der Lage sind.

Hier steigen die meisten schon aus. Wo bleibt dann bitte die Verlässlichkeit einer objektiven Welt? Wittgenstein etwa sagt, dass ‚die Welt, in der wir leben, die Welt unserer Sprache ist‘. Die Bedeutung unserer Begriffe wird durch ihren Gebrauch innerhalb der sozialen Gemeinschaften oder Kulturen bestimmt. Und er stellt auch fest, dass wir wie eingesponnen sind in Kommunikation; selbst unser Ichbewusstsein hängt … von Kommunikation ab. Oder nehmen Sie Watzlawick. Wer beschäftigt sich schon bei der eigenen Sprache mit radikalem Konstruktivismus und fragt sich – ernsthaft! – einmal, was es eigentlich bedeutet, was er so sagt.

Man braucht nur die verschiedenen Sprachen auf der Welt einmal genau zu betrachten um zu sehen, dass das, was wir nicht denken können, wir auch nicht ausdrücken können. Was nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen ist, dafür haben sie einfach keine Sprache. Ein Problem, dass nicht nur Mystiker haben, sondern übrigens auch die Quantenphysiker! Hans-Peter Dürr hat es immer wieder beklagt, dass es keine Sprache gibt, besser keine Worte, um das ausdrücken zu können, was er empfindet.

Was für den einen unsagbar ist, kann für den anderen undenkbar sein, einfach, weil er keine entsprechende Erfahrung hat. Und dann gibt es eben auch keine Sprache, mit der man ihm dies verständlich machen könnte. Und genau da sitzt unser Problem: Unsere Sprache ist eine Sprache, die auf einem mechanistischem Weltbild gründet. Für ein komplexes Weltbild haben wir einfach keine Sprache. Viele weichen dann auf eine emotional geprägte Sprache aus, was aber genau das Gegenteil bewirkt, es wird immer unverständlicher und mystizistischer. Wie sagte doch Wittgenstein? Was man ausdrücken kann, muss man auch klar sagen können. Oder so ähnlich. Und wenn nicht, dann muss man eben schweigen.

Wer authentisch ist, der produziert keine Worthülsen, sondern nimmt es in Kauf, erst einmal nicht verstanden zu werden, in der Hoffnung, dass der andere sich auf ihn einlässt, um ihn dann doch noch intuitiv zu verstehen. Tut er das aber nicht, dann wird er den anderen wohl nie verstehen können. Damit aber müssen dann beide leben. Klingt irgendwie trostlos, ist es aber definitiv nicht. Tatsächlich liegt darin eine enorme Kraft und Stärke. Wenn dem einen bewusst ist, dass er aus einer Erfahrung spricht, die der andere nicht hat, dann schweigt er oder er klärt das. Dann gibt es auch keine Missverständnisse.

Hier zeigt sich die Notwendigkeit eines stimmigen Settings, also einer klaren und für alle eindeutige Beziehung zueinander, wenn die Beziehung gelingen soll. Oft ist es ja so, dass Menschen tatsächlich nicht auf ‚Augenhöhe‘ miteinander sind, sondern ganz unterschiedliche Erfahrungen haben. Als Menschen sind sie das, keine Frage, aber eben nicht in der Sache. Das erinnert mich immer daran, wenn Eltern Freunde ihrer Kinder sein wollen, statt Eltern zu sein. Kinder brauchen Eltern. Freunde finden sie sowieso. Wichtig machen sich aber nur die Eltern.

Es kommt also, wie so oft, auf das stimmige Setting an.

Absolut lesenswert zu dieser Thematik: Erich Fromm, Das Undenkbare, das Unsagbare, das Unaussprechbare.